Rechnung meines Lebens dem obersten Richter vorlegen können, ohne zu erröten. – Würde ich denn aber auch, warf ich mir auf einmal ein, darum besser gewesen sein als jetzt? Hätte mir der oberste Richter nicht antworten können: "Du trittst mir zwar unbescholten und mit dem Bettelstolze eines guten Gewissens unter die Augen – du bist unbefleckter als jener Domherr, den eine Reihe schändlicher Taten verklagt; aber bist du wohl darum viel besser als er? Kannst du dir als Verdienst anrechnen, dass der Zufall den ich gewähren liess, dich an eine viel kürzere Kette legte als ihn? – dich in den Zirkel eines kränkelnden, reizlosen Lebens einzäunte, und dir nur den geläuterten Nahrungssaft zuflösste, den die gesunde Weide hervorbringt, auf der du geboren warst, und starbst, ohne dass du die Giftpflanzen zu kosten bekamst, die, in einem andern Erdstriche einheimisch, den Einwohnern zur gemeinen Nahrung geworden und mit ihrem Blute vermischt sind?"
Er! dessen stimme an mein Herz schlägt, bewahre mich vor dem Unverstande, mit Ihm zu rechten! Er mag es wohl besser wissen, als wir selbstsüchtigen Toren, was wir eigentlich wert sind, und – wie gar nichts unser Anteil an allem dem Guten ist, das aus unserer belobten Freiheit entspringt. O ich erbärmliches geschöpf! Was ist doch aus meiner Selbstzufriedenheit – was aus den Forderungen geworden, die ich auf die allgemeine achtung zu machen mich berechtigt glaubte? Eine Spanne Zeit verschlang den Reichtum einer ganzen langen Reihe von Jahren. Jetzt ist es mit der schönen Leichenrede vorbei, die ich manchmal im Namen des ganzen Menschengeschlechts in Gedanken hielt, wenn ich mir eine recht behagliche Stunde machen wollte. Der neue Text, den mir die vergangene Woche unterlegt, ist von einem Gehalte, der mir schwerlich die lange Weile über meinem Grabhügel vertreiben kann. So wirke er denn, rief ich endlich aus, was er vermag, und mache mich wenigstens, so lange ich diesseits des Grabes wandele, duldsam gegen andere Schwächlinge, die mir gleichen, und desto verschämter und andächtiger, wenn ich die Worte jenes grossen Menschenkenners in den Mund nehme: "U n d f ü h r e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g ." – Ich kenne keine, die einen deutlichern Spott auf unsere Geisteskräfte entielten. Auf wessen Bedürfnisse passten sie nicht? In dem Sinne der meinigen gesprochen, was wollen sie anders sagen, als: Mache mich nicht zu gesund am leib, damit ich nicht kränker am geist werde. Führe mir auf meinem geraden Gange keine Heilige und keinen Heuchler entgegen; denn ich bin zu blind, grosser Gott! um sie unter ihren Larven zu erkennen, und zu ungeschickt, ihnen solche abzuziehen, ohne mich selbst zu beschmutzen.
Ich schlug meine Augen in die Höhe – eine Bewegung, die wir so gern als ein Zeichen der Andacht anrechnen, da es doch meistens nur ein Hebel ist, durch den wir unsere beunruhigte Seele über ihren eigenen Anblick hinweg zu bringen, und eine andere Richtung zu gewinnen suchen; denn hinter der geringsten unsrer Handlungen steckt Stolz und Betrug. – Mich brachte mein mechanischer Aufblick diessmal nicht höher als in die Region der grossen Herren. Mein Wirt war nicht umsonst in Wien gewesen; denn ausser seinem Schreibzeuge, das ich Dir schon beschrieb, hatte er auch noch das Bild des Kaisers mitgebracht, die Kopie über dem Eingange seines Gastofs, das Original aber, wie billig, in seinem Staatszimmer aufgehängt, in das er mich – Du weisst aus welchem Irrtume – logiert hatte. Ich konnte immer Gott danken, dass es nicht das Bild eines Heiligen war; denn wer weiss, wohin das meine Phantasie, die nur ein Brett suchte um fortzuschwimmen, verschlagen hätte! In dem Deutschen Reiche, wohin mich J o s e p h d e r Z w e i t e trug, war ich wenigstens zu haus.
Ich schiffte mit ihm auf gerade wohl fort, von einem der Fürsten zum andern, die es teilweise beherrschen, und mein beklommenes Herz erleichterte und tröstete sich an ihren Höfen. Ich war erkenntlich für ihre freundliche Aufnahme, und ausserordentlich billig gegen die Fehler, die ich an ihrer person oder Regierung bemerkte; denn meine eigene Demütigung machte es mir unmöglich, sie anders als mit der Art von Mitleiden zu betrachten, die ein Hektikus für seinen Bruder empfindet, der Blut speit. Es wird Dich vielleicht Wunder nehmen, Eduard; aber ich mochte im Verfolg meiner Visiten unsere grösseren oder kleinern Herren so genau mustern so als ich wollte, ich zählte immer mehrere, unter deren Zepter oder Krummstabe es sich leidlich genug leben liess, und die, selbstständig, der Ehre, die wir ihnen erzeigen, so ziemlich wert sind, ehe ich Einmal unter zehnen auf einen traf, bei dem man, wenn man ihn auch, wie viele andere Dinge, mit Respekt nennt, es doch so unmöglich findet, einen festen Gedanken zu fassen, wie bei einem Polypen. Da sich der Hauptstock dieses Sumpfgewächses ohne den Inbegriff der kriechenden, schlüpfrigen und wurmstichigen Saugarme nicht denken lässt, die ihn zum Polypen erheben – und hinwiederum diese zu keinem edlern Dienste bestimmt sind, als die unreinen Nahrungssäfte, die sie einschlucken, dem regierenden Klumpen zuzuführen, um sein Pflanzenleben durch die Mechanik des ihrigen zu erhalten; so gibt das Ganze kein unebenes Sinnbild eines solchen Fürsten und seines Hofs. Was kann