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so wie Boileau, als er einst zwei seiner Freunde, von Burgunder befeuert, antraf, wie sie den Tod des grossen Homers beweinten, und nicht eher zu trösten waren, bis es ihm gelang, sie aus dem wirtshaus in die freie Luft zu bringen; so glaubte jetzt Jerom vermutlich auch dieselbe Vorsicht bei mir nötig zu haben, damit ich nicht ganz in Tränen der Begeisterung zerfliessen möchte. –

"Mässige Dich, bester Wilhelm," sagte erbittend, "solche Scenen sind für Deine schwachen Nerven zu angreifend. – Lass uns unsern Wein auf einige Augenblicke verlassen! Vielleicht beruhigest Du Dich in der kühlern Nebenstube über alles, was Dir heute das Herz erschüttert hat." –

Freundschaftlich nahm er mich bei der Hand, öffnete eine Seitentüreund – o ihr Mächte des himmels! wie ward mir! Kaum wirst Du es glauben, Eduard, aber so wahr ich lebe! ich befand mich mit Leib und Seele in demselben Zimmer des Vormittagssah dasselbe Bette, und vor ihm denselben Stuhl stehen, auf welchem ich diesen Morgen die Orakelsprüche aus jenem erschallen hörte. – Versteinert stand ich davor, und Jerom fuhr mit schalkhaftem Lächeln fort: – "Was sagst Du zu meiner Art abzukühlen, mein philosophischer Freund? Soll ich Dir hier noch einmal Deinen Namen und die Abenteuer Deiner Seele entdecken? – Dich noch einmal auf den Münsterturm schicken? oder bist Du vor der Hand zufrieden?"

"Also warest Du," – erwiderte ich mit wiederkommendem Bewusstsein – "Du warest der grosse Prophet, den mir die Damen verkündigten? – Du warest es, der mich diesen Morgen beinahe um mein bischen Verstand brachte?"

"Kein anderer," sagte Jerom mit zunehmendem lachen.

"Komm, ich beschwöre Dich," fuhr ich fort, "bei allem was heilig ist! komm meinem Erstaunen geschwind zu hülfe! Woher" – und ich schlug mich dabei mit der geballten Faust vor die Stirne – "woher wusstest Du denn, dass ich bei Carlsruh ein Mädchen den Wölfen übergab?" –

Hier stemmte mein boshafter Freund vor lachen die hände in die Seite – "Weil auch ich," rief er – "derjenige war, der neben Deinem Wagen hielt, sie Deinen Händen anvertrauen wollte, und Deine abschlägige Antwort hörte. – Dies; artige Kindeben dasselbe, das bei meiner Ankunft in Strassburg in der Krise lag, und mir die erste gelegenheit gab, das Wunder des tierischen Magnetismus zu sehen, hatte seit fünf Monaten für eine gute Belohnung die Somnambüle gespielt, war darüber mit einem jungen Officiereben demselben, der sie damals ausfragteein wenig zu sehr in Rapport gekommen, und wurde darüber die letzte Zeitwie soll ich sagenvor der Hand unbrauchbar ..."

"Das, däucht mir, habe ich ihr selbst abgemerkt," fiel ich ihm hitzig in's Wort.

"Ich rettete sie nach Carlsruh, wo unsre Gesellschaft gute Freunde hat, traf Dich, wie Du weisst, auf meinem Wege, erkannte Dich ohne Mühe, und erfuhr alles aus Deinem eigenen mund, was ich, kraft meines Divinationsvermögens, Dir diesen Vormittag wieder erzählte. Es gehörte übrigens nicht viel dazu, voraus zu sehen, dass mein Ruf Dich armen Kranken gewiss vor mein Bette führen würde. Meine Rolle war diessmal die leichteste von der Welt; und sonach, guter Wilhelm, ist alles, was Dir begegnet ist, nichts mehr und weniger, als der Scherz eines alten Freundes, der, wie Du siehest, einen recht guten Ausgang genommen hat." –

Die Decke fiel mir nun zwar von dem gesichtaber zu geschwind. – Eine brennende Schamröte überzog meine Wangen, sobald das grosse geheimnis in seiner armseligen Blösse vor mir lag. Ich sah mich in Gedanken in meiner ganzen Albernheit auf dem Lehnstuhle sitzen, und hatte kaum Mut, meine Augen gegen den falschen Propheten aufzuschlagen.

Mein Zustand erbarmte den gutmütigen Jerom. Er nahm mich traulich bei der Hand, hielt allen Spott zurück, und führte mich aus dem magischen Zimmer, das mir je länger desto verhasster ward. Ich blieb noch eine Weile nachher in sichtbarer Verlegenheit; endlich kam ich der Frage näher, die mir vorschwebte, und gewann Kraft, sie hervor zu bringen. "Ich war ein Tor, lieber Jerom ..."

"Kein grösserer" fiel er mir in's Wort, "als wir alle sind, wenn ängstliche Wünsche mit einiger Hoffnung verbunden auf uns wirken."

"Ich war ein Tor," fuhr ich fort, ohne mich stören zu lassen: "abervergieb mirwas bist denn Du in dem Lichte, in welchem Du Dich mir heute gezeigt hast? Was für ein Handwerk treibst denn Du, alter ehrlicher Freund?"

"Das Handwerk eines Brutus," antwortete Jerom, "der Rom von dem Tyrannen der Unschuld befreitedas Handwerk eines Pascal's, der unter der Maske der Einfalt sich des heillosen Geheimnisses der Gesellschaft Jesu bemeisterte. Ohne Verläugnung meines Mutes wäre ich nicht so mächtig geworden, als ich bin. Aber die Zeit meiner Erniedrigung ist verlaufen, bald werde ich zu meinen Kranken zurück gehen, und meine Erfahrung, bis auf Deine heutige geschichte, soll der Welt offenbar werden." –

Diese Erklärung meines Freundes gab mir einen Stich in das Herz. – "Nein, mein lieber Jerom," rief ich, "ich will