verwickeltsten fragen. – Alle Kräfte meiner Vernunft gerieten in einen Stillstand bei dieser augenscheinlichen Tatsache. – Lange quälte ich mich umsonst, eine nur leidliche Erklärung dieses Wunders, und besonders des auffallenden Umstandes zu entdecken, warum die Eingebungen einer Somnambüle immer nur auf die Medicin – nie etwa auf die Politik – die Landwirtschaft – die Mineralogie – die Naturgeschichte oder die Rechtsgelehrsamkeit gerichtet seien; so viel Nützliches auch in diesen Wissenschaften zu entdecken und Irrtümer zu berichtigen wären, und so sehr oft einem armen Teufel ein Gefalle geschehen würde, zu erfahren, wie er seinen Prozess gewinnen oder sein Korn säen solle?"
"Endlich, lieber Wilhelm, glaubte ich einigermassen der Sache auf die Spur zu kommen, und den wahren Zusammenhang davon einzusehen. Da ich immer alle Arten von Entzückungen mir als Wollust erklärt habe, zu der ein überirdisches Wesen ein sterbliches verleitet – da man in Tollhäusern nur zu häufig Symptome dergleichen heterogener Vermischungen gewahr wird – so kann es wohl sein, denke ich, dass eben jetzt ein medicinischer Geist der obern Region seinen verliebten Ausschweifungen auf unserer Erde nachgeht, und die armen unbefangenen Geschöpfe, die er zu seinem Willen bringt, mit Kräften schwäng ... Doch es ist wahrlich schwer, lieber Freund, Geheimnisse der Art deutlich zu machen, ohne eine, Albernheit zu sagen. Genug, alle mannbare Mädchen, so viel ich deren nachher noch gesehen habe, die zum Schlafreden – zur Desorganisation – zum tierischen Magnetismus geschickt waren – bestärkten mich in dieser gewagten Vermutung. – Sie teilen die medizinische Kraft, die sie durchdringt, sogar, wie den Schnupfen, auch Männern mit, die mit ihnen in genaue Verbindung kommen – wie wir dieses an dem belobten Propheten sehen, der Dich heute kurirt hat. Mein System, lieber Wilhelm, macht wirklich alle andere Erklärungen überflüssig."
"Kaum Mit eine Schöne sich hier in geistig-kritischen
Stünden
Mit einem reisenden Arzt, der seine Praxis und Kun
den
Im Empyreo verlor – in heimlicher Ehe gepaart,
So wirkt die Stärkung, die sie in seiner Umarmung ge
funden,
Auf ihre Nerven. – Sie sieht und heilt die Uebel und
Wunden
Der sublunarischen Welt nach empyreischer Art.
Die Blöden staunen sie an. – Mit solcher magisch Ge
weihten
Tritt Lieb' und glaube' und Hoffnung in Bund;
Unwissende werden belehrt, und Kranke werden ge
sund;
Die Kunst – wer weiss es nicht längst? – erhabene
Träume zu deuten,
Ward immer nur den Einfältigen kund,
Und Gott erneuert uns hier das Wunder aus Bileams
zeiten,
Bis auf des Esels geöffneten Mund." –
"An die vier Monate," fuhr Jerom fort, "lebe ich nun schon in Strassburg, sehe die unglaublichen Fortschritte der neu entdeckten Naturkraft, und verliere mich täglich mehr in meinem Erstaunen. – Doch was brauche ich Dir alle Resultate meiner Erfahrung vorzulegen? Hast Du nicht genug an Deiner eigenen heutigen geschichte? Beleuchte sie noch einmal mit aller Anstrengung Deines Verstandes! Du hast doch deutlich gesehen und gehört, hast die Weissagungen des Schlafsehers wahr befunden, und bist überzeugt?" –
"Ja, bei Gott," erklärte ich meinem Freunde, "das bin ich. – Ich erlaube mir von nun an kein Misstrauen mehr, als gegen das unbegreifliche Menschenherz, das in mir pocht. – Zum Glücke, dass ich seit heute Morgen aus dem mund des Propheten weiss, welch eine Seele in mir wütet. – Noch sind keine zwo Stunden verlaufen, als mich Dein Zuruf an dem Abgrunde des Unglaubens zurück hielt. – Wie unüberwindlich kam ich mir nicht in dem Augenblicke vor, da ich meiner Niederlage am nächsten war! Ich Armseliger! Ein geweihtes Schwert in der Hand, glaubte ich allen Erfahrungen des Glaubens die Spitze bieten zu können! Aber desto ernstlicher verabscheue ich jetzt die Sünden meines Uebermuts. – Ich lege in Deinen Schooss, lieber Jerom, meine feierliche Abbitte an den mächtigen Gesandten der Zukunft, gegen den sich meine Vernunft empörte, und an alle die grossen Männer nieder, die ihm anhangen, und o! dass die ganze Welt meinen Widerruf hören könnte! Zu was haben mir die Waffen der prahlenden Vernunft geholfen? – Da liegen sie als unnütze Werkzeuge ihres Stolzes. –"
"Ohnmächtiger, als Dauns geweihter Degen
An Friedrichs Schild, zersplitterte mein Schwert
An des Propheten Stirn. Sein rätselhafter Segen –
Jetzt herrlich mir durch den Erfolg erklärt –
Macht meinen Glauben fest. Gleich einem, der
verlegen
Am höchsten Pranger steht und den Jan Hagel lehrt,
Ruf' ich mit lauter Stimm' und vollen
Herzensschlä'gegen,
Euch allen ruf' ich zu, die ihr mein Unglück ehrt:
Wenn Geister Sturm und Drang in eurer Seel' erregen,
Wenn euch, wie mir, ein Wunder widerfährt,
Nicht lange Rat mit der Vernunft zu pflegen.
Und minder noch der Silberlinge Wert,
Die unter Puysegüs und Lavaters Geprägen
Die fromme Welt durchziehn, erst jüdisch
nachzuwägen,
Wie ich getan und Mendelssohn begehrt."
Nichts kann rührender und eindringender sehen, als die stimme der überzeugung, zumal wenn schon zuvor ein gemeinschaftliches Glas Wein Redner und Zuhörer zu einander gestimmt hat. Ich stand, die Hand auf die Brust gelegt, mit freier Stirn und in einer begeisterten Stellung vor meinem Freunde, der durch die Ueberströmung meines Herzens so hingerissen wurde, dass er, während meine Augen sich mit Tränen der höchsten Empfindsamkeit füllten, sein Gesicht hinter seinen Händen verbergen musste. – Er erGläser bei Seite, und