davon zu den ihrigen, und von allen den stolzen Namen, mit denen ich das Maul voll nahm, war auch nicht Einer von ihrer Bekanntschaft! Selbst von Dir, lieber Eduard, hatten sie nie gehört, so schön sie auch waren. Ich war trostlos. Indess schien mir noch nicht alles verloren. – "nennen Sie mir," sagte ich, "nur einige Personen aus Ihrem Zirkel; es müsste nicht gut sein, wenn wir nicht am Ende zusammen treffen sollten." – Aber da ging es eben so unglücklich. Ich wusste ihr auf keine ihrer höhnischen fragen, weder wo der Monddoktor wohne, noch wen die alte Sibylle auf dem Johannismarkte geheiratet habe, noch auf andere dergleichen Dinge, womit sie mich in die Enge trieb, den geringsten Bescheid zu geben, und ich sah wohl, dass ich so lange bei ihr für einen Prahler gelten würde, bis ich mich durch andere Umstände legitimirte, die besser zu den ihrigen passten. Ich erbot mich daher, sie nach Tische auf ihr Zimmer zu begleiten, und mich dem scharfen Examen ihres Herrn Vetters zu unterwerfen. Sie versicherte mich, dass es ihnen lieb sein würde, setzte bis dahin ihren Verdacht bei Seite, und schwatzte nun von allerei gleichgültigen Dingen, die mir aber gar nicht unwichtig schienen, so lange sie ihr weisses, freies, deutsches Gesichtchen mir zukehrte, in das ich mit wahrer Vaterlandsliebe blickte. Als sich ihr Herr Vetter gesättigt hatte, standen wir alle auf seinen Wink auf; ich bot seinen beiden Nichten den Arm, er schlenderte hinter uns her, und sie hatten nichts dawider, dass ich befahl, uns einige Erfrischungen auf die stube nachzubringen.
Mein Vorstand bei dem Herrn Vetter war sehr kurz. Nach zwei Worten war er von der Wahrheit meines Vorgebens überzeugt, ich erhielt Ehrenerklärungen von den Damen, und wurde nun mit gegenseitiger Freude für ihren Landsmann erkannt; denn in einer je grösseren Entfernung von der Heimat man einen Mitbürger findet, desto lieber wird er uns. Es ist, als ob der Gedanke eines gemeinschaftlichen Vaterlandes erst ausserhalb desselben Stärke bekäme. Die äussern Verhältnisse, wodurch er dort nur zu leicht geschwächt wird, verlieren ihren Druck durch die Weite des weges. Der Abstand der Vornehmen von den Geringern scheint sich von selbst aufzuheben, wo die Abstufungen fehlen, die den Zwischenraum ausfüllen, und man umarmt sich aus patriotischem Gefühl, ohne lange zu fragen, zu welcher Kaste gehört ihr? Es tat mir so wohl wieder einmal neben Menschen zu sitzen, die seit ihrer Jugend, wo nicht einerlei Gesellschaft mit mir genossen, doch dieselben Glocken, dieselben Trommeln gehört hatten – den Tiergarten so genau kannten als ich, und, so gut wie ich, gegen Berlin alle andere Städte verachteten, durch die sie gekommen waren. Wir wechselten unsere politischen Bemerkungen, wie unsere eigne geschichte, auf das traulichste gegen einander aus. Ich wäre, glaube ich, aus Ueberfluss des Herzens im stand gewesen, ihnen mein geheimes Tagebuch vorzulegen, wenn es die Zeit erlaubt hätte, und sie waren eben so wenig zurückhaltend gegen mich. Vorzüglich machte sie ein Glück schwatzhaft, das ihnen über dem Meere bevorstand. Die Sache hing so zusammen.
Eine Schwester des Herrn Visitators und Tante seiner beiden Bruderstöchter, die – sagte die eine – in ihrer Jugend bildschön war, hatte in dem siebenjährigen Kriege einen französischen Proviant-Bedienten geheiratet, der, nach unglaublichen Abenteuern zu wasser und zu land, sich endlich mit ihr in St. Domingo niederliess, sich dort – fiel hier der Visitator ein – erstaunliches Vermögen erwarb, und auf seinem Todbette es seiner witwe vermachte. Durch die Länge der Zeit war das gute Weib nun auch hinfällig geworden. Sie soll, lispelte die andere Nichte, sehr kränkeln, und kann sich fast gar nichts mehr zu gute tun. Ihr vieles Geld kann sie auch nicht mit aus der Welt nehmen. Das bedachte sie, und Gott rührte ihr Herz, dass sie sich noch in zeiten nach ihren armen Verwandten umsah, und sie mit dem Versprechen zu sich einlud, ihnen ihre Erbschaft zuzuwenden. Der Herr Vetter suchte sogleich, wie er diesen wichtigen Brief erhalten hatte, um Entlassung aus preussischen Diensten an, die er auch auf das allergnädigste erhielt, und reist nun, überflüssig mit Gelde versehen, das ihm seine liebe Schwester von Banquier zu Banquier anwies, mit den beiden einzig übrig gebliebenen Sprösslingen der Familie einem Reichtum entgegen, auf den er, wie er mich heilig versicherte, in seinem ganzen Leben nie rechnen konnte. Indess verschwört es der gute Mann nicht, wenn er bald genug zum Besitze dieser Glücksgüter gelangen sollte, wieder in seine Vaterstadt zurück zu kehren; denn er stellt sich es doch als einen grossen Spass vor, sich einmal allen den Augen in einem gewissen Anstande zu zeigen, die ihn von Jugend an nur als einen Lump gekannt hätten.
Ich unterdrückte das Lächeln, zu dem mich diese entfernte Hoffnung des ehrlichen Mannes so kurz vor seiner Hinreise, und die treuherzig wichtige Miene, mit der er sie vorbrachte, nur zu sehr reizten. Der Gedanke ist so natürlich, Eduard: es scheint uns ja allen, so viel wir unser sind, auch das grösste Glück fast kein Glück mehr, wenn wir es immer entfernt von unserer Heimat geniessen, und nicht die Freiheit haben sollen, unsere alten Bekannten und Schulgesellen damit zu blenden. Ich hörte, wie Du aus meiner genauen Wiedererzählung schliessen kannst, zum erstenmale einem Visitator mit