Fühle es einmal ganz, wie sehr ich Dein Freund bin!
Mein Wunder ist getan, und ich bin frei! – nicht frei, wie ein entlassener Sklave, sondern wie ein König. Du nur hältst mich ab, dass ich nicht jetzt die Gassen durchfliege, und Tausenden, die, mir zur Seite, auf ihre Knie fallen, meinen Segen erteile. – Was für ein mächtiger Sterblicher ist nicht ein Wundertäter unter einem s o l c h e n volk! Ich dürfte nur winken – und ich schmauste bei allen Prälaten dieses glücklichen staates, und jede Mutter würde mir freundlich die kammer ihrer beneideten Tochter eröffnen. Von dem Sonnenplatze an bis zum grab der Laura – wo ich nur weilte und wandelte, werden die Wege gekehrt und die Plätze geschmückt. Mein Haus Chören, wie das Haus zu Loretto. Auf der Treppe – auf dem Vorsaale lauern Schaaren von blühenden Jungfrauen, werfen mir Küsse und Blumen zu, so oft ich mich zeige, und bitten um das Gegengeschenk meiner Kreuze.
Und woher kommt denn dieser Unterschied zwischen Gestern und Heute? Woher diese zügellose Bewunderung – dieser Aufruhr von Ehrfurcht, die mich auf den wankenden Tron von Avignon heben? Wie entstand dieser schnelle Uebergang aus der Sklaverei eines alten Weibes zu der herrschaft über die Gemüter? Wie bildete sich diese Masse von grossen Wirkungen? Wie entwickelte sie sich in dieser Spanne von Zeit? – Durch frommen Betrug! Du sollst es gleich hören, Eduard, wenn ich nur vor dem Lärmen der Hymnen, die aus allen Ecken zu meinem Ruhme ertönen, zum Worte kommen kann.
Der entscheidende Morgen war erschienen. Da trat Bastian, zitternd und blass, wie der Diener des Kanzlers Morus, mir vor das Bette, fragte mich nach einer ernsten Pause, ob ich mich etwa in Schwarz kleiden wollte? und staunte mich an, und riss das Maul auf, wie eine Maske von Schlütern, an dem königlichen schloss zu Berlin, als ich ihm statt aller Antwort in das Gesicht lachte, und auf meine gewöhnliche Kleidung hinwies. Sobald ich mit meinem Anzuge fertig war, setzte ich mich in meinen Lehnstuhl, legte meine Uhr vor mir auf den Tisch, und sah dem Possenspiele, das meiner wartete, ruhig entgegen. Ich beschäftigte mich still mit der ungewohnten Rolle, die ich darin spielen sollte, überlas meine Rede, mochte wohl eine Stunde so da gesessen haben, und überzeugte mich eben auf meiner Uhr, dass ich nur noch eine bis zur Eröffnung meines Verhörs zu meinen fernern Betrachtungen übrig behielt – als sich die Türen meines Gefängnisses entriegelten, und meine Ankläger, Richter und Zeugen herein traten – der Propst und der Prokurator, die alte Bertilia in der Mitte, und ihre Nichte zum Schlusse. Hatte mich ihr Besuch, den ich so früh nicht erwarten konnte, überrascht, so tat es die kalte gerichtliche Würde noch mehr, die sie mitbrachten. Beides stand nicht in meiner Rechnung; doch ängstigte mich der jetzt sehr wahrscheinliche Fall am meisten, mein Schutzengel – der Domherr, möchte zu meiner hülfe zu spät kommen.
Der Propst näherte sich gravitätisch dem Tische, warf sich in meinen Armstuhl, ohne die Verbeugung zu erwiedern, mit der ich ihm meinen weichen Platz überliess. Der Prokurator zog erst das Koncept seiner Rüge, dann – die fünf bis sechs Bogen aus seinem Busen, die zum Protokoll meiner Aussagen bestimmt schienen – legte seine Brille auf den Tisch, seine Akten darneben, und pflanzte sich, so lang und dürr wie er war, zur Linken des wohl beleibten Präsidenten. Die keichende Tante schob ihren Stuhl an die eine Seite des Kamins, mitten unter die Beweise meines Verbrechens, auf die sie gallensüchtig hinblickte, ohne, zu meinem Glücke, zu ahnden, was für weit wichtigere sich eben so nahe bei ihr, unter der Büste eines Mannes versteckt hielten, der gar nicht wie ein Verräter aussah. Klärchen mit ihrer unbefangenen Miene, setzte sich, auf der Gegenseite, parallel mit ihrer würdigen Tante. So drängte mich von selbst die Ordnung, in der sie sich zu setzen beliebten, auf den einzigen Standpunkt, der mir zwischen den beiden Damen noch frei blieb. – Der Aschenhaufen der Kasuisten lag mir im rücken, und der Kopf meines Freundes und Hehlers ragte hoch über dem meinen hervor, und blickte mit mir zugleich dem Propst in die Augen, ohne ihn in seinem Anstande irre zu machen. Er würde es übel nehmen, wenn man nur so etwas von ihm glauben könnte. So stand ich vor diesem Winkelgerichte, aus Mangel eines übrigen Stuhls, kerzengerade, und machte mir eine Weile den Spass, durch mein schüchternes, gedemütigtes Aussehn ihren gerichtlichen Hochmut zu kitzeln. Als aber der Prologus die Federn – der Epilogus die Tinte gebracht – sich sogar der Prokurator gesetzt hatte, und der Propst sich schon anschickte zu sprechen, und noch immer kein Auge sich höflich nach einem Sitze für mich umsah – so erschreckte ich auf einmal die beiden Damen, die neben mir sassen, durch den vornehmen Anstand, in den ich überging – klingelte nach Bastian, und befahl ihm zwei Stühle zu bringen. "Es ist schon an Einem zu viel," rief der strenge Richter ihm nach; aber Bastian benahm sich so ungeschickt, dass er auf Gefahr des Kirchenbanns meinen Befehl pünktlich befolgte.
Stille Erwartung herrschte nun in unserm Kreise, und der Propst fing zur Einleitung an, uns die Absicht dieser Zusammenkunft bekannt zu machen, ob sie uns gleich allen