eine Menge grosser und kleiner Städte herzählen, wo ich nichts weiter nötig hatte, als aus dem Wagen zu steigen, durch den Kot ihrer Gassen zu waden, die Schnörkel an den Giebeln ihrer Häuser zu begaffen, den Drachenköpfen ihrer Dachrinnen auszuweichen, einen blick auf ihre Markgeschäfte zu werfen, oder einer ihrer geputzten Gesellschaften mit meinen Augen und Ohren auf der Promenade nachzuschleichen, um geschwind mit mir einig zu werden, – weiter zu fahren. Ich könnte Dir ... Doch ich will Dich nicht länger mit meiner Vorklage aufhalten, sondern Dir kurz und gut sagen, dass es mir in dem merkwürdigen Aix gerade so ging.
Meine Uhr stand auf zehn, als ich ankam, und auf zwölf, als ich wieder abfuhr, ungeachtet ich während dieser kurzen Zeit auch eine Klosterkirche besuchte, die ausser den Ringmauern lag. Traue einer den Reisebeschreibern! Wie konnten sie es einer einzelnen Gasse wegen, die auf beiden Seiten mit Palästen besetzt, und so breit ist, dass freilich von den Gliedern des Parlaments, die darin wohnen, keines dem andern auf die Finger sehen kann, eine herrliche Stadt nennen, ohne die unzähligen Nebengassen in Anschlag zu bringen, wo der ungleich grössere teil ihrer Einwohner durch schmutzige, verfallene Häuser, wie an einer rostigen Kette, gleichsam an einander geschlossen ist? Alle meine Blicke, die ich neugierig von einem Tore zum andern ausschickte, kamen unbefriedigt und schwermütig zurück. Ich sah doch in der Welt nichts, als einzelne, scheue Menschen, die es auf meiner offenen Stirne zu lesen schienen, dass meine Verhältnisse unter dem mond glücklicher wären als die ihrigen, und mir mit ingrimmiger Miene aus dem Wege traten, wenn ich sie anblickte. Ein Kaffeehaus, in das ich eintrat, vereinigte zehn Bürger, die, jeder für sich, ihr Frühstück einschlürften, ohne einen laut von sich zu geben, und die von eben so maulfaulen Menschen bedient wurden. Ich schlenderte den geräumigen Markt einigemal auf und ab. – Der Ausdruck einer wohl genährten groben Selbstliebe in den Gesichtern der Vornehmen, denen ich begegnete, empörte mein Herz; die schüchterne Darlegung derselben in den Mienen der Geringern, auf die ich stiess, erweckte in demselben ein widriges Mitleiden; und die gefühllose Dummheit auf den Stirnen der Mönche, die hinter ihren Schmerbäuchen hertrabten, verdarb mir vollends meine schöne Morgenstunde. Mein Urteil war geschwind gefällt, und noch erlebte ich hinterher etwas, das mich wahrlich nicht verführen konnte, es wieder zurück zu nehmen. Ich brachte das eine wie das andere in ein paar Dutzend Zeilen, die ich in mein Memorien-Buch schrieb, und auch Dir zu Deiner Notiz dieser Stadt hersetzen will.
Ihr weises Parlament hält Bürgerschaft und Adel
In gleicher Mässigkeit und Ruh,
Dem Gegenpol der Freude zu.
Gewohntes Beispiel, träger Wille
Giesst Oel auch in des Jünglings Blut,
Und in den Gassen herrscht solch eine Sabbatsstille,
Wie auf dem Markt zu Herrenhut.
Auch fühlt' ich gleich in Einem Vormittage,
So gut als hätt' ich es schon Jahre lang gefühlt,
Wie wenig mir ein Puppenspiel behage,
Wo Harlekin die zweite Rolle spielt.
Indem mich nun der Geist der Langenweile
So vor sich her, gleich einem Kreisel trieb,
Rief mir mein Taschenbuch zum Glück ins Ohr, ich
eile
Dem Tempel jetzt vorbei, wo F r i e d r i c h eine Zeile,
Und zwar die einzige für einen Tempel, schrieb,
Weil seinem D ' A r g e n s hier, dem F e i n d e
D e s I r r t h u m s und der W a h r h e i t
Freunde,
Das letzte Ruheplätzchen blieb.
Welch Auge blickt nicht gern nach einer Myrtenkrone,
Die, sonder Neid, ein Mitgenoss
Der Seligkeit am Helikone
Um seines Freundes Urne schloss! –
Dem Zuruf eines Aschenkruges
Von dieser Seltenheit geh nie mein Stab vorbei!
Doch hier – betrogne Phantasei! –
fand ich, statt Friedrichs Wort, ein hämisch
aberkluges,
Verworrnes Epitaph im Styl der Klerisei,
Das mir bewies, dass nie im Weichbild d e r Abtei
Ein Feind des Irrtums und Betruges
Zu seiner Ruh gekommen sei.
Noch einige Worte zur bessern Erläuterung dieses Textes. Ich fragte den Minoriten, der mich in seiner Klosterkirche herumführte und den Teppich abnahm, mit dem das marmorne Monument des guten D'Argens bedeckt war: warum man denn die kurzen königlichen Worte mit einem solchen Schwall anderer vertauscht hätte, als ich hier in goldenen Buchstaben vor mir sah? – "Weil wir sie," antwortete er mit dummer Aufrichtigkeit, "in dem Sinne nicht brauchen konnten, die der König hinein legte. Die Freigebigkeit des königlichen Ketzers trugen wir kein Bedenken zur Verschönerung unserer Kirche zu benutzen; aber seiner heidnischen Inschrift geschah nicht mehr als Recht, da sie auf Befehl unserer Obern wegbleiben musste." – "Diese Abweichung," antwortete ich, "würde sich kein Kloster in Schlesien erlaubt haben." – "Auch wir nicht," lachte er laut auf, "wenn wir dem Tyrannen so nahe wären als jene; aber die Entfernung, mein Herr – bedenken Sie nur die Entfernung!" – Ich brauchte wahrlich dieser seiner Erinnerung nicht, und fühlte es in diesem Augenblicke nur zu sehr, wie weit ich von Berlin verschlagen war. Ich hätte mich mit der französischen Aufschrift begnügen sollen: denn bei dem haut et puissant Seigneur, mit dem Nachsatze Chambellan, verzog sich mein Mund doch