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löblichen Handlung umbilden konnte. In dem höchsten Unwillen über mich selbst, nahm ich jetzt die ungerechten Schmähungen zurück, die ich wider Männer auszustossen mich erfrecht hatte, denen ich die Schuhriemen aufzulösen nicht wert war, und betrachtete sie, wie ich sie immer hätte betrachten sollen, als eine Gesellschaft, die der grosse Zweck vereinigt hat Gutes zu stiften, und segnete sie als Wohltäter des menschlichen Geschlechts, die noch Samen über ihre Gräber streuten zu ewigen Ernten. Haben sie nicht, befragte sich meine gerührte Seele, indem ich eine ganze Reihe ihrer unsterblichen Werke umarmte, ihre Nächte mit Nachdenken verwacht, ihr schönes Leben verschrieben, um noch ihren Enkeln den steilen Weg zu erleichtern, der zur Entdeckung der Wahrheit führt? – Und ach! warf ich mir bitter vor, in der Nähe dieser sicheren Wegweiser, hast du deine kostbare Zeit ungenutzt verschlafen, und in dem Augenblicke, da du ihre hülfe am meisten bedarfst, bist du im Begriff dich auf immer von ihnen zu trennen?

Wohl dem menschlichen Herzenes hat seine Spannkraft nicht ganz verlorendas noch durch den Gedanken einer unwiederbringlichen Zeit erschüttert wird! Es zieht nun alle seine Kräfte zusammen, und sucht den Wert der verschleuderten Stunden in dem kleinen Zeitraume, der ihm noch übrig bleibt, einzuengen, und den Verlust von Jahren durch den misslichen Gewinn eines nachfliehenden Augenblicks auszugleichen. – Auch das meinige arbeitete unter einem gleichen Bestreben. Schaudernd sah es in das Vergangene und auf die sorge, die es vernachlässigte, und blickte wild auf seinen entfernten Abstand vom Ziele; aber in diesem verzweifelnden Kampfe errang es Hoffnung sich seinen Weg zu verkürzen.

Ich erinnerte mich, und nie hat mir mein Gedächtniss einen wichtigern Dienst erwiesendass ich in den Büchersälen Eurer Klöster, in den Schatzkammern Eurer Kirchen, Schriften sah, deren Inhalt jeder nachdenkende Mannauch ohne Untersuchungschon als klar bewiesen annehmen, und als den lautersten Ausfluss der Wahrheit verehren wird, weil sie die kritische Prüfung, in der jedes menschliche Machwerk seinen Untergang findet, unter höherem Schutz überstandenich meine die probe des Feuers. – Noch vor kurzem hatte ich in dem Schatze, der über den Gräbern zu Saint Denys aufgestellt ist, das berühmte Buch des Tomas a Kempis bewundert, das einzig aus einer reichhaltigen Bibliotek, die in Rauch aufging, gerettet, und unversehrt aus dem Schuttaufen hervor gezogen wurde. Der fromme Mann, der es mir zum Küssen überreichte, beantwortete mir die Frage, ob denn die Tausende bei diesem Unglück verlornen Bücher nur Irrtum entalten hätten, mit einer Erklärung, der ich damals den Trost nicht ansah, den sie mir bald in der drangvollsten Stunde meines Lebens gewähren sollte. So hängt oft die Vorsehung die wichtigsten Ereignisse unsers Lebens an unmerkliche Faden, und verbindet uns, ohne dass wir es ahnden, mit der grossen Kette, die sie in ihrer Hand hält. So kann vielleicht in den fernsten zeiten noch sich zu der allgemeinen Harmonie ein Wohlklang aus so schwachen Tönen entwickeln, als jetzt meinem mund entfallenso kann die Verhandlung der gegenwärtigen Stunde vielleicht noch Heiden bekehren, und ganze LänderGott gebe es! – dem Joche Eures Glaubens unterwerfen.

Es waren, sagte der Mann, viele Werke in dieser verunglückten Sammlung, die wohl noch vortrefflicher waren, als das gerettete; aber man kannte sie, und keine Seele bezweifelte ihren Wert. – Nur Tomas a Kempis war nicht geachtetund sein Buch von der Nachfolge war unter allen dasjenige, dem man am wenigsten folgte. Seit dem Wunder seiner Erhaltung ist es erst in den Ruf gekommen, den es verdienterst seitdem ist es allen Religionen ein heiliges Muster geworden. Es hat sich in unzähligen Auflagen verbreitet, und die Vorreden erzählen die Kritik, die es aushielt. – Dieses waren die belehrenden Worte, die jetzt volltönend an die saiten meiner Seele anschlugen, und mir den einzigen Ausweg zu zeigen schienen, den ich zu nehmen hatte.

Von allen den Lehren, die jene herrlichen Werke entielten, die vor mir standen, war eine wie die andere meinen Augen verborgen. – Um keiner Unrecht zu tun zweifelte ich an allen. – Meine dringende Abreisemeine Trennung von ihnen, benahm mir die Möglichkeit sie zu erforschen, und in diesem Drucke und Gegendrucke von Wünschen und Zweifeln ermannte ich und entschloss mich, sie der kürzesten Prüfung zu unterwerfen, die mir in meiner Lage auch die willkommenste sein musste. In der süssen Hoffnung, siedie eben so ungesucht, ungelesen und vergessen waren, wie der grosse Tomas, bald durch das Feuer bewährt wieder zu sehen wie ihn, trennte ich sie aus ihrer Hülle, häufte sie locker in diesem Kamin auf einander, beging die Tat, die Ihr so strafbar findet, und – o wie pocht mir das Herz! – steckte sie an. Voller Erwartung verfolgten meine Augen jede Wendung der auflodernden Flamme, die sich schnell ausbreitete, und bald über den kostbaren Stoff, den ihr mein gläubiges Zutrauen übergeben hatte, zusammenschlug. Dieser Berg von Gelehrsamkeit senkte sichjede Minute überlieferte ein kostbares Werk mehr seiner Vernichtung. Sein Inhalt verrauchte, und beizte mir die Augen, ohne das Herz zu erwärmen. Meine Betäubung stieg immer höherach! sie ward zum Entsetzen, als ich an der Stelle dieser glänzenden Ueberreste der Vorzeitendlich nichts mehr als einen gemeinen Aschenhaufen erblickte. – Ist es möglich? rief ich nun aus. So war denn auch nicht Ein Buch unter so