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halt, Postillion," rief ich, "ich muss an die Luft. – Fahrt langsam fortich werde nachkommen." – So sprang ich heraus, blieb an der Strasse stehen wie ein Meilenzeiger, und staunte lange vor mich hin, eh' ich bemerkte, dass Bastian neben mir stand und mich ängstlich beobachtete. "Warum," fragte ich ihn mit hinfälliger stimme, "bist du nicht sitzen geblieben?" – "Ach, lieber Herr, weil ich glaubte, es sei Ihnen etwas gefährliches zugestossen." – "Das ist es auch, Bastian: so ein unerwarteter Anblick – – ich glaubte, der Schlag würde mich rühren. – Da, sieh selbst zu, ob ich recht gesehen habe! Erkennst du ..." – Bastian warf, wie er den Deckel des Futterals zurück zog, funkelnde Augen auf das Mignatur-Gemälde, das er hier erblickte, und schien sich und mich und die ganze Welt darüber zu vergessen. – "Nun?" fragte ich nach einer Weile. – "Ach wunderschön!" rief der junge Bursche. "Ich bin zwar nicht so glücklich, weiter etwas von dem Porträt zu kennenals das Gesicht; wenn aber alles an der lieben Mamsell so treffend gemalt ist als das, so habe ich in meinem Leben nichts gleicheres gesehen. – Armes Klärchen!" fuhr er lächelnd fort, "der Tag ist schwülwie behaglich mag es dir vorkommen, so allein zu sein und dich zu lüften! – Ach wie würdest du zusammenfahren, wenn du wüsstest, dass dich ein Maler belauschte! – Der Schalk! Gewiss hatte er sich neben dir eingemietet, wie wir, guckte durchs Schlüsselloch, zeichnete, pinselte, ohne Atem zu holen, und hat dich nunach Gott und wie? über und über verraten! – Lieber Herr! sagte ich es denn nicht schon vor acht Tagen, wie ich das schöne Kind zuerst an dem Fenster sah, nichts weiter sah als das Köpfchendass es ein Engel wäre? Und kann wohl ein, ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ein Cherubin reiner und durchsichtiger glänzen, als diese unvergleichliche Figur?"

Jetzt merkte ich erst, wie unrecht ich tat, den feurigen Jüngling mit der ganzen unverhüllten Gestalt dieses Engels bekannt zu machen: denn ob ich gleich noch vor kurzem in meinem Tagebuche dieser Art Kabinets-Malerei das Wort sprach; so setzte ich doch, wie Du weisst, gewisse Bedingungen voraus, unter denen sie allein von Nutzen sein könne; und diese fielen freilich ganz bei meinem guten Bastian weg. Es ward ihm unglaublich schwer, sich von der schönen Waare zu trennen, die ihm hier, vermutlich zum erstenmale, zur Schau vorgelegt wurde. Es gehören freilich mehr Jahre und andere Erfahrungen dazu, als die seinigen waren, um über diesen Prunk der natur gleichgültig hinweg zu gaffen.

"Aber wie konnte Sie das schöne Bild so erschrekken?" fragte Bastian, indem er es mir mit einem Seufzer zurückgab. – "Wie es das konnte?" antwortete ich ziemlich verlegen: "weil ich, wie du schon gehört hast, an nichts, was in Avignon lebt und webt, erinnert sein will, am wenigsten an ein geschöpf, das der hohen Schönheit nicht wert ist, mit der es die natur beschenkt hat." – "Ach, bei allen den Fehlern des Originals, bei allem, was Sie dem guten kind Schuld geben," antwortete Bastian, "wird doch gewiss jedermann so ein Bild gern sehen; und es ist wohl glücklich, dass Sie gestern der Propheten-Wirt auf die Spur des Eigentümers gebracht hat! Er wird sich nicht wenig freuen, wenn er es wieder erhält!" – "Ja, ja," sagte ich, "er hat es teuer genug erkauft, und bezahlt noch daran." – "Was muss sein Kammerdiener für ein alberner Mensch sein!" fuhr der meinige listig fort. "Wenn mir so etwas zum Aufheben anvertraut würde, ich wollte gewiss das sorgfältigste Auge darauf haben." – "O ich kenne deinen Diensteifer," antwortete ich lächelnd: "aber jetzt hast du Bewegung nötig; lauf nach dem Wagen und lass ihn halten."

Nun war ich allein, konnte nun, wie ich so gern tue, meine Empfindungen gegen mich laut werden lassen, konnte nach Belieben mit den Füssen stampfen und in die Luft reden, ohne dass jemanden hinter oder neben mir Angst werden, oder dass er mich fragen durfte: Was fehlt Ihnen? – "Ein heimtückischer Streich!" rief ich, und warf grelle Augen auf die Mignatur. "Abscheulich schönes geschöpf! wie weit glaubte ich mich schon von dir und deinem Andenken entfernt, während sich dein Bild, grosser Gott! an meinem beängsteten Herzen erwärmte, und sich nun auf einmal so reizend und unverschämt meinen Augen darlegt, wie es deine Kasuisten erlauben! Konnte der Zufall," fragte ich bitter, "keinen andern Boten auftreiben als mich, um das Gemälde dieser heiligen Buhlerin über die Gränze zu bringen?" – Einen Augenblick war ich entschlossen, es an einem Stein zu zermalmen. Die Ehrfurcht für die Kunst allein, die achtung für fremdes Eigentum, hielten mich ab. Nun! so will ich denn wenigstens, dachte ich, dieser Kreatur, ob sie gleich sonst nicht verdient die Feder eines rechtlichen Mannes zu beschäftigen, ein Monument setzen,