1791_Thmmel_094_2.txt

dass ich ihn beibehalte, um auch Gesellschafter meiner Rückreise zu sein! – – –

Wer ist denn der blühende Mann, der da vor mir in das Zimmer tritt? fragte ich in Frankfurt den Wirt zum R ö m i s c h e n K a i s e r , indem ich von seinen Leuten so behutsam, wie zerbrechliche Waare, ausgeladen wardfragte mit so matter hohlklingender stimme, dass er für dringender hielt meinem Tone als meiner Neugier zu antworten. Ich will dafür sorgen, dass Sie neben ihm zu sitzen kommen, sagte er, – es ist einer unserer geschicktesten ärzte.

In diesem kleinen Zufalle lag es, dass ich dem Berufe seit acht Tagen zum erstenmale Gehör gab, in Gesellschaft von Menschen, menschlich zu essen; denn bis jetzt war das Pulver des Grafen von Pilo, dieses herrliche Gegenmittel wider die Wechselfieber und die böse Luft, noch immer mein Frühstück geblieben. Mit dem Schlage der zehnten Morgenstundeund hätte sie mich an dem steilsten Abhange eines berges getroffenliess ich halten, um mit der Jungfer Steffens dem Steineum elf Uhr mit dem Freiherrn von Hirschen der Schwindsucht, und zu Mittage mit dem berühmten d'Ailhaud der Gicht entgegen zu arbeiten, damit ich am Abend jeden Tages der Kraftbrühe des D. Kämpf desto würdiger sein möchte.

So regelmässig hatte ich gelebt, um meine leibliche Gestalt, die sich zu Berlin schon durch ihr Ansehn überall Platz machte, unverändert nach Frankfurt zu bringen. Den Gästen, sobald ich in den Speisesaal trat, blieb der Bissen im mund stecken. Sie rückten erschrocken zusammen, und liessen mir und dem arzt, an den ich mich anklammerte, eine ganze Seite des Tisches frei. Ich hingegen, da ich um mich her blickte, las in jedem Auge, welchen lächerlichen Kontrast die Blässe meines Gesichts mit dem Schimmer des seinigen darstellen musste. – Ich weiss nicht warum? aber länger konnte ich nun seine auszeichnende Röte nicht ohne Verdruss ansehen, und ich war drauf und dran, in meinen alten Irrtum zu verfallen, sie auch an Ihm für die Leibfarbe der Ignoranz zu halten. Aber ein gewisses Vergnügen, das ich an der ganzen Gesellschaft bemerkte, unter seinen Augen zu essen, sprach so laut zu seinem Vorteile, und hielt mich so lange von jedem gewagten Urteile über ihn zurück, bis erach! nur zu geschwinde, sein eigner Verräter ward. Gewiss bin ich oft unwissendern Aerzten, als Er war, in die hände gefallen, aber einen grösseren Egoisten der Unmässigkeit traf ich nie in ihrer Zunft. Alle Sinne dieses Schmeckers waren in das tierische Geschäft seiner Sättigung verwickeltSeine Löwenaugen flogen von einer Schüssel zur andern, und störten von ferne schon nach der Beute, die er mit geübten Händen den weniger aufmerksamen Gästen abzugewinnen wusste. Seine Kunst, so gross sie auch sein mochte, schien er mit seinem Hut an den Nagel gehängt zu haben, die Medicin nur für eine Dienerin der Kochkunst, und den Ruf eines Fabius Gurges höher zu halten, als den eines Galen. Zur Mittagsstunde ist so ein Arzt das unbrauchbarste geschöpf unter der Sonne. Auch mag es ihm Gott vergeben, was er an mir getan hat! Ich sass kleinmütig neben ihm und lauerte lange umsonst auf ein freiwilliges Allmosen seiner Aufmerksamkeit, das ich mir endlich bei dem ersten müssigen Augenblicke seiner Zunge zu erbetteln beschloss.

Nach langem Harren erschien dieser günstige Zeitpunkt. Die erste Tracht speisen ward abgehoben; und sogleich setzte ich mich, während der kurzen Pause, da die zweite in Ordnung gestellt wurde, in Positur, den bessern teil des Schlemmers in mein Interesse zu ziehen. Vergebliche Hoffnung! denn wie ich eben den Mund öffnete, um ihm die Menge meiner Uebel zur Schau zu legen, trug man als Hauptschüssel eine fette Gans auf, die der ganzen Gesellschaft Bewunderung und die entferntesten Gedanken des Doktors auf sich zog. Die Zerlegung des Vogels gab mir jetzt nur noch einen kurzen Zeitraum frei. – Ich fasste Herz, ergriff freundschaftlich die Hand meines Nachbars, und glaubte durch die feine Wendung, die ich meinem Vortrage gab, mich seiner wenigstens so lange zu versichern, bis der Vorschneider fertig sein würde. "Der Zufall," hob ich mit ungewisser stimme an, "hat einen gefährlichen Kranken an die Seite eines berühmten Arztes gebracht – – Vermutlich kennen Sie, mein Herr, des Madai Traktat de mortis occultis? – dort ist meine Krankheit auf der siebenten Seite nach dem Leben geschildert.. Aber warum sehen Sie mich so bedeutend an? Ich beschwöre Sie, teuerster Mann, gestehen Sie es nur aufrichtig, dass Sie ganz an meiner Genesung verzweifeln? – Sollte denn aber nicht durch eine noch strengere Diät, als ich schon halte, die materia pec ..."

Aber Himmel, welch ein unerwartetes Schrecken unterbrach hier meine herzbrechende Periode, und vergällte mir das Wort im mund! Der grausame Arzt hatte mir bis dahin mit sichtbarem Ernste zugehört. Jetzt schob er, wie von Abscheu gegen meine Krankheit ergriffen, seinen Stuhl plötzlich zurück, wünschte mir, lakonisch wie der Unverstand, eine glückliche Reise, langte seinen Hut und ... solltest Du es glauben? – liess die anlockende Gans im Stiche, indem er, wie der Geist Hamlets, verschwand. Welch ein betäubender Schlag! Ich glaubte von beiden Seiten meines nun ganz isolirten Stuhls in einen Abgrund zu blikken, und der schnelle Aufbruch des Arztes und sein ominöses: " R