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als die unsere ist, dieses Schutzes so bedürftig gewesen!

Es ist mir für meine Schreiberei lieb, dass ich noch eine Weile der albernen gespräche, die ich mit der Zurückkunft des Domherrn erwarte, entübrigt, und unter der stillen Aufsicht Klärchens so gut wie allein bindenn so habe ich doch noch Zeit die mancherlei wider einander laufenden Gedanken für Dich noch durchzufegen, die von allen Seiten her sich immer mehr anhäufen. – Meine schwankende denkartlass mich zuerst von der sprechendie ich mir wohl sonst, nicht ganz ohne Grund, vorwarfärgere mich dermalen nicht im geringsten. Ein ehrlicher Mann, wenn er es wirklich sein will, muss schwanken, sobald sich an dem Objekte über das er nachdenkt, die Farben ändern; und ich kann die klugen Leute vor meiner Sünde nicht leiden, die sich selbst da ihrer Festigkeit rühmen, wo es offenbar ein Fehler ist fest zu sein. Es ist ein wahres Glück für die p r a k t i s c h e P h i l o s o p h i e , dass ich durch meinen Arrest so lange hier aufgehalten wurde, um noch im zeiten gewisse Vorurteile zurück zu nehmen, die schon tiefe Wurzeln zu schlagen anfingen, und die i h r so nachteilig hätten werden können als dem guten Rufe dieses vortrefflichen Mädchens. – Und noch glücklicher trifft es sich, dass ich, Gott Lob! von dem gewöhnlichen Eigensinne spekulirender Köpfe frei bindenn sonst hätte ich mich gewiss auch jetzt noch nicht aus der Schlussfolge gefunden, die ich einmal glaubte mir bewiesen zu haben. – Die Wahrheit wäre mir entwischt, wo ich ihr am nächsten war, und Du, lieber Eduard, wärest so gut als ich um das Resultat meiner mühsamen Experimente gekommen, das ich Dir doch n u n , auf das feinste entwickelt, als die lehrreichste Entdeckung meiner Reise mitbringen kann. Das Vorgeben unserer grossen Menschenkenner, dass jedes Mädchenunschuldig oder nichtin ihren eigenen Angelegenheiten dem scharfsichtigsten mann eine Nase dreheist aus der Luft gegriffen, wie viele solcher Sentenzen. Versteht nur erst, ihr guten Leute, ein weibliches Herzohne Einmischung eures eigenenzu entfalten, so wird euch auch keins so leicht über seinen Wert oder Unwert betrügen! – Freilich ist es eine kitzliche Sache damit; das kann ich nicht läugnen, denn mein Beispiel beweist es zu klar. War ich nicht drauf und dran, das schuldloseste geschöpf zu verdammen, das vielleicht in unserm Weltteile zu finden ist? – und wer hätte mich einer Uebereilung dabei zeihen können? Traten nicht so viele Anzeigen wider sie auf, die mein Urteil vor jedermann rechtfertigen mussten? – Und doch war ich in Irrtum, und wäre es auch, ohne das letzte zufällige Gespräch mit ihr, immer und ewig geblieben. Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen Grillen sein. Wenn wir uns mit vieler Mühe die Augen verkleistert haben, öffnet sie uns ganz unerwartet das Geschwätz eines Kindes. Ist die Schamlosigkeit, die ich der guten Seele, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarfist sie bei ihr wohl etwas anders als der höchste Grad paradiesischer Unschuld? Wie lange hat es nicht gewährt eh' ich das begriffen habe! Nur die Seltenheit der Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen. Bei den Wilden zwar, sagt man, fänden sich Spuren davonaber in einem kultivirten land! – nach dem Sündenfalle! – ist es das erstaunungswürdigste Phänomen das sich denken lässt. Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klärchens Betragen aus diesem Gesichtspunkte betrachten? Ach, wie viel geschwinder würde ich alle jene Abweichungen von dem Gewöhnlichen bei ihr enträtselt, und die undankbare Mühe erspart haben, ein so liebenswürdiges geschöpfbei beständigem Widerspruche meines Herzensin meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen! – Aber unsre liebe, herkömmliche, Europäische denkartdie doch selbst im grund nichts anders als Abweichung von der natur iststeht uns immer bei metaphysischen Auflösungen im Wege.

Drollig genug, dass ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres gekommen bin! Aber was soll ich nunda die Sachen bis auf diese Spitze getrieben sindanfangen? – Auf der einen Seitefühlt sich das fromme Kind so glücklich in dem Besitze der heiligen Steine; auf der andern habe ich alle hirnlose Köpfedas heisst alle Einwohner der Stadtdamit erhitzt. – Wird das nicht zu den tollsten Planen und Nachforschungen gelegenheit geben, über die eine Tugend so leicht zu grund gehen kann, die durch weit grössere Seltenheiten die Ehrerbietung der Erde verdient? Wirklich, es wird mir ganz bange um das Herz, wenn ich das so recht überlege.

Das reizende Mädchen! wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten geworden! Ich kann es nicht ausdrücken wie lieb! Wenn ich so von meinem Bogen auf in die Höhe blicke, und diesen schönen grossen Augen begegne, aus denen die ganze Reinigkeit und Energie i h r e r Seele wiederstrahltso kann ich nichtnein! wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren, den mir mein guten Genius gewiss nicht umsonst so warm an das Herz legt. Bei der kleinen Margot ward er schon einmal ziemlich laut bei miraber Du weisst, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war. Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen ihm nachzuhängen. – Ernstlich, Eduard! Ich kann mir doch an den Fingern abzählen, dass