ich mich der Tür dieser Auserkornen ihres Geschlechts – hoch pochte mir das Herz nach der Entdeckung dieses grossen Geheimnisses; aber noch war es ihrer nicht wert. Die fromme Aufseherin unserer Jugend versperrte mir, wie ein Seraph, den Eingang, und wies mich als einen Ungeweihten in meine einsame Klause zurück. Dank sei Dir, würdiges Weib! für Deine Strenge, die mir damals so schwer zu ertragen fiel; sie erweckte den Trieb mich aufzurichten, indem sie mich niederschlug, und befeuerte mein Verlangen, mich der Glorie erst würdig zu machen, nach der ich hinstrebte. Das Bild meiner freundlichen Hoffnung schwebte mir vor in der Zerstreuung des Tages, in den Träumen der Nacht, erheiterte meine Einsamkeit, und fesselte mich mit Blumen an die Pflichten meines hohen Berufs. Unter dem Schutze des Purpurs meines edlen Freundes und Begleiters warf ich mich der mächtigen Genoveva zu Füssen, und vereinigte mein Gebet um Aufklärung mit dem Gebete der Gemeinde. Ich wallfahrte nach dem grab der Laura – stärkte meine Empfindung in den reinen Dünsten, die aus ihrer Asche emporsteigen – bereicherte mich mit den Erfahrungen ihres Wächters, und suchte auf dem Pfade, auf dem er zu seiner überzeugung gelangt war, die meinige zu erringen. Ich schlich den Heiligen nach, wo ich sie fand, durch das Labyrint ihrer Legenden – auf dem geschmückten Trone ihrer Altäre – in dem Schauer ihrer Verwesung. Ihre glänzenden Feste konnten kein geweihtes Gebein ihrer Gerippe ausstellen, ich näherte mich ihm mit Ehrfurcht. Erblickte ich die Madonna als Zeichen über einem wirtshaus, so trat ich ein. Entzog sich ein Splitter des heiligen Nicaise meinen feurigen Augen – ich schlich ihm nach, und suchte wenigstens meine Hand daran zu erwärmen. Ich erkaufte mir mächtige Vorbitten bei der hochheiligen Concordia, und errang durch Gold, das zu Ehren ihres Namens geprägt ward, endlich eine der wirksamsten Reliquien, die meinen Uebergang in das Gebiet der Geheimnisse vermittelte, und den Schleier wegzog, hinter dem ich die heiligen Steine versteckt glaubte. Ich triumphirte – aber zu früh! Dürfte ich es wagen, die Holdselige, die meinen misslungenen Eifer teilnehmend mit ihrem Mitleiden beehrte, aus dem Bezirke ihres Richteramtes in jene trauliche Stunde meiner frommen Untersuchung zurück zu führen; sie würde nicht anstehen, Euch meinen Richtern alle die Empfindungen der Kleinmut, der Mutlosigkeit und des Kummers zu bezeugen, unter denen ich ihre Schwelle verliess.
Ein unruhiges Herz verfinstert oft den hellsten Verstand; wie viel schwärzer musste es nicht auf ein Gehirn wirken, das noch durch Vorurteile, Zweifelsucht und Unglauben umnebelt war! Habt Mitleiden mit mir, Ihr, die Ihr, schon fest in Eurem Glauben, allen Gegenbeweisen, Erfahrungen und Anmassungen der leidenschaft trotzen könnt! Der Unmut über meinen misslungenen Versuch – statt mich auf die wahre Ursache zurück zu führen – verwickelte mich vielmehr in neue feindselige Fehlschlüsse wider die Wahrheit Eurer Religion. Die Aufwallung meines Bluts verhinderte mich zu begreifen, worauf mich doch die geschichte der heiligen Klara von Montefalcone hinwies, dass meine Nachforschungen zu voreilig, und es nur auf dem Wege der Zergliederung möglich sei, auf die verborgenen Steine zu treffen. So überzeugt ich auch jetzt bin, dass ihre fromme Namensschwester einst der erstaunten Erde diese verlornen Beweise der Dreieinigkeit wiedergeben, und durch den Nachlass ihres Todes das Leben krönen werde, das sie jetzt führt, so entfernt war ich damals von dieser trostreichen Aussicht. Ich glaubte in meiner fruchtlosen Bemühung keinen andern Beweis zu finden, als den: dass nicht allein die Legende der verewigten Klara erlogen, sondern alle und jede Verjährungen Eures Glaubens nicht bündiger zu beweisen sein möchten, als die Steine der Klara.
In diesem Aufbrausen eines schwachen Gehirns trat ich vor die herrliche Sammlung der geistreichen Schriften, die den grössten Schmuck dieses Hauses ausmachen. Ich spottete ihrer Titel als Prahlereien eines heuchlerischen Stolzes – schalt den Inhalt, den sie ankündigten, als Verirrungen des menschlichen Geistes – entschloss mich das Lehrgebäude niederzuwerfen, das sie aufstellten, und diese Stützen des Glaubens mit dem Uebermute eines Heiden dem Pagoden meines Kamins zu opfern.
Aber in diesem Augenblicke schienen alle Heiligen mit Erbarmen auf mich zu blicken – mit Erbarmen gegen ein Herz, das in seinem Drange nach Wahrheit sich bis an diesen Abgrund verlaufen konnte. Ich fühlte dass mein Schutzgeist zurück kam. Meine Wünsche, ohne mich zu verlassen, nahmen jetzt einen richtigern gang, und meine Empfindungen veredelten sich. Mitten in dem Entsetzen, das mich nun über die hässliche Gestalt ergriff, unter der die Tat, die ich auszuführen im Sinne hatte, auf die Nachwelt übergehen würde, entdeckte ich neben dem finstern Wege, den ich einschlagen wollte, jene feine Scheidungslinie zwischen Recht und Unrecht, die gemeine Richter so leicht und nur zu oft übersehen. Was ist der Mensch ohne eine höhere Leitung! und wie so nahe gränzt das Laster an die Tugend! Ihr, die Ihr schon längst über das Bewusstsein der Seele, über die Beruhigung des Gewissens nachgedacht habt – Ihr, die am Feste des heiligen Crispinus mit flammenden Worten Euren Gemeinden so deutlich als mit dem Beispiele Eures Lebens beweist, warum sein Raub, statt ihn auf den Richtplatz zu bringen, ihn unter die Zahl der Seliggesprochenen versetzt hat, mein Herz schmiegt sich an das Eurige, und sucht seine Lossprechung in Euern Lehren. Ihr werdet ohne Mühe begreifen, wie dieselbe Tat, die mich einige Minuten zuvor als einen Verbrecher würde gebrandmarkt haben, nur durch gute Absicht geleitet, durch fromme Bewegungsgründe geheiliget, sich zu einer unschuldigen, zweckmässigen und