ein wenig vornehm und zurückhaltend gegen seine schöne Nachbarin geblieben war, schien schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen. Er schlürfte seinen Wein mit bedächtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter, die den heiligen Nicaise höchst malerisch schaukelten, und geriet dabei, wie es mir vorkam, in jenes gutmütige Erstaunen, das unserm grossen Friedrich so oft in die Augen steigt, wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle Gegend – angebaut und in blühendem Zustande wieder sieht. Er reichte seiner ehmaligen Pflegetochter die Hand, die, äusserst gerührt, mir sogar die ihrige entzog, die ich zärtlich in der meinen gefangen hielt, um ihm mit beiden für die Wiederkehr seiner väterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln.
Es war, wenn Du mir nachrechnen willst, das zwölfte und letzte Glas der einen Bouteille – (hier, musst Du wissen, ist in allem grösser Gemäss als zu Berlin) – das mir zu dieser höchst rührenden Scene verhalf. Gott sei gelobt und gepriesen, dass es nicht auch die letzte Flasche war! In der zweiten, die ich mir zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben liess, lagen noch ganz andere Erscheinungen verborgen. Der gelüftete Pfropf flog mit einem Knalle – der in der Welt schon manches Mädchen erschreckt hat, und dem Ohre eines Kenners so wohl tut – an die Decke, und der Wein hielt, was sein Herold ankündigte; denn zweimal musste ich geschwind hinter einander die Flötengläser Reihe herum füllen, um dem tobenden Schaume seinen Willen zu tun, ohne in diesen teuern Minuten Zeit zu haben auf meine Gäste zu achten. Desto mehr überraschten sie mich, als ich meine Flasche neben mich setzte, und mich nach ihnen umsah. Ach, mein Gott! wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen! – Ich erstaunte über die unglaubliche Veränderung, die ich antraf. Ist das mein Klärchen, fragte ich still vor mich hin, die so freundlich den unzähligen Küssen zusieht, die der entzückte Prälat ihren Händchen aufdrückt? – Sind das die Augen eines Kindes, das sich gegen seinen Vater entschuldigt? Sind das die Blicke eines beleidigten Wohltäters, der seiner Pflegetochter verzeiht? Hurtig! sagte ich zu mir selbst, schüttelte meine Bouteille, und füllte auf's neue die Gläser bis an den Rand; und nun sah ich noch deutlicher, wie weit das Geschäft ihrer Versöhnung gediehen war. Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnügen trinken, wenn es nicht unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern berührt war. Erst alsdann stürzten sie es – mit buhlerischem Gelächter, sage ich Dir, stürzten sie es hinunter, und der Traum – ach Gott, wie soll ich meine Schamröte verbergen? – der Traum meiner häuslichen Glückseligkeit war dahin! Die Wiedervereinigten achteten nicht mehr der Augen, die sie belauschten, noch der aufmerksamen Ohren, die ihnen zuhörten. Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen, dass der Prologus und sein Bruder mich anlächelten, und mir fragend zuwinkten, ob sie nicht recht gehabt hätten? – O, ja! ihr guten Leute, dachte ich, ihr habt nur mehr als zu wahr gesprochen. Und da ich sah, dass der Domherr nicht aufhörte dem lachenden Mädchen in die Ohren zu flüstern – die Perlen ihrer Zähne immer näher betrachtete, und mir sogar für die Sicherheit des Orts bange ward, der die heiligen Steine verwahrte, so fing ich – nicht mehr für mich, das wirst Du mir zutrauen – aber für die armen Puppenspieler fing ich zu fürchten an. Wenn er, sagte ich heimlich zu mir, das Glas noch trinkt, bei dem ich eben im Einschenken war, so bist du um dein gutes Werk, und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren Abschied betrogen, wie sie es schon um ihr neues Teater sind. Ich fasste, Herz – zog das Glas zurück, und – "Sie dürfen es wahrlich nicht eher trinken, lieber Mann," sagte ich, "bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle gebracht haben. – Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafür noch zwei – drei Bouteillen von diesem guten Weine auf, der Ihnen nur desto besser schmecken wird, wenn Ihnen kein anderes Geschäft mehr abzutun bleibt als Ihr eigenes." – Diese kurze, unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine. – "Gut, gut," sagte er, "davon will ich bald genug wieder zurück sein. Hüten Sie mir indess das Glas, liebes Klärchen, das ich stehen lasse," – und so küsste er noch einmal ihre Hand, nahm seinen Hut und ging.
Jetzt, dachte ich, wird sich das Mädchen besinnen, und von Scham vor deinen Augen vergehen. – Aber ich dachte nicht klüger als vor drei Stunden, als ich mit ihr in der Bibliotek war. – "Das ist heute," drehte sie sich zu mir, "ein glücklicher Tag. Der gute würdige Herr! Wir haben uns über das Vergangene besprochen. – Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten, und wir sind nun bessere Freunde als jemals. Und wissen Sie wohl," wendete sie sich gegen ihre Tante, "ich ziehe noch diesen Abend zu ihm? – Er verlangt es durchaus. – Wenn Sie also, meine Beste, so gut sein wollten, mir mein Paket zusammen zu schnüren.." – "Siehst du wohl," fiel ihr die Tante in's Wort, "dass ich Recht hatte, wenn ich Dir manchmal