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Aber warte nur noch einen Augenblick und höre! –

Anstatt das Fach zu bezeichnen, wo die Legende der heiligen Klara kürzlich noch stand, wendete sie sich sogleich, als wir vor den Schrank traten, mit unbeschreiblicher Anmut nach mir, ohne es anzublikken, und legte mit kindischer Guterzigkeit ihre beiden Händchen in die meinen. – "Ich habe Sie aus keiner andern Absicht in diess abgelegene Kabinet gelockt," sagte sie, "als mein Herz, das mir zu voll ist, ungestört vor Ihnen auszuschütten. – Halten Sie mir meinen kleinen Betrug zu Gute, mein bester Herr! Wie viel," fuhr sie äusserst gerührt fort, "habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken! Es haben sich seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommenhaben in Unschuld und Tugend für mich gesorgtmir über vieles Rat und Trost erteilt, und meinen Verstand erweitertaber dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch unbekannt geblieben. – Ihnen war es vorbehalten, mir diese Kenntniss zu geben. Sie, mein Herr, sind der erste, der mich über meinen inneren Wert belehrt, und mich in meinen eigenen Augen zu einer Würde erhoben hat, mit der ich kaum weiss was ich anfangen soll. Das süsse Bewusstsein, die heiligen Steine in mir zu tragen, die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind – o dass es mich nicht übermütig und stolzund nur nicht der Erbschaft meiner höchst seligen Schwester unwürdig mache!" – "Wie? Klärchen!" sagte ich höhnisch: "Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon? – fühlten nie ein sanftes Drücken in der heiligen Gegend, wo sie liegen?" – "Auch nicht das geringste!" antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit, die allerliebst war. – "Hat Sie denn," fuhr ich schalkhaft fort, und ich dachte sie würde über und über rot werden, "auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht?" – "O!" sagte sie, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, "vor einigen Jahren zwar hat mir dieser gute würdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklärten Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt. – Es war sogar sein erstes Gespräch mit mir. – Aber ich war damals ein Kindhatte keine Acht darauf, und schlief über seinem Unterricht ein. Lange fand ich keine gelegenheit, meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen. – Vorgestern erst glückte es mir. Erinnern Sie Sich wohl noch, wie begierig ich in einem buch las, das ich Ihnen nicht sehen liess? – Jetzt kann ich es Ihnen sagen; aber legen Sie mir es nicht als Stolz aus! Es war die Legende dieser Heiligenwar eben das Blatt, das Gott im Feuer erhalten hat." – "So?" sagte ich, "aber wie kam es denn, dass Sie das erstemal dabei einschliefen?" – "Weil es sehr spät war," antwortete Sie. "Sehen Siees war Mitternacht.." – "Aber um des himmels willen, Klärchen," fiel ich ihr ein, "wie trafen Sie denn so spät mit dem Domherrn zusammen?" – "O," antwortete sie, "das hängt ganz natürlich an einander. Soll ich es Ihnen erzählen?" – "Wenn ich bitten darf, liebes Kind," lächelte ich sie an, "so tun Sie es so genau als möglich und mit allen Umständen." – "Nun gut," fing sie schwatzhaft an. "Meines Vaters Schwester zu Cavaillondie Wirtin in dem Propheten, hatte uns hier besucht, und nahm mich mit sich, als sie zurück ging. Wir trafen das ganze Wirtshaus übersetzt an, da wir ankamen. – Es war schon spät, und ich konnte vor Müdigkeit kein Auge mehr aufhalten. – Das gute Weib machte auch alle Anstalt, um mich bald zur Ruhe zu bringenführte mich in eine grosse leere stube, und wies mir ein Bett an. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meinen Reisekleidern geworfenso brachte mein Vetter einen Passagier in dieselbe kammer. – Es war Herr Ducliquet. – Er erkundigte sich, was das für ein Kind wäre. – Mein Vetter nannte mich, und wünschte uns eine gute Nacht. Der liebe fromme Herr, wie Sie ihn kennen, nahm sogleich gelegenheit, mir recht viel Erbauliches über meinen Namen und meine Patronin zu sagen. – Aber, wie Kinder sindich hörte die Sache nur halb und schlief darüber ein. Bald nachher.. doch das ist eine geschichte, die weiter hieher nicht gehört.." – "O das tut nichts, Klärchen," sagte ich: "erzählen Sie nur immer fortich könnte Ihnen einen ganzen Tag zuhören." – "Nun denn, mein Herr," erwiderte sie, "so ist es Ihre eigene Schuld wenn ich Ihnen lange Weile mache. Ich schlief also, wie Sie wissenaber es währte nicht lange, so erweckte mich ein Getös von der andern Welt. – Ich fahre schlaftrunken in die Höheund sehestellen Sie Sich das Erschrecken eines Kindes vorden Teufel vor meinem Bette." – "Gott sei bei uns!" unterbrach ich die Schwätzerin. – "Ach! fürchten Sie nichts," fiel sie mir hastig in's Wort: "Er war es nicht leibhaftiges