bei dem dummen Minoritenkloster vorbei.
Gott gönne, rief ich noch, der Asche des Verfassers
Der Judenbrief' in klügern Mauern Ruh! –
Und flog nun, wie ein Strom lang' aufgehaltnen
Wassers,
Dem lustigen Marseille zu.
Ich flog, wie ich nur erst die Vista erreicht, und die grosse Handelsstadt und den Spiegel des Meers vor mir liegen hatte, durch das reizendste Land, das sich die schwelgerischte Einbildungskraft nicht schöner zu malen im stand ist. Schade nur, dass es nicht unter dem Zepter des grossen Freigeists steht, wie jene geweihten Zwerge ihn schimpfen! Wie würde Friedrich dieses Feuer der natur, dieses fruchtbare Klima, diese Weizenfelder und Oelgärten, und die Kräfte dieser bräunlichen lebhaften Menschen benutzen, die jetzt bald von diesem, bald von jenem verdammten Heiligen ihrem Tagewerke entrissen, und, in Processionen zusammen getrieben, aus einem Narrenfeste in das andere zu grab gehetzt werden!
Das stärkende Brod, unerachtet ich keinen Brocken davon verstreute, konnte mich doch nicht ganz über die Besorgniss beruhigen, dass ich Marseille nicht zeitig genug erreichen würde, um in d e m h e i l i g e n G e i s t e noch einen gedeckten Tisch zu finden. Ich betrog mich zu meinem Vergnügen. In einer Seestadt, wo kein Wind bläst, der nicht den Speisewirten einen Trupp Ausgehungerter zuführt, finden alle Nationen, zu allen zeiten des tages und in jedem Gastofe, die Einrichtung einer Feenwirtschaft. Unzählige dienstbare Geister nehmen den Ankömmling in Empfang. Immer fertige Gerichte rauchen ihm entgegen, und keiner verlässt den Speisesaal, der nicht in seinem Kauterwälsch Gott für die sinnliche Freude der Sättigung, und für das bängliche Leben, dankt, das er ihm wieder um einen Tag fristete. Um wie viel klüger kam ich mir vor, dass ich mich weder durch den Hunger, noch durch die Tischgesellschaft in Aix hatte verführen, und um den mannigfaltigen physischen und geistigen Genuss betrügen lassen, den mir hier eine neben dem Weltmeere errichtete Tafel – den nur die verschiedenen Sitten, Trachten, Gesichter und Zungen versprachen, die das erste menschliche Bedürfniss freundschaftlich um mich herum an einander reihte!
Das war ein guter G e i s t ! Durch ihn ward ich der
Qualen
Des Spleens und Hungers los. In seinen
Mittagsstrahlen
Erquickt der Matte sich. Hier trieben Ries' und Zwerg
Und Juden, Türken, Kanibalen,
An Einem Tisch vereint, das Selbsterhaltungs-Werk,
Wie Moses, Mahomet und Petrus es befahlen.
Mir, da Deisten auch nicht mehr als andre zahlen,
blieb meine Zunge zwar das erste Augenmerk:
Doch lächelnd sammelt' ich zugleich die leeren
Schalen
Von Hummern, Matripors, Seeigeln, Admiralen,
Für einen Freund zu Nürenberg.
Ich konnte mich von dem angenehmen Schauspiele dieser Tafelrunde nicht trennen, selbst da meine Rolle dabei gespielt war. Ich blieb noch immer ritterlich daran sitzen, und erlauerte dadurch ein Vergnügen, das ich seit meiner Reise entbehrt, und auf das ich in diesem Augenblicke am wenigsten gerechnet hatte. Denn eben als ich mich in geheim über den blinden Nationalstolz und über das Vorurteil eines Spaniers lustig machte, der uns allen beweisen wollte, dass die Mandeln zu Cadix weit voller und schmackhafter wären, als die hiesigen – erschienen zwo junge artige Damen mit einem ältlichen Mann an der Seite, warfen fröhlichen Muts ihre Staubmäntel ab, und setzten sich nach der Anweisung der frischen Couverts, die der Wirt für sie hinlegte, in meine Nachbarschaft. Je näher sie mir kamen, desto weisser schien mir ihre Haut, desto glänzender ihre Augen, desto gütiger ihre Blicke zu werden: aber sie entzückten mich erst über alle massen, als ich sie gegen einander sprechen hörte; denn sie sprachen – Deutsch. Nun habe ich immer geglaubt, es erfordere schon die allgemeine achtung gegen das schöne Geschlecht, dass man nie ein paar Mädchen fortschwatzen lasse, in dem Falle, dass man ihre Sprache versteht, ohne sie in zeiten von diesem Umstande zu benachrichtigen. Ich tat es daher auch jetzt. Es standen frische Erbsen vor mir, ich bot sie der mir nächsten mit der Anmerkung an, dass dieses Gericht für Deutsche etwas sehr neues vom Jahre wäre. – "Ganz gewiss," antwortete sie; "unter vier Monaten würden wir," Du kannst denken wie ich überrascht wurde, "schwerlich in Berlin welche geschmeckt haben." – "Wie, meine lieben Nachbarinnen?" fuhr ich lebhaft fort, "Sie sind Berlinerinnen?" – "Das sind wir," versetzte sie lachend: "wundern Sie Sich darüber?" – "Freilich sollte es mich wundern," antwortete ich, "dass ich erst ein paar hundert Meilen von haus so ausgezeichnete Landsmänninnen kennen lerne." – Hier drehte sie sich lustig nach der andern Seite: "Schwester, der Herr will mir weiss machen, er wäre von Berlin; melde es doch dem Vetter, der versteht sich besser aufs Examiniren, als ich."
Ich bog mich etwas vorwärts, um den Herrn in das Gesicht zu fassen, und fand die Anspielung seiner schönen Nichte sogleich nur zu deutlich erklärt; denn diese Physiognomie konnte niemanden angehören als einem Visitator, und es fand sich auch nachher, dass ich richtig gesehen hatte. Mir war jedoch jetzt mehr daran gelegen, seiner reizenden Nichte, als ihm, mein Indigenat zu beweisen; ich fing es aber am unrechten Flecke an. Ich nannte ihr alle meine Berliner Freunde und Bekannten; aber leider gehörte keiner