, wo sie hingehört. Sie ist, wie Du finden wirst, nach einem ungleich häklichern Muster geformt, als ich vorhin – wo es auf weiter nichts ankam als Zeit zu gewinnen – meiner Beredsamkeit unterzulegen für nötig fand. Man sollte kaum glauben, dass die beiden Modelle, die ich heute so gut benutze, aus einem und demselben Schranke kämen; und doch ist es wahr, nur mit Unterschied. – Jenes lag, mit einem Haufen anderer seines Unwerts, in dem untersten und gangbarsten Fache; dieses hingegen lag ganz einzeln in dem obersten. Es wurde für das non plus ultra der Rhetorik gehalten, und war nur auf die nicht gewöhnlichen Unfälle des menschlichen Lebens berechnet. Wenn das erste gut ist, wie Du gesehen hast, Eduard, die Laufgräben zu öffnen, so läuft man mit diesem hier Sturm. Der Meister, wenn er mit seinen Schülern bis an diese letzte Speiche der Redekunst kam, empfahl es immer mit den nachdrücklichsten Worten. "Ihr glaubt nun wohl, lieben Kinder," sagte er mit einer feinen Ironie, die selbst, wie Du weisst, einer der stärksten Hebel in der Redekunst ist, "alle menschenmögliche Mittel in der Gewalt zu haben, um Euch in dem Sprachsaale der Welt fortzuhelfen. Aber, Eure Geschicklichkeit unbescholten, reicht sie – figürlich zu reden – bei allem dem nicht weiter, als ungefähr – die Mücken zu verjagen. Das ist nun zwar für das tägliche Leben ganz gut; denn dies unbequeemen Geschöpfe sind aller Orten zu finden. Wie aber, wenn Euch nun einmal – wer kann dafür stehen? – ein Löwe begegnet, oder ein Krokodill auf Euch lauert? Dann möchte Euch leicht Euer Kunststück mehr schaden als nutzen, und Ihr seid sicher verloren, wenn Ihr kein anderes Arkanum im Schubsacke habt, als eins – wider die Mücken." – Und nun erst gab er uns diess künstliche Gewebe in die Hand, begleitete unsere Betrachtung mit manchem Fingerzeig – entüllte uns das versteckte Gerippe, das kraftlos darunter lag, um uns den Reiz der Einkleidung desto fühlbarer zu machen, durch die es allein Leben und Stärke erhielt, und freute sich über unser kindisches Erstaunen.
Sobald sich Ankläger, Zeugen und Richter wieder in den Zirkel gesetzt hatten, trat ich auf –
"Das schönste Eigentum unbefleckter Seelen," hub ich mit der heitersten Miene an, die ich auffassen konnte, "das, über alle menschliche Eingriffe erhaben, allen Zufällen trotzt, ist das Gefühl ihrer Unschuld. Es erhöht ihre Freuden und verschönert ihr Glück. Aber erst in Widerwärtigkeiten zeigt es ganz, wie stolz, wie herzerhebend, wie unverletzbar es sei. Dann erst, wenn es den Rechtschaffenen bis vor die Schranken seiner Verfolger, in ihre Kerker, und zu den Strafen ihres ungerechten Urteils begleitet, entwickelt es die edelsten Vorzüge seiner geistigen natur. Alle andere menschliche Gefühle können geschwächt, in Schmerz erstickt – sie können vernichtet werden, ausser diesem. Die schleichende Bosheit, die Rache des Lasters, kann dem Unschuldigen auflauern – kann ihn fesseln und tödten; aber ihn strafbar zu machen, liegt ausser ihrem Gebiete. Der Trost seiner Rechtfertigung geht nicht nur mit ihm über die grenzen des Lebens; mit unvertilgbaren Zügen lässt er sie selbst in den Herzen derer zurück, die zugleich mit seiner sterblichen Hülle die hohen Ansprüche seiner Seele der Vergessenheit zu überliefern gedachten. Der furchtbare Nachklang seines Rechts übertönt das Geräusch ihrer Geschäfte, durchzittert ihre schlaflosen Nächte, und bietet selbst in dem Freistaate des Schlummers die Rache der Träume wider sie auf. Sie ringen in ihren Festen umsonst nach dem armseligen Gewinn eines betäubenden Augenblicks. Ein qualvolles Leben, ein fortnagendes Gewissen, rächt den Unverletzbaren nur zu schrecklich an dem Verbrechen ihrer Gewalt.
O dass nicht immer der Bedrängte bis an diesen Triumph gelangen kann – nicht immer der Redliche nur unter feindlichen Händen erliegt! O dass der Allsehende, der Herzen und Nieren prüft, einen teil seiner Sehkraft nicht auch den Wächtern verlieh, die er der Unschuld zum Schutze gesetzt hat, – dass die allgemeine Finsterniss, die unsern Erdball beherrscht, alle Wesen vermischt, und jede W a h r h e i t verhüllt, nur zu oft auch die Schritte selbst derer missleitet, die dem edlen Geschäfte ihrer Entdeckung vorstehen – und dass sich ein Fall denken lässt, den man nur nennen darf, um den ganzen Umfang seines Entsetzens zu schildern, den traurigen Fall, meine ich, wenn die Unschuld durch einen Fehlgriff der G e r e c h t i g k e i t erschreckt, und, gejagt von ihren F r e u n d e n , umsonst nach Beweisen arbeitet sich I h n e n kenntlich zu machen – wenn der Straflose, mit der Schuld äusserer Umstände belastet, schüchtern vor den Schranken edel denkender Richter steht, die ihn umarmen würden, hätte nicht das Schicksal einen zu dichten Nebel über den Abglanz seiner reinen Seele gezogen, wenn er sich verdrängt endlich – beschimpft und verrufen – aus der Verwandtschaft der Herzen verstossen sieht, die ihm durch Sympatie angehören! In solchen schauderhaften Augenblicken zaget die Unschuld, und erschrickt über sich selbst. Traurigkeit tritt an die Stelle ihres Stolzes. – Ihr Gefühl, das sich minder vor dem Tod entsetzt, der ihre Nerven beschleicht, als vor der Verirrung der Hand, die ihr solchen auflegt, ermattet unter dem Kampfe, und erliegt. In ihrem Unvermögen, die Tugend ihrer Richter von dem Makel eines verfehlten Urteils zu retten, wendet