man mit einem so begabten Zwittergeschöpfe anfangen, als dass man es stehen lässt, so lange Gott will? Denn gesetzt, Du nähmest auch das Lebendigste, was an ihm ist – seine Auswüchse, unter die Scheere, so wird doch für den einen Ast, den Du heute absonderst, morgen ein anderer wachsen, der vielleicht noch häklicher ist, als der erste. Dieses Mittelding von Tier und Pflanze wird, wie die Regenten die ihm gleichen, in unserm kultivirten vaterland immer seltener, und bald wird die fortschreitende Zeit den Deutschen Boden ganz davon gereinigt haben. Auf dem platz, den solche Pigmäen aussaugen, werden sich grosse, selbständige Bäume erheben, die durch ihren schattigen Umfang alle Schmarotzer- und Wucherpflanzen ersticken, veredelte Früchte tragen, und guten Samen über das Land streuen, das ihren Wachstum befördert.
Gott segne diese prophetischen Worte! Sie entfliessen so leicht einem patriotischen Herzen, und klingen so schön in dem mund eines Untertanen des R ö m i s c h e n R e i c h s , besonders, wenn er sie seinem Oberhaupte in einem Französischen Gastofe zuruft. Auf alle Weise entalten sie besser geordnete Empfindungen, als das bittere Gewäsch jenes politischen Geschmeisses, das nicht müde wird, die angebornen Rechte seiner Beherrscher zu benagen, ihren ererbten Stand lächerlich zu machen, und ihren Glanz zu besudeln. Wie oft empört mich die Zudringlichkeit dieser boshaften Tadler, die den Grossen der Erde keine Entschuldigung hingehen lassen, selbst die nicht, die in ihrer menschlichen natur liegt! Wie wollte ein ehrlicher Mann, bei den unaufhörlichen Beschleichungen dieser Weltverbesserer, die sich in ihren Wirbeln immer selbst durchkreuzen und gegen einander anstossen, nur einen ruhigen Augenblick finden, wenn sie nicht, nach Art der Spinnen, das Gute an sich hätten, dass sie eben so geschwind, als sie anrücken, in ihre Höhlen zurück kriechen, sobald man sie nur von fern mit der Spitze des Fingers berührt? Es gibt kleine Wendungen – ich will Dir einige angeben – die auf solche vorlaute Klüglinge nachdrücklicher wirken, als Bücherverbote. Wenn der e i n e lange genug über die Anmassungen der Fürsten, und über die Stelzen, auf denen sie sich über uns erheben, gefaselt – der a n d e r e ihre häufigen Missgriffe bei der Wahl ihrer Staatsdiener aufgezählt – der d r i t t e die Erschlaffung in ihren Regierungsgeschäften auf das genaueste entwickelt hat; wenn j e n e r Schwätzer sich mit gelehrtem Anstande in seinem Lehnstuhl festsetzt, um desto bequemer seine philosophische Hitze an dem kalterzigen Regententross zu verblasen; wenn d i e s e r ihren festlichen Müssiggang mit schelen Augen verfolgt, die Backen voll nimmt, um ihr Eigentum als einen Raub zu verschreien, den ihre ritterlichen Ahnherren an dem gemeinen Wesen begingen, oder wenn er ihnen zumutet, Rechnungen abzulegen, die durch Gottes Zulassung längst schon geschlossen sind: so ergreift mich die Ungeduld – so schlage ich mich endlich ins Mittel, nehme den einen und nehme den andern bei der Hand, und führe ihn, Treppe auf Treppe ab, in seinen eigenen verschobenen, lächerlichen oder zerrütteten Haushalt zurück, begleite ihn in das Putzzimmer oder Schlafgemach seiner Gebieterin, oder in die Kerkerstube seiner Knechte und Mägde – schlendere mit ihm seinen verfallenen Scheuern oder verwilderten Krautäckern zu, gehe das Inventarium seiner Wäsche durch, frage ihn, wie seine Vorältern zu dem Zehenten kamen, den sie ihm vererbten, und durch welches Recht E r mehr Spielraum einnimmt als ein a n d e r e r , der eben so breit ist als er? Den Grämling endlich, der alle Kron- und Erbprinzen zu Missgeburten menschlicher Torheit herabwürdigen, seine Beherrscher wählen, oder zu seinem Idol eine Hyder aus den klügsten Köpfen des volkes – den seinigen jedoch mit eingeschlossen – zusammen setzen möchte, dränge und treibe ich durch das Labyrint seiner Sophismen nach Berlin, zu den Füssen unsers Monarchen. S e i n Dasein ist schon allein die beste Verteidigung der Erbfolge. Die klügste Wahl hätte nicht väterlicher für uns sorgen können, als hier die natur, die aus dem Urstoff so mancher lieblosen, stolzen und schwachen Ahnherren endlich einen König destillirt hat, der, gut, selbstständig und gross, alle Herrschertalente vereinigt – der, mit dem feinsten Gefühl begabt, zu jedem Uebel das Gegenmittel zu finden, nie einen stärkern Hebel gebraucht, als die Last erfordert, die er wegschaffen soll. Dieser Brennpunkt, der meine Blicke immer wieder sammelt, wenn sie noch so weit über die Gränze schweifen, vereinigte sie auch diessmal. Ich verlor mich so sehr in Betrachtung dieses merkwürdigen Mannes, dass Kaiser und Reich lange warten mussten, eh' ich auf sie zurück kam.
"Meine gnädigen und hochgebietenden Herren," beurlaubte ich mich am Ende von der ganzen vornehmen Gesellschaft, "mein langes Ausbleiben beschämt mich; aber das grosse Vorbild, das ich in Ihren Kreis bringe, wird es entschuldigen. Darf ich Ihnen noch zum Abschied einen wohlgemeinten Rat erteilen, so suchen Sie nur seine einfachern Tugenden zu erreichen – die glänzenden erlassen wir Ihnen gern – und Tausende mit mir werden aufstehen, und Sie gegen das giftige Gewürme in Schutz nehmen, das Ihre Vorzüge begeifert. Mögen doch Ew. Majestäten und Ew. Durchlauchten durch Verbrechen Ihrer Vorfahren, oder durch Geistesschwäche der unsern, zur herrschaft über uns gelangt sein; wir wollen Ihnen den zufälligen Genuss Ihres angeerbten Gewinnstes gönnen, ohne über den ersten Erwerb desselben lange nachzugrübeln – wenn Sie Sich nur als