schon genug Spitäler voll von Müssiggängern und Faulen? Mag denn hier wohl eine Seele arbeiten? Findet es nicht jedes bequemer zu betteln – zu stehlen, so lange es jung ist – im Beichtstuhle sich seine Sünden vergeben zu lassen, um neue zu begehen, und sich um eine Stelle in einer milden Stiftung zu bewerben, wenn es altert und krank wird? Dieses Leben führte der Vater, der Sohn setzt es fort, und vererbt es wieder an seine Kinder. – Nein, mein Herr! die hiesigen Armen sollen nichts von mir bekommen. Aber da Sie mir wegen der Magdalena einen Floh in's Ohr gesetzt haben, so kann es wohl sein, dass ich mein Testament ändere – und ein gutes, frommes und schönes Mädchen an Kindesstatt aufnehme, die einmal einem rechtschaffenen mann wieder mein erworbenes Vermögen zubringt." – "Tun Sie das, lieber Onkel!" sagte ich – und Gott sei Dank, dass ihm dieser Ehrentitel auf keine Art zukommt, da er bei verwandten S e e l e n eben nicht im Gebrauch ist; denn in diesem Falle, Eduard, gäb' ich ihn diesem wackern mann nicht mehr aus Laune, sondern aus bessern Urkunden sogar, als andere oft vorzeigen können, die ihn stolz von uns fordern. – "Tun Sie das, lieber Onkel," sagte ich ihm also beim Einsteigen in den Wagen: "bemühen Sie Sich um ein hübsches Kind, das Sie der Verführung Ihrer Domherrn entreissen, und das Ihnen und der Jugend den grossen Verlust von Klärchen, wenn es möglich ist, ganz wieder ersetzt. Mir ist es sehr lieb, dass ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem land E i n e n ehrlichen Mann habe kennen lernen. – Gott erhalte Sie! Leben Sie wohl!" – Ich fasste noch mit gerührtem Herzen den Segen auf, den er mir nachrief. Von einem so ungeweihten Speisewirte er auch herkam, hoffe ich doch, soll er mich besser entsündigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn.
Wie ich vor das Stadttor kam, bemerke ich erst, dass ich auf einer Insel gewesen war, und begriff nun leichter, wie sich hier – abgesondert vom festen land – noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte.
Die brücke über die Dürance kam mir, trotz dem heiligen Nepomuk, der zu ihrem Schutze darauf stand, doch so gefährlich vor, dass ich ausstieg, und mich nicht eher darüber wagte, bis ich meinen Wagen an dem andern Ufer erblickte.
Das Bild der Sonne schwebte nur noch an dem Saume des Horizonts, und ihre gebrochenen Strahlen röteten die hinschwindende Landschaft. Die Gegend war im Steigen – die Pferde zogen mühsam – und ich schlich voll von Gedanken zu fuss hinter dem Wagen her. Wie wir den Hügel bald erstiegen hatten, befahl ich meinen Leuten, sachte fortzufahren und die matten Pferde verschnaufen zu lassen, setzte mich an seinem Abhang auf die Wurzeln eines abgestorbenen Oelbaumes, und suchte mir die Empfindungen deutlich zu machen, die meinem Herzen entstiegen. Wie ungleich waren sie jenen, die sich sanft aus ihm ergossen, als ich das freundliche Caverac in seiner gesegneten Flur – als ich in dem sympatetischen Gefühle der Jugend meine geliebte Margot verliess! Unter einem noch schöneren Himmel als dort, wie erschlafft fand ich hier, in dem Müssiggange eines frömmelnden verdorbenen volkes, jede Federkraft der natur! Welch eine bängliche Ansicht! So weit meine Augen mich trugen, sah ich Standbilder der Heiligen auf rebenlosen nackten Bergen – entdeckte nur verfallene Stege – durchgebrochene Dämme, morschen Götzen mit ruhmlosen Namen zum Schutze überlassen – hörte das Läuten der Abendmetten in den umliegenden einzelnen Dörfern – ohne dass ein Schäfer vor seiner gesättigten Herde, oder ein müder Ackersmann hinter seinem umgelegten Pfluge, dem Aufrufe zur Ruhe nachschlich, – ohne dass ein Winzer, von fröhlichen Kindern begleitet, aus seinem Weingarten hervorbrach. – grosser Gott! rief ich wehmütig aus, und faltete die hände, wie lange wird dieser Missverstand deiner wohltätigen Absichten, diese Beschimpfung deiner natur noch dauern! Wie lange wird noch der Bürger seine kostbare Zeit, der Landmann seine nützlichen Kräfte, der Tagelöhner den kleinen Erwerb seiner wenigen übrig gelassenen Arbeitsstunden, an den Putz einer Wachspuppe und das Wohlleben ihrer Götzendiener verschwenden – in seinem haus das Licht – auf seinem Herde das Feuer ersparen – um durch eine verdienstliche Finsterniss der ewigen Lampe Oel zu verschaffen! Wie lange werden die Sklaven der Andacht das Mark ihrer Söhne gegen ein geweihtes Todtenbein vertauschen, und mit dem Geruche seiner Heiligkeit ihre Schlafkammern verpesten! Wie lange noch, grosser barmherziger Gott! werden die Unsinnigen für die baldige Entwicklung ihrer Töchter alle Heiligen anrufen, um ihre ersten Blüten dem ehelosen Mönche zu opfern, der jedem frühen Gefühl eines erwachten Herzens noch früher entgegen kommt, jede aufkeimende Frucht wie ein Raubtier bewacht, und alle Erstlinge der natur und des Fleisses als sein Eigentum ansieht! Durch, ach! wie viele Menschenalter – rief ich mit gepresster Brust – wird dieser schwere Uebergang zur Wahrheit und Freiheit noch zögern! – Und wie ich so sprach und meine Augen zu Gott erhob, vergüldete die ewige Sonne, zum letztenmal heute, die steinigen Hügel. Ich schrieb noch im Glanze des Abendrots folgende Gedanken in meine Schreibtafel, aus denen Du sehen wirst, dass ich nicht umsonst das Wirtshaus zum Propheten besucht habe – überblickte noch einmal diesen so schönen und so gemissbrauchten Erdstrich – und winkte nach meinem Wagen.
Als hätte die natur im Bilden
Mit Liebe länger hier verweilt,
So ganz