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und ihrem Bilde eine Warnung anhängen, die seine blendenden Farben so gut wie vernichten, und den lüsternen Herren, denen es nach mir unter die hände kommt, die Lust schon benehmen soll, das Original aufzusuchen. Ich hoffe, die keuschen Musen, wenn sie wirklich keusch sind, sollen es mir vergeben, dass ich dem rücken dieser Heiligen den Stempel ihres Lebens zum Correktiv ihres verführerischen Anblicks aufdrücke. Eine widrige Beschäftigung! ich gestehe es gern: da sie aber nur dahin zielt, den Lieblingen meines Herzens, den jungen Unerfahrnen, denen, wie meinem armen Bastian, die natur so heftig zusetzt, dass sie darüber alles verhören, was ihnen die Sittlichkeit vorpredigtdie Augen über diesen kasuistischen Kontreband zu öffnen; so ist die Frage, ob in dem ganzen Martial ein einziges so gemeinnütziges Epigramm steht, als das meinige hoffentlich werden soll.

Unter diesem Selbstgespräche setzte ich mich, ohne weiter zu zweifeln, ob ich auch diesen Ehrenplatz verdiene, in den Schatten eines Lorberbaums, der nicht weit von dem Wege stand, spitzte meinen Silberstift und schrieb nun auf die Rückseite des elfenbeinernen Blattes folgende Adresse an die Vorderseite, wobei ich nicht viel andres tat, als die Herzensbewegungen meines guten Bastian getreu zu übersetzen, und am Ende ein kurzes Sapienti sat beizufügen: Ach, welch ein Engel setzt hier mir Herz und Augen in

Brand!

Wirft nicht ein Spiegel, wie der, uns den verlorenen Stand Der Unschuld wieder zurück? Baut dort in schattiger

Lage

Nicht noch die Tugend ihr Nest, wie seit dem ersten der

Tage,

Als Gott ihr stolzes Gefühl mit einem Kleinod verband, Für das, der alles genannt, doch keinen Namen erfand? Dein auge' in Ehren, doch, Freund, vor der Entscheidung

der Frage

Leih' erst dein prüfendes Ohr der tausendzüngigen Sage. Diess Wunder Gottes, spricht sie, so weit das auge' und die

Hand

Es zu begreifen vermag, steh' als ein eisernes Pfand, Gleich andern Wundern der Welt, in Mönchs- und

Pfaffenbeschlage,

UndDoch bedarf es wohl noch, dass ich um Worte

mich plage?

Was dir ein Engel verspricht, mit solchen Geistern

verwandt, –

Flieh die Erfahrungversteht sich ohne Glossen am

Rand.

Sobald ich die Schöne mit dieser Aufschrift gebrandmarkt und mein Mütchen gekühlt hatte, ward ich ruhig und heiter, wie ein Mann nach einer getanen mühseligen Pflicht, steckte das Bild in die Schreibtafel, und schwur, es nicht wieder vor meine Augen zu bringen. So gar lange wird es ohnediess nicht in meiner Verwahrung bleiben: denn schwerlich möchten die ärzte in Montpellier den rechtmässigen Eigentümer vorher entlassen, eh' ich hinkomme, wiewohl er ohnehin diess Souvenir nicht so gar nötig haben wird, um sich lebhaft an sein Liebchen zu erin

Während des Hingangs nach meinem Wagen überlegte ich, wie ich die vielen Tage, die ich durch meinen abgekürzten Aufentalt in Avignon gewonnen hatte, um vieles nützlicher in der Hauptstadt der Provence anwenden wollte, nahm meinen geographischen Wegweiser zu hülfe, überlas alle die Merkwürdigkeiten, die er mir dort versprach, und freute mich herzlich der guten Gesellschaft, die, seiner Versicherung nach, dort so einheimisch sein soll, als es in Avignon die schlechte ist. Mit diesen Gedanken beschäftigt, erreichte ich meinen Wagen, und eine Stunde nachher die Stadt.

Ich weiss nicht, lieber Eduard, ob Dir die eigene Gewohnheit bekannt ist, der ich mich fast mechanisch überlasse, wenn ich in einen fremden Ort komme. Ich gehe nämlich, so wie ich aussteige, auf seine Beschauung aus, und zwar aus mancherlei Ursachen. Denn einmal kann man sich den ersten Tag, wo man noch stockfremd auf den Gassen ist, manches erlauben, wozu man schon den zweiten nach seiner Ankunft nicht mehr das Herz hat, und darüber, die niedrigste zwar, aber auch erste Sprosse überhüpft, die doch unsere Leiter, auf der wir empor steigen, so gut zusammen hält als die oberste, und mitgezählt werden muss, wenn man die Höhe richtig bestimmen will. In dieser Rücksicht ist die erste Stunde Deines Eintritts in ein städtisches Getümmel sicher auch die bequemste. Sie ist die einzige, die Deinen Launen und Deinen Schritten noch ihren gang frei lässt, der einen Tag später, wo wenigstens Dein Wirt und Dein Lohnlakai Notiz von Dir nehmen, um ein gut teil beschränkter ist. Dein zerzaustes Haar, die ungesalzene Miene, der staubige Ueberrock, die Du von der Reise mitbringst, nötigen niemand, vor Dir den Hut zu ziehen, oder Dir höflich aus dem Wege zu treten. Du könntest Dich, wenn Du es bedarfst, an der Ecke der Strasse barbiren lassen, ohne den blick eines Vornehmen zu scheuen, der etwa bei Dir vorbei geht, indess Dich noch oben darein das geheime Bewusstsein kitzelt, mehr zu sein, als Du vorstellst, und als die guten Leute glauben, unter die Du Dich gemengt hast. Morgenwenn Du vielleicht gern mehr vorstellen möchtest als Du bist, ist es mit diesem Kitzel vorbei, und es ist noch die Frage, ob Dir das abgeredte Spiel der grossen Welt selbst diese kleine, nicht unbehagliche Empfindung ersetzen würde. Aber schon desswegen möchte ich nicht von meiner Gewohnheit abgehen, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, dass der erste Eindruck, den die Aussenseite einer Stadt, so dunkel er auch ist, bei mir zurück lässt, mich doch weit weniger irre führt, als ihre Topographen und besoldeten Trompeter. Ich könnte Dir