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fiel mir hier der Prälat wieder in das Wort, "sollte denn nicht ein Ausweg zu finden sein? Ich bitte Sie bei allem was heilig ist, denken Sie doch auf einen Ausweg!" – "Das habe ich schon getan," versetzte ich, und schlug ohne Respekt für seinen Purpur meine arme kreuzweis in einander. "Wäre es mir gegeben mit heiligen Sachen zu wuchernwäre der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis unrechter Handlung, und machte es mir nicht eine geheime Freude, diejenigen mit Grossmut zu bestrafen, die mich zu verfolgen gedachten; so würde ich, unter uns gesagt, teuerster Freund, etwas geiziger handelnwürde die verbrannte Sammlung für ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen, und mich und mein Vaterland mit einem Blatte bereichern, das einem wohldenkenden Herzen mehr wert sein muss als alle Biblioteken der Welt. – Aber ich entsage gern meinem Eigentume daran ..." – "Das ist schön und gross gedacht," tönte hier Klärchenund: "Ach! es fällt mir ein Stein vom Herzen," krähte die Alte darein, die bis jetzt in ängstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir stillschweigend zugehört hatte. – "Dagegen," fuhr ich sehr anmasslich fort, "verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung, und nebenbei das Versprechen von Ihnen allen, bei Ihren künftigen Nachforschungen nach jenem grossen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken, der sich um die dunkle Lehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat, als alle Gottesgelehrten, die bis jetzt, ohne sonderlichen Erfolg, daran gearbeitet haben."

Der Domherr, in der Freude seines Herzens, bestätigte nicht allein auf das höflichste die Komplimente, die ich mir selbst machte, sondern er dankte mir auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirchederen er doch keiner einzigen vorstandfür mein grossmütiges Erbieten. – Er zweifle nicht, sagte er, dass es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters tun, und mit dankbarer Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde. – Er eile jetzt zu ihm, um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen; denn mit Kanzlei-Geschäften müsse man einem geistlichen Herrn früh kommen. Er hoffe in einigen Stunden damit fertig zu sein, und alsdannhier küsste er mich mit der freundschaftlichsten Wärmeden schriftlichen Erlass meines Haus- und Stadtarrests und aller Schäden und Unkosten, so viel ihrer auch sein möchtengegen ein gutes Glas Wein an meinem Tische auszuwechseln. – Er ging, und, nach einigem Fispern mit ihrer Nichte, verliess auch die alte Bertilia das Zimmer, um, wie sie sagte, in das ihrige beten zu gehen. Klärchen, die sich nun auf einmal mit mir wieder so allein sah als an dem Namenstage ihrer Tante, ward rot bis über die Augen, und wie man nur zu oft, in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen, in eine noch grössere fällt, so bat sie mich, sie aus der einsamen stube in die bewusste Bibliotek zu führen, die doch sicher der geheimste und einsamste Winkel im ganzen haus war. "Sie wolle noch einmal," gab sie vor, "in meiner Gegenwart den merkwürdigen Platz aufsuchen und bezeichnen, wo die Legende ihrer verklärten Namensschwester, bis zu ihrem Hingange in den Kamin, verweilt hätte." Ohne mich lange über ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern, reichte ich ihr den Arm. – Sobald wir aber beide vor dem Bücherschranke ankamen, überraschte sie michnein, es ist nicht auszusprechen wie? Du könntest Jahre darauf sinnen ohne es zu erraten.

Als wenn sie mir in das Herz geblicktals wenn sie die ganz unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hätte, in der mir ihr Bildniss erschienunternahm sie, zu meinem Erstaunen, sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu erheben, und meinem Menschenverstande zum Trotz alle die gründlichen Versuche umzustossen, die mir über ihre Heiligkeit, Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur zu sehr geöffnet hatten. – "Nun das gestehe ich," sagte ich bei mir selbst, sobald ich ihre Absicht merkte, "dieser äusserste Grad der Unverschämteit hat noch gefehlt, um die Missgestalt ihres Charakters vollends auszumalen!" – Aber es währte nicht langesolltest Du es glauben Eduard? – so fingen mir an meine gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werdenmeine Versuche kamen mir einseitig, und die Schlüsse, die ich daher folgerte, willkührlich und übereilt vor. – Ich vergebe Dir, wenn Du über diese Nachricht lachst. Ich bin der erste, der eingesteht, dass, nach allem dem, was unter uns vorgegangen, mir von ihr zu Ohren gekommen, und noch heute meinem geist so gegenwärtig war als gestern meinen Augenes etwas höchst unerwartetes sei, dass mich dasselbe Mädchen, so kurz vor meiner Abreise, eines bessern von ihr überzeugen solle. – Aber genug! es gelang ihr. – Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals, und so sehr ich mich Anfangs auch sträubte, trat ich doch zuletzt freiwillig den sublimen Vorstellungen bei, die sich Herr Fezein braver, gescheidter Mann, von ihr macht, der sie von Jugend auf in den Augen gehabt, und sie wohl richtiger als ich zu beurteilen gelegenheit hatte.

Ich sehe, Du bist nach diesem Geständnisse im Begriff mir Deine Freundschaft aufzukündigen, schiltst mich einen Schwachkopf, und magst nichts weiter mit mir zu tun haben. –