1791_Thmmel_094_192.txt

malen können?" fragte er voller Verwunderung. "Wäre es möglich, dass es so gefühl- und geschmacklose Menschen gäbe?"

Indem hörten wir den Domherrn auf der Treppe, und der rechtschaffene Mann machte sich aus dem Staube. Ich sah mit Vergnügen von meinem Schreibtische, dass Klärchen eilig das Glas wieder füllte, das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl, und fand nach meiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife überlegung und weibliche Klugheit, dass ich ihres künftigen Schicksals wegen ganz ausser Sorgen bin. Ich stand, wie der Prälat atemlos hereintrat, einen Augenblick auf, berichtigte in möglichster Eil meine Rechnung mit ihm, die er mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhändigte, und begleitete ihn unter seinem beständigen Geschwätz, auf das ich nicht hörte, bis an das Ziel seiner Wünschean seinen Stuhl. Er übernahm sein Glas, wie ein Maurer seine Kelle, die er als Zeichen da liess dass er fortarbeiten wolle, und schlürfte es mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zärtlichsten Hinblicke auf Klärchen hinunter. – O des menschlichen Glücks! Wie hängt es fast immer von unserer Unwissenheit und Einbildung ab! Hätte dem guten mann nur das mindeste von dem geahndet, was sich Herr Fez in seiner Abwesenheit mit seinem Glase und seiner Geliebten heraus nahm, wie würde es ihm nicht alles verbittert haben, was jetzt seinen Lippen und seiner Vorstellung so süss dünkte! Er hätte darauf geschworen, dass es derselbe Wein sei, den er stehen liess, fand ihn, auf meine leichtfertige Frage, weder frischer noch matter als er sein sollte, und behauptete mit der Miene des Kenners, seine Zunge sei fein genug, um immer zu wissen, das wie vielste Glas aus einer Bouteille es sei, das er tränke. Es würde mir, bei dem Bewusstsein, das mich drückte, schlecht zu gesicht gestanden haben, über die so zuverlässige Unterscheidungskraft seines Geschmacks z u spotten. Klärchen fand noch weniger Beruf dazu, und war so gefällig mir das Amt seines Mundschenken abzunehmen, da sie sah, dass ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte. Ich kann also die letzte Seite, der ich noch mächtig bin, ruhig ausschreiben, da nun alles für mich hier abgetan ist. Meine beiden komischenoder willst Du lieber burlesken Bedienten, sind, leidlich genug gekleidet, vom Trödel zurück, und tragen meine Sachen in den Wagenund meine sechs Pferde sind auch da. Auf die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger Acht als auf die gelbsüchtige Bertilia, die ihrer schönen Nichte das Nachtpaket gebracht, und sich nun leider Gott erbarm es! nicht weit von mir auf ihren frühern Gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren Rausch zu verschnarchen. Diese Harmonie, wenn es möglich ist, verstärkt noch mehr die Ungeduld, die ich habe, aus diesem Sumpfe an Gottes freie Luft zu kommen. Da es zu spät ist, noch vor Nacht Aix zu erreichen, so soll es meine Abendbeschäftigung sein, diesem Bogen den Beschluss meines heutigen reichhaltigen Tages in dem wirtshaus noch anzuhängen, wo ich etwa übernachten werde, und mit Dir den Austritt aus dem päpstlichen Gebiete und aus einer Woche zu feiern, die der Anfang des Jahrs höchst niederschlagend für den prahlenden Stolz meiner Tugend eröffnet, und das erste Blatt meines neuen Kalenders gewaltig beschmutzt hat.

Meine einzige, zwar immer leidige Tröstung ist, dass es wohl keinen in der Welt gibt, worin von den zwei und funfzig Wochen die er entält, nicht Eine wenigstens, so gut wie die meinige, verdienen sollte ausgestrichen zu werden. Wenn ich nur die übrigen im Jahre, wie ich im ganzen Ernst hoffe, nach der Kritik der reinen Vernunft anwende, so denke ich bei Gott und der Weltbei den Sitten- und Kunstrichtern noch immer Gnade und Erbarmung zu finden.

Fussnoten

1 Messieurs, quand je régarde avec exactitude

L'inconstance du mond et sa vicissitude,

Lorsque je vois, parmi tant d'hommes différents,

Pas une étoile fixe, et tant d'astres errants,

Quand je vois le Césars etc.

R a c i n e – l e s P l a i d e u r s Act. 3. Sc. 3.

Lambesk.

Hier bin ich nun schon einige Meilen über der Gränze jenes wurmstichigen und von Mönchen durchwühlten Landes, und befinde mich schon um vieles besser. Unter dem Burgfrieden eines Prinzen, der mit J o s e p h d e m Z w e i t e n verwandt ist, werde ich von seinem abgedankten Haushofmeister bewirtet, der mein Vaterland kenntdem es dort wohl gingund der es den Reisenden zu vergelten sucht, die daher sind. So klein diese politische und moralische Verbindung auch sein mag, so kommt sie mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu Statten. Ich ward schon meiner fehlerhaften Aussprache wegen, die mein deutsches Vaterland verriet, und die, sobald sie an die Ohren meines Wirts anschlug, ihn an alle das Gute erinnerte, das er bei uns genoss, auf das freundlichste in seiner Herberge empfangen; und als vollends meine persönlichen Verdienste dazu kamen, und meine Bedienten um den Küchenherd das Wunder sehr teatralisch beschrieben und vorgestellt hatten, von welchem ich eben herkäme, so wussten die Leute im haus nicht, wie sie mir ehrerbietig genug begegnen sollten. Ich bin mit Wachskerzen umgeben, wie ein Heiliger, dessen Festtag man feiert, die erst der Wirt, dann seine Frau, dann seine Tochter und