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edle Spieler betragenuns nicht durch das stolze Lächeln der Schadenfreude bei jedem Bissen trockenen Brodes, das wir essen, an den Verlust unseres Fettes erinnern, und nicht den Enkeln zu hart die Ungeschicklichkeit ihrer Vorältern entgelten lassen. Mag es noch so gewiss sein, dass Ihre geheiligte person durch eben die kleinen Hülfsmittel an uns zum Ritter ward, die Sie jetzt in unsern profanen Händen für verdächtig und strafwürdig erklärenso wollen wir doch in blindem Gehorsam die moralischen Bollwerke ungestört lassen, hinter denen Sie Ihre Rechte verschanzt haben, und der Politik huldigen, die das Gesetz der Vergeltung an den Galgen geschlagen hatwenn Sie nur nicht gar zu treu dem Beispiel eines Ihrer Herren Kollegen nachgehen.1 Durch eine Flasche Wein gewann er das Gebiet seines Nachbarsund sogleich, als weiser Gesetzgeber, verbannte er das begeisternde, Getränk aus seinen eroberten Staaten, versicherte sich der Treue seines volkesdurch Mohnsaft, und verteilte jedes kraftvolle Männerherz in kleinen Bissen unter ein Heer hungriger Bacchantinnen. Vor solchen politischen Anstaltenmeine gnädigsten Herren, bewahre Sie Gott!"

Ich wurde in meiner stattlichen Rede an die grossen Herren drollig genug durch eine noch stattlichere unterbrochen, mit der mich mein Wirt hinterrücks anfiel, der, während ich mich mit Kaiser und Reich unterhielt, unbemerkt mit meinem Frühstück eingetreten war, und, sobald er seine hände frei hatte, sich mit vielem Anstande nach mir zu kehrte. An der tür sah ich zugleich einen hagern Kerl, der, bis auf sein ominöses Gesicht in die Draperie eines Scharlachmantels geschlagen, wie die Maske eines Römischen Censors da stand. "Ich habe," fing der Wirt an, "die ganze Nacht der Vorsehung gedankt, die meinem haus das Heil widerfahren liess, einen Mann wie Sie zu bewirten." – O ho! dachte ich, dieser Herrenhutische Eingang verspricht nicht viel Gutes für meinen Beutel; aber hierin irrte ich mich. – Immer habe ich gewünscht, den Reisenden, die vor meinem Gastofe halten, noch ehe ich sie bewillkommne, an das Herz zu reden, und ihnen mit einem grossen feierlichen Gedanken gleichsam in die Pferde zu fallen. – Ich spitzte voll Erstaunen die Ohren. – "Was soll man sich bei den Sinnbildern so vieler Wirtshäuser denken, bei dem goldenen Hammel, der silbernen Striegel oder dem Kreuze von Malta? Ich versuchte es im Anfange meiner Wirtschaft mit dem Bilde meiner Frau. – So lange das Bild noch frisch war, tat es auch wirkung. Nach und nach ward es aber bleichdie Gäste blieben aus, und ich war entschlossen, es aufmalen zu lassen. Es ging aber anders: denn eben in dieser Epoche, geschah es, dass mich der Prinz auf einem Besuche, den er seinem grossen Vetter in Wien abstattete, als Mundkoch mitnahm, und nach seiner Zurückkunft mit dem Titel seines Haushofmeisters entliess. Auf dieser Reise lernte, ich erst, ich muss es gestehen, den feinen Geschmack der französischen Küche mit dem nahrhaften der Deutschen verbinden. Ich sah Joseph den, Zweiten nicht ohne Nutzen einigemal speisen, und glaubte es dem Andenken dieser belehrenden Reise schuldig, kein ander Bild auszuhängen, als das seinige. Sieben Jahre hängt es nun da; doch fängt es nun auch an unscheinbar und den Leuten gleichgültig zu werden; ich merke es nur zu sehr schon in meiner Wirtschaft. Da flüsterte mir nun meine Frau diese Nacht zu: – 'Andre's! Die Erzählung der fremden Bedienten liegt mir immer im Ohr und lässt mich nicht schlafen. Das Wunder, das ihr Herr gestern getan hat, wird bald genug Lärm machen; denn so etwas wächst wie ein Schneeball. Weisst du was! der Herr muss gut sein, da er Wunder tutund wir brauchen ein neues Schild. – Sein Porträt würde sich unter allen am besten dazu schicken. – Ich dächte, du bätest ihn darum. Unsre Wirtschaft würde sicher dabei gewinnen; denn nagelneuer kann man keinen Heiligen auftreibenTue es, lieber Mann, damit uns kein anderer Gastof zuvorkommt.' So sagte meine gute Frau, und gewiss ist es nicht bloss Eigennutz, sondern. Frömmigkeit, die ihr diesen Wunsch abnötigt. – Schlagen Sie uns solchen nicht ab, würdiger Mann! Nur Eine Stundeund dieser geschickte Künstler ..." – Hier bewegte sich der Scharlachmantel, und sein Handwerkszeug fiel mir mit Entsetzen in die Augen. Ich fuhr wie aus einem schweren Traum auf, und sah im Spiegel, dass ich so rot war, wie die Draperie des Malers. – Das, dachte ich, soll auch gewiss der einzige Anstrich sein, den er dir gibt.

"Halten Sie inne," fiel ich dem Wirt mit äusserstem Verdruss in die Rede, "und verschonen Sie mich mit solchenAnträgen: ich will das Beiwort, das sie wohl verdienten, verschlucken. Kanonisieren Sie, wen Sie wollen nur mich nicht. Mein so genanntes Wunder, von dem ich gestern bei Ihnen ausruhte, war, deutsch gesprochen, nichts mehr und weniger als eine Posse: das können Sie mir nachreden, ohne mir Unrecht zu tun. Ein Herr wäre wahrlich übel daran, wenn er für alles das stehen müsste, was seine einfältigen Bedienten um den Küchenherd von ihm posaunen."

Ich ging ernst und mit grossen Schritten die stube auf und ab. Der Wirt schwieg, und ich sah es ihm an, dass er bei jedem hitzigen Worte, das ich ausstiess, immer