war nur ein Komödiant, der ihn den Abend vorgestellt hatte, und jetzt sein Bette suchte – und, was Sie erst recht verwundern wird, mein Herr – es war einer von den Soldaten, die Sie bewacht haben!" – "Unmöglich!" rief ich aus. – "O, verlassen Sie Sich darauf!" versetzte sie: "Sie können ihn selbst darum befragen. Das Schrecken," fuhr sie fort, "war nicht geringe; aber die Folgen davon waren doch gut. Ich lag die ganze Nacht durch in einem Fieber, und war so in Furcht gesetzt, dass ich den Morgen darauf nicht länger in Cavaillon aufzuhalten war. – Ich weinte so lang und so jämmerlich, dass endlich meine Verwandten sich heraus nahmen, den Herrn Ducliquet, der wieder nach Avignon reiste, um einen Platz für mich in seinem Wagen zu bitten. Er bewilligte ihn auf das gütigste – und dieser Zufall, mein Herr, dieses Schrecken und diese Reise machten mein Glück. – Unterweges examinirte mich der würdige Mann über meine Glaubenslehren, liess mich ein Morgenlied singen, und meine stimme gefiel ihm. – Als wir hier ankamen, überlieferte er mich meinem Vater – denn keine Mutter hatte ich mehr – und suchte ihn zu bereden, mich die Noten und das Singen lernen zu lassen. Der hätte es auch gern getan; aber er war zu arm um etwas auf meine Erziehung verwenden zu können. Da schlug sich der wohltätige Herr in's Mittel – und, wie manchmal ein geringer Umstand in unser ganzes Leben eingreift, erbot sich nicht allein, mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten, sondern auch in allen andern nützlichen Dingen sorge für meine Bildung zu tragen. – So kam ich in das Domstift, wo er mich der Aufsicht seiner Haushälterin übergab, die wie eine Mutter für mich gesorgt hat. – Ach! ich wäre gewiss noch in dem haus dieses guten Herrn, wenn ich nicht selbst mein Glück verscherzt hätte." – "Wie denn so?" fragte ich lächelnd, und glaubte nun gewiss das Mädchen auf einer Unwahrheit zu ertappen, die ich mir schon vornahm sie recht fühlen zu lassen, aber es war nicht möglich. – "Sehen Sie," fuhr sie fort, "Herr Ducliquet hatte ausgewirkt, dass die gefährlichen Menschen, die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten, der Folgen wegen, nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften. Da legten sie nun ein Puppenspiel an. – Einmal, da ich ausgeschickt war um Semmel zu holen, ging ich eben vorbei, als sie ein geistliches Stück aufführten. Ich glaubte nicht unrecht zu tun – wendete einige Sous daran und ging hinein. Man wies mich auf die hinterste Bank, wo ich weder etwas hörte noch sah. Gern wäre ich wieder heraus gewesen; aber das war bei dem Gedränge schon nicht mehr möglich. Ich kam neben einem Officier zu sitzen, und sass wie auf Kohlen. – Er hatte die Barmherzigkeit, mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen, als das Spiel vorbei war. – Aber mein Gott! wie war die Zeit vergangen! Es war ganz dunkel, wie ich zurück kam, und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen. – Ach wie teuer musste ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit büssen! Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben, und der Herr, der den Koch nach mir geschickt hatte, musste hungrig zu Bette gehen. – Meine Entschuldigungen halfen nichts; denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele. – Sie sagten sich von mir los, und ich musste noch diesen Abend aus ihrem haus. Was sollte ich anfangen? Seit acht Wochen war ich eine Waise. Es blieb mir nur die einzige Verwandte übrig, zu der ich flüchtete, und die mich mit erlaubnis des Herrn Propsts aufnahm. Nun geht es mir zwar ganz gut hier – aber was ich kann das kann ich – denn mit meinen schönen Lehrstunden hat es ein Ende."
Ich ward über die natürliche Erzählung des armen Kindes, die der Sache ein ganz anderes Licht gab, schon etwas nachdenkend. – "Klärchen!" sagte ich, und sah ihr scharf in die Augen, ohne dass ich, Gott weiss, die geringste Verlegenheit darin erblickte, "damals waren Sie ein Kind; das entschuldigt viel: aber wie sind sie denn nachher ..." und ich hielt inne, weil ich selbst nicht recht wusste was ich ihr zuerst vorwerfen sollte. – "Was denn, mein lieber Herr?" fragte sie hastig, und starrte mich dabei mit ihren grossen unschuldigen Augen an – und ich fuhr, selbst und allein ausser Fassung gesetzt, stotternd fort – "zu den Kreuzen gekommen, die ..." – "Das," fiel sie mir ganz verwundert in das Wort, "das wissen Sie ja! die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den andern." – "Aber um Gottes Willen," erwiderte ich und schüttelte den Kopf, "wie mag ein so frommes blühendes Mädchen so etwas erlauben?" – "Wie so?" fragte sie erstaunt: "Es geschieht ja zu meinem Besten, um mich, wie der Herr Propst und meine Tante sagen, die immer dabei steht, vor allem zu bewahren, was mir die stimme verderben kann; und finden Sie denn nicht, mein Herr, dass es geholfen hat? – Ach