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meinen Gönnern in Berlin nicht als ein einfältiger Tropf zur Schau gestellt werden; mein Name werde nie in den Jahrbüchern dieser Schwärmer, Betrüger und Betrogenen genannt."

"Ist das Deine Weisheit?" fragte Jerom mit ernstafter stimme – "Verdient die Wahrheit nicht mehr um Dich, als dass Du sie hinter der grossen Vormauer des Irrtums, hinter einer falschen Scham verstecken, und ruhig zugeben willst, dass die Zahl der schuldlosen Betrogenen sich vermehre? Die Leichtgläubigkeit eines Kranken ist der verzeihlichste Glaube. Ofttraue hierin einem praktischen arztkommt diese Schwachheit der Seele körperlicher Genesung zu hülfe. Der Gichtfluss, der das linke Bein lähmte, setzt sich nicht immer nur in das rechte.5 Nein! er verschwindet oft, ohne wieder zu kommen! Was soll man aber von den frommen und gelehrten Männern denken, die nicht nur mit der Schwäche der Kranken ihr Spiel treiben, sondern auch noch die gesunde unbefangene Vernunft zu benebeln gedenken? – Für was sollen wir die Stifter der neuern Sekten ansehen, die solche Schriften in alle Welt schicken, wie ich Dir hier vorlege?" –

Ein ungeheurer Haufe! – Ich wählte einige aus, die mit berühmten Namen in dem Reiche der Gelehrsamkeit gestempelt waren, und Jerom störte mich nicht in der Aufmerksamkeit, die ich ihren widersinnigen Behauptungen, ihren erlogenen Erfahrungen und ihren anstössigen Mutmassungen länger als eine halbe Stunde schenkte. – Seufzend legte ich endlich den ganzen Wust bei Seite, und wendete mich an meinen kaltblütigen Freund. "Lieber Jerom," sagte ich, "erlaube ja auch diesen braven Männern krank zu sein: denn sonst bleibt keine Entschuldigung für sie übrig."

"Bei einigen," – antwortete mein gut denkender Arzt, "aber gewiss nur wenigen kann Deine entschuldigende Vermutung wohl wahr sein. Du würdest vielleicht auch ein Buch über das Divinationsvermögen, über den tierischen Magnetismus, oder über die Wunder der Desorganisation geschrieben und edirt haben, wenn ich Dich so in Deinem Irrtum hätte forttaumeln lassen. Aber, glaube mir, der grösste teil unserer Schriftsteller schreibt nicht aus Liebe zur Wahrheit, aus Drang der überzeugung oder aus Eifer für das Gute und Nützliche; sondern aus jenem gelehrten Stolze, der, gleich dem Kerkerfieber in England, nur in den engen finstern Studierstuben herum schleicht, und dann und wann die glänzenden Bewohner der feinen Welt zu Mitleiden und Almosen bewegt. – Ich kenne viele dieser schreibsüchtigen Gespenster. Der Gedanke, Aufsehn zu machen, die Augen auf sich zu ziehen, die sich eben nach einem andern umdrehen wollen; das ist der Dämon, der sie treibt und drängt! Keiner kann ertragen, dass er vernachlässigt werde, und sobald einer sein Pult mit Ruhm verlässt, setzen sich gleich hundert an das ihrige, um so geschwind als möglich das Händeklatschen auf ihre Seite zu bringen. In Ansehung der Mittel? O da denken sie nicht feiner, als jene Wirtin z u m s c h w a r z e n B o c k e in Harlem."

"Und was begann denn diese? lieber Jerom!"

"Das will ich Dir bei einem Glase Wein erzählen, und Dir die Anwendung überlassen."

"Es war in dem Jahre acht und vierzig, als ihr Mann," fuhr Jerom fort, "ihr den Gastof zum schwarzen Bocke hinterliess, der noch jetzt nicht weit von dem Leidener Tore zu Harlem zu sehen ist, und noch jetzt, glaube ich, einem aus ihrer Verwandtschaft gehört. Das Weib war artig, gesprächig, und von eben so guter als billiger Bewirtung, besonders nachdem, durch den Tod ihres Mannes, ihre wohltätigen Neigungen von ihr allein abhingen. Der Gastof kam auch gar bald in die grösste Aufnahme. Da war keine Schüte, die von Leiden kam, keine die abging, die ihr nicht stündlich zu verdienen gab. Zur Zeit der berühmten Messe war eine Wagenburg um ihr Haus geschlagen. Es geschah oft, dass über dem Zulauf Mangel an Raum in der Herberge entstand; und dennoch lagerte man sich lieber unter freiem Himmel vor ihrer Haustüre oder in dem Hofraum, als dass man seine Pfeife in einem andern Gastofe geraucht hätte. –"

"Diese Vorliebe eines, seinen Freunden so anhänglichen volkes, dauerte viele Jahre zu Gunsten der Frau. Sie hatte ihre Bewirtung in ein gewisses sicheres System gebracht, von dem sie zu keiner Zeit abging, und es war also mehr als wahrscheinlich, dass ihre Gäste sich eher vermehren als vermindern würden. Dessen ungeachtet, lieber Wilhelm, so unerklärlich es auch sein mag, wusste der Gastof z u m P a t r i o t e n , der noch dazu viel entlegener vom Haupttore war, nach und nach alle ihre Kunden an sich zu ziehen, und es ward zur Mode, bei ihr vorbei zu gehen. Viele hatten sogar die Unhöflichkeit, sie zu grüssen, wenn sie eben vor ihrem haus stand: aber keine Seele fragte übrigens nach ihrem Portwein, nach ihren schwarzen Augen, und nach ihrem Salm."

"Ein ganzes Jahr beinahe ging so hin, ohne Verdienst und Genuss." – Noch immer schmeichelte sie sich mit der Hoffnung des gewöhnlichen Wechsels der Dinge. – Als aber die Kirmse einfiel, und auch da noch ihr Gastof unbesucht blieb, ungeachtet sie den verbleichten Bock hatte auffrischen lassen, und die weissesten Vorhänge hinter den Fenstern durchblinkten, da ward sie durch ihr unverdientes Schicksal zu heissen Tränen bewegt. – Es tut mir leid dass ich es