sagen muss, aber sie sprach mit Bitterkeit über die Menschen, und schimpfte mit den ausgesuchtesten Worten auf den schelmischen Wirt zum Patrioten. Doch war sie zu klug, dabei stehen zu bleiben. Sie kannte die Menschen, und mit dieser Kenntniss verhungert man nie. Sie schwur, sich an ihrer Untreue zu rächen. "Morgen," sagte sie, "will ich dem Patrioten zeigen, was ein entschlossenes Weib vermag. Ist Euch guten Leuten mein Gesicht zu alltäglich geworden? – O dafür will ich Rat schaffen. Morgen sollt Ihr mir vierfach bezahlen, und doch bei mir einkehren." –
"Der Morgen kam. – Was tat unsere kluge Frau? Eine Kleinigkeit; sie nahm nur eine ungewöhnliche Wendung in der Ordnung der natur vor." – "Non erubescit" dachte sie – liess ein Paar grosse blaue Augen und eine Nase darauf malen, und steckte, sobald es lebhaft auf den Gassen ward, diese wunderliche Figur, neben die zum Ueberfluss rechts und links ein Paar blasende Trompeter gestellt waren, zum offenen Fenster hinaus. –
"Von diesem Augenblicke an war es um den Wirt zum Patrioten geschehen. Kein Mensch dachte weiter an ihn. Der unerwartete witzige Einfall der Frau entschied ihr Schicksal auf immer. Sie hatte noch keine zehn Minuten in dieser gezwungenen Stellung verlebt, so wimmelte Haus, Hof, Garten und Stall von immer mehr zuströmenden Gästen und Pferden, und seit undenklichen zeiten war nicht so viel in Holland gelacht worden, als heute. – Ein alter Officier, der ein Cirkular vom Erbstattalter in der tasche hatte, verzögerte noch um eine ganze Stunde den schwerfälligen Umlauf dieser Staatsschrift, und hielt gravitätisch mit seinem dürren Pferde unter dieser Figur. – Ein Matrosenjunge, der doch jüngst erst von Indien zurück gekommen war, erkletterte eine nahe Linde, um näher und ungestörter diese Seltenheit betrachten zu können. – Ein Quacker und seine Matrone von Frau, die Gebetbücher noch in der Hand, hatten sich hier niedergesetzt und tranken ihr Doppelbier, ehe sie weiter zu ihrer Versammlung schlichen; und man sagt sogar, dass die dortige Akademie einige ihrer Mitglieder abgeschickt habe, diess Phänomen in Untersuchung zu nehmen. – Der berühmte Trost, der Hogart der Holländer, wurde aus einem andern Weinhause herbei geholt, um diesen Auftritt, wie ich ihn Dir hier beschrieben habe, nach der natur zu malen. Es gelang ihm vortrefflich. Das Gemälde wurde aufs teuerste verkauft, kam in das berühmte Kabinet von B r a n c a m , und A . D e l f o s hat es unter der Unterschrift Les Abbusés in Kupfer gebracht. Solltest Du es nicht selbst in Deiner Sammlung besitzen?" –
"Ja wohl besitze ich es, lieber Jerom," antwortete ich, "ohne bis jetzt gewusst zu haben, was ich dabei, denken sollte, wie mir das mit manchem andern Portrait berühmter Leute geht, in denen man eben so wenig Physiognomie entdeckt, als in diesem. – Aber fahre nur in Deiner interessanten geschichte fort." –
"Da der Zulauf zu diesem wirtshaus" – fuhr Jerom fort, "nicht aufhörte, der Beifall immer lärmender ward, so gelangte endlich ein ernstlicher Befehl des Magistrats an die Wirtin, ihr bedenkliches Zeichen einzuziehen, ein geehrtes Publikum nicht länger zu äffen, und ihr Blendwerk für sich zu behalten. Aber die Herren hatten vergessen, die Volksstimme dabei zu Rate zu ziehen. Man widersetzte sich im Tumult diesem Befehle; schrie über Beeinträchtigung der republikanischen Rechte; berief sich auf die Pressfreiheit, Toleranz und Publicität; und vornehme und Geringe behaupteten sich in dem ungestörten Anschauen dieses verbotenen Gesichts. – Hatte der erste Tag Leute herbei gezogen, so tat es der zweite, dritte nebst den folgenden noch mehr. In kurzem verbreitete sich der Ruf dieses Wunderwerks durch alle sieben Provinzen. Man machte Lustreisen von den entlegensten Flecken und Eilanden hierher. – Die Neugierigsten blieben über Nacht da, und diese Nächte wurden teuer bezahlt. Kein fremder Prinz, kein Gesandter reiste durch Holland, ohne das Wirtshaus zum schwarzen Bocke zu besuchen. Die Stadt kam in bessere Nahrung. Die Zölle an den Barrieren erhöhten sich ungewöhnlich, und da die Obrigkeit ihren Vorteil so augenscheinlich sah, schwieg auch sie, und die witwe – Gott habe sie selig! – sah sich, ehe ein Jahr verging, zu ihrem eigenen Erstaunen, berühmter, besuchter und reicher, als sie jemals im Traume gewesen war. – Indess erzählte mir doch ein dortiger würdiger Gelehrter, dass eben die Frau, die vor ihren Zeitgenossen nicht errötete, als noch die blasenden Trompeter neben ihr standen, sich nachher, als der allgemeine Entusiasmus verraucht war, nicht habe der Schamröte erwehren können, wenn sie auf dem T r o s t i s c h e n Kupfer die Hauptfigur erblickte, die ihr Andenken auf die Nachwelt bringen würde. –"
"Nun frage ich Dich, lieber Wilhelm, ob die geschichte meiner Harlemer Wirtin – mit der geschichte unserer meisten neuen Schriftsteller nicht ganz von Einem Schlage ist? – In beiden einerlei Triebfedern und Räder – Unverschämteit aus Ruhmsucht, und Ruhmsucht aus Gewinn. – Das ist die Progression, nach welcher sie handeln, denken und schreiben – und Du siehst, ob es ihnen gelingt! Schlage alle unsere gelehrten Zeitungen und Journale nach! Welche Namen sind es, die am meisten darin flimmern? – Die Namen der Schwärmer, der Lügner, der Mitglieder geheimer Gesellschaften, und die sich's