geist schon die Lichter auf unserm Teater brennen. – "O, du liebe kleine Unwissende!" richtete ich meine süssen Gedanken an sie, "wie will ich alle schöne Künste zu deiner Unterhaltung und zur Bildung deiner Seele aufbieten! Wie wirst du deine mächtigen blauen Augen aufreissen, wenn ich dir an manchem fröhlichen Abende auf meiner kleinen Bühne die Scenen der grossen Welt und die Torheiten der Höfe zur Schau stelle, wovon du noch keinen – zum Glück für deinen Zeitvertreib – noch keinen Begriff hast; denn wärest du damit schon so bekannt wie ich, würden sie dir nur Langeweile verursachen. – Für geputzte Dratpuppen, und was sonst von Dekorationen dazu nötig ist, will ich schon sorgen. Habe ich doch meinen Eduard dort, der mir zu Liebe die Lieferung gern über sich nehmen, und darauf Acht haben wird, dass sie auf das getreuste nach der natur kopirt werden. Es ist eine leichte Sache, dass er sie mir alle Jahre erneuert; so verlör ich selbst – noch so fern vom hof – keine Veränderung, die unter den Hauptpersonen vorfällt, und könnte sonach, mit Beihülfe der öffentlichen Blätter, der Illusion und meiner Vorkenntnisse, immer noch mit meinem lieben vaterland in einiger Verbindung bleiben. – Das wenige, was allenfalls mir ein Heimweh verursachen könnte, wirst du, bestes Mädchen, mir zehnfach ersetzen. Wie werden mich nur allein deine kindischen Erinnerungen an die vorigen zeiten ergötzen, wenn – wie ich mir launig ausgedacht habe – der S ü n d e n f a l l unser Teater eröffnen soll, über den du – wie wir alle – deine Semmel vergessen, und aus dem sich – nicht anders als bei uns – alles dein Glück und Unglück entsponnen hat! Das zweitemal sollst du dieses herrliche Stück nicht bloss von der hintersten Bank aus lorgniren – das verspreche ich dir, armes gutes Kind!"
Es ist doch gewiss, Eduard, dass die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten Sache einen eigenen Reiz geben! Ich glaube, mein Herz hätte noch eine Stunde mit seinem kleinen Abgotte so forttändeln können, ohne es müde zu werden! hätte nicht der belobte Wein, der nun aufgesetzt war, mich an meine Gäste erinnert. Mit allen den verborgenen Kräften, die der Geist der natur in ihn gelegt hat, stand er freundlich in unserm Kreise, und wurde nun ... Ja freilich, wenn ich mir es bequem machen wollte, dürfte ich Dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen, wie viel Flaschen davon getrunken wurden, und Du müsstest wohl damit zufrieden sein. Mancher andere würde glauben sich an der Präcision zu versündigen, wenn er ein Wort mehr darüber verlöre. In s e i n e m Tagebuche kann er auch wohl Recht haben – das will ich ihm nicht abstreiten. In dem meinigen aber ist es, glaube ich, schon notwendiger, dass ich die Mühe der Pünktlichkeit, die ich bis jetzt nicht gescheut habe, am wenigsten bei dieser gelegenheit aus der Acht lasse, und jedes einzelne Glas, das meine Gäste tranken, mit meinen Anmerkungen begleite, um Dir den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern, die es in ihren Seelen erregte, da es doch sicher und gewiss ist, dass für einen Beobachter auf dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen, als in der Nähe des Stöpsels, und dass man sehr übel tun würde, sie unter einander zu mengen. Aus dem Schaume des ersten Glases – wenn ich anders richtig gesehen habe – breitete sich ein Schimmer natürlicher Fröhlichkeit aus, der, nach meinem Urteile, den beredtesten Dank für die Wohltaten Gottes entielt. Klärchen sah dabei allerliebst aus. Das zweite entwickelte zu meinem Vergnügen jene Lebhaftigkeit des Geistes, die uns zu witzigen verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als es gut ist. Der Prälat brachte zuerst eine hervor, die für diejenigen, die den kühnen Schwung davon einsahen, viel Salz hatte. Die fromme Bertilia selbst ward ganz munter darüber; für ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Rätsel so gut wie verloren, und mir ward schon angst, wie ich auf eine gute Art dem fröhlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte, als ihm glücklicher Weise der Epilogus Luft machte. Er reichte ihr zwar nur einen Teller – aber wenn das Gemüt einmal zur Freude gestimmt ist, bedarf es auch nur einer Kleinigkeit um ihr Spiel in Bewegung zu setzen. Es fiel ihr, wie sie uns zur Entschuldigung sagte, seine komische Figur vor ihrem Bette zu Cavaillon, und ihr kindisches Schrekken ein, das ihrem Bedürfnisse zu lachen jetzt ungleich besser zu Statten kam, als damals ihrem Bedürfnisse zu schlafen. Ich kann Dir nicht sagen, Eduard, wie gut ihr diese kleine körperliche Erschütterung stand! Es war das erstemal, dass ich die Perlen ihrer Zähne, wie an eine Schnur gereiht, zu sehen bekam, und es war zu verwundern, wie, nach so vielen Entdeckungen in dem Gebiete ihrer Schönheit, mich diese noch so angenehm überraschen konnte. Diesen hübschen Anblick, dachte ich, willst du dir oft verschaffen; und um ihn mir auch jetzt noch eine Weile zu erhalten – schenkte ich geschwind – Reihe herum noch einmal ein, und gewann dadurch – zwar nicht gerade was ich hoffte – aber dafür einen Anblick von einer – wenn es möglich ist – noch lieblichern Art. – Die funkelnden Augen meines Klärchens und des Domherrn gerieten an einander. – Das alte Missverständniss des geistlichen Herrn, der bis jetzt noch immer