sie sich zum letztenmale gegen die Betrogenen mit jammernder Liebe, wünscht ihnen aus Grossmut die Fortdauer ihrer Verblendung, und flieht – unverletzt zwar, doch Gott! unter welchen Empfindungen, den Kreis ihrer irrenden Freunde, unbegleitet von mitleidigen Tränen, ungerächt und ohne Triumph.
Dieses, von meinem ersten Gemälde so abstechende Gegenbild, legt Euch, meinen Richtern, die grausame Lage meiner Verhältnisse gegen Euch dar, wie ich sie in ihrem ganzen bedrohenden Umfange fühlte, noch ehe sie mich vor Eure Schranken gebracht, noch ehe sie die Beredsamkeit meines redlichen Anklägers erweckt hat. Wie habe ich nicht in seiner vortrefflichen Rede die männliche Stärke bewundert, mit der er das Unglück eines Lasterhaften zu malen weiss! Er glaubte in diesem Augenblicke mein Gegner zu sein – aber mein Herz konnte ihn nicht dafür halten. Wohl mir, dass ich seine Schilderung mir gegen über stellen und zergliedern kann, ohne zu erröten! Sie ist meisterhaft schrecklich – aber sie trifft mich nicht. Sie stellt mich mit den Farben der höchsten Wahrscheinlichkeit als einen Fremdling dar, der das geheiligte Recht der Gastfreundschaft gröblich beleidigte, der sich in dieses fromme Haus einschlich, um der Armut ihr Eigentum, der Religion ihre Stützen, und der Kirche ein Bollwerk zu rauben, das sie schon seit Jahrtausenden ihren Feinden so mutig als wirksam entgegen setzt. Sie überliefert mich den Gesetzen als einen Mordbrenner, den die verfolgende Rache des himmels selbst an dem Orte seiner begangenen Freveltat – selbst neben der Asche des kostbaren Gebäudes übereilt hat, dessen Vernichtung sein Werk ist. – Dieses ist das widrige Licht, das ein warmer Verehrer der Tugend über eine Tat verbreitet, die ich umsonst suchen würde in's Läugnen zu stellen. – Wie gedemütigt vor Gott und Menschen würde ich mich in diesem Augenblick fühlen – wie könnte ich die Blicke des Abscheues ertragen, denen ich bloss stehe – wie vermöchte ich, edle Richter, den gewaltigen Eindruck meiner Anklage auf Eure Gemüter zu vernichten, wenn meine Straffälligkeit so erwiesen bliebe, als sie es jetzt den Mitgliedern Eures hohen Tribunals vorkommen muss! Nur desto stärker gegen mich empört, je aufgeklärter Ihr Verstand, je reiner der Schmuck Ihrer Sitten, je aufrichtiger Ihre Ehrfurcht für Tugend und Religion ist, machen es Ihnen diese herrlichen Eigenschaften nur noch unmöglicher, Ihrem Mitleiden Gehör zu geben. Der Schutz, den Sie der Religion zugeschworen, verdrängt das Erbarmen gegen denjenigen, der die Rechte dieser Religion so grausam verletzte. – Die gesetz, die Sie handhaben, legen es Ihnen als Pflicht auf, Schande und Strafe über den mutwilligen Uebertreter derselben auszurufen.
Diese Wahrheiten, die ich mir nicht verhehlen kann, was lassen sie mich nun anders erwarten, als mich von den würdigsten meiner Zeitgenossen überführt, verdammt und aus ihrer Gemeinschaft ausgestossen zu sehen! Und dennoch, ich schwöre es bei dem Eifer, der Euch belebt, seid Ihr, meine Richter, auf dem Wege, in mir einen Mann zu bestrafen, der nicht etwa Euer Mitleiden – ich entsage ihm gern – nein! der Eure ganze achtung verdient, und sie, nicht als ein Almosen, sondern mit dem Trotze eines guten Gewissens, als eine Schuldigkeit von Euch fordert. Möchte doch das belehrende Beispiel dieser feierlichen Stunde allen und jeden Dienern der Gerechtigkeit bekannt werden! Wenn ein Tribunal wie das Eurige nicht vor der Gefahr des Irrtums geschützt ist – welcher Richter mag es, nach Euch, noch wagen ein Urteil zu fällen?
Doch wohin verführt mich meine eigene schreckhafte Vorstellung? Verzeiht es einem beängstigten Fremdlinge – verzeiht es mir, dass ich nur einen Augenblick von einer Gefahr träumen konnte, gegen die Euch Eure Kenntnisse, Eure Menschenliebe und Eure Redlichkeit waffnen. – Heil mir! Ich stehe nicht vor so gemeinen Richtern, denen schon das Eingeständniss einer zweideutigen Handlung Beweis genug von der Strafbarkeit dessen ist, der sie beging. So leicht auch die hinreissende Beredsamkeit meines feurigen Anklägers ein minder behutsames Tribunal bis zu diesem Fehlschlusse verleiten könnte – bei Euch wird sie keinen andern Erfolg bewirken, als den, der ihren reinen Absichten am angemessensten ist. Je vollkommener seine fürchterliche Anklage wider mich da steht, desto mehr wird sie Eure prüfende Aufmerksamkeit schärfen, und Eure Grossmut nur desto mehr reizen, das Mangelhafte meiner Verteidigung zu ersetzen, und den Schwachen und Ungeübten gegen den Stärkern in Schutz zu nehmen. Gegen den Stärkern in Schutz nehmen, sage ich? Bin ich es denn nicht dem Ruhme meines Gegners schuldig, zu glauben, dass er selbst, während der entwicklung der Triebfedern meiner Handlung, die stufenweise Abnahme seines Widerstandes redlich erkennen, meine Rechtfertigung unterstützen, und gern einem erwarteten Sieg entsagen werde, da er den Feind nicht fand, den er zu erlegen gedachte?
O möchte doch dieser innere Vertrag redlicher Seelen, dieses stillschweigende Einverständniss, das unter uns beiden besteht, zur Ehre der Wahrheit allen ihren Verfechtern voraustreten! Möchte die Welt immer nur so edle Streiter gegen den Irrtum auf dem platz sehen, die eines solchen Kampfes wert sind!
Meine Rechtfertigung bedarf keines Schmuckes. Sie ergiebt sich aus der einfachen Darstellung meiner denkart, und liegt offen in meiner geschichte. Ich verliess mein Vaterland, das von einem zwar mächtigen, aber leider ungläubigen Könige beherrscht wird. Ich verliess es mit dem Vorsatze, der alle Reisende leiten sollte, Wahrheit und Weisheit in den Ländern aufzusuchen, in denen in unsern Tagen diese Vorzüge so einheimisch wären, wie sie es vormals in Rom und Griechenland waren. So irrte ich von einem Gebiet in das andere,