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war immer eher auf ein Kerkerfieber zu rechnen, als auf ein Absolutorium. Ich verschwieg mir nicht, dass meine Vergehungen ungleich wichtiger waren als die ihrigen, und dass ein hämischer Referent nicht einmal viel Geschicklichkeit nötig habe, um aus den Beweisen, die Wider mich da lagen, und aus meinem eigenen Geständnisse, das ich ungefragt schon abgelegt hatte, ein Verbrechen zusammen zu setzen, über das wohl selbst das Kammergericht zu Berlin grosse Augen machen, und, bei aller seiner Liebe zur Gelindigkeit, ohne einen Kabinets-Befehl nicht wagen würde mich loszusprechen.

Den guten Einfällen, die mir der Kirchner aus Unkenntniss meiner Verhältnisse, oder vielleicht nur darum empfahl, weil sie Ihm am meisten behagten, stand leider die trostlose Konfiskation im Wege, die der Propst schon vorläufig über meine Habseligkeiten gesprochen hatte. Was in aller Welt sollte mich also gegen die Religion meiner Gegner schützen? – eine Religion, die, wider allen Rittergebrauch, die Waffen in Beschlag nimmt, noch ehe sie den Handschuh hinwirft. Ich kratzte mich einmal über das andere hinter den Ohren, runzelte die Stirn ärger als Rousseau, und überzählte kleinmütig die wenigen Stunden, die mir, nach abgerechneter Nacht, nur noch frei blieben, mich in Verteidigungsstand zu setzen. Ich fühlte die notwendigkeit immer dringender werden, einen gescheidten Plan zu entwerfen; doch, sobald ich alle die Schwierigkeiten der Ausführung übersah, vergingen mir die Gedanken, und ich schien mir ohne Rettung verloren. Meine Einbildungskraft, je geschäftiger sie war, mir die Klagrede nach ihrem ganzen schreckhaften Inhalte vorzuhalten, mit der mich der Prokurator auf morgen bedroht hatte, machte es meinem armen verstand nur desto unmöglicher, etwas kluges und bewährtes darauf zu antworten. Mein leichtsinniger Mut fing an gewaltig zu sinken. natürlich stieg, nach dem gesetz der Schwere, nun auch dafür meine Furcht desto höher. Nur ein Wunder, rief ich in einer Art von Verzweiflung, kann dich aus dieser höllischen Verlegenheit ziehen; undDank, freundlicher Dank sei dem leeren Schalle, der mir entfiel! – Wie mag es doch zugehen, dass oft das sinnloseste Wort, das der Zunge entschlüpft, unsere Seele so mächtig ergreift, und Gedanken und Entschliessungen bewirkt, nach denen wir mit der grössten Anstrengung unsers Geistes vergebens herum tappen? – Ein Wunder? wiederholte ich mir mit hinstaunendem NachdenkenUnd wäre es denn so unmöglich, dass dir eins gelänge, das kräftig genug wäre deine Widersacher zu Boden zu schlagen? – Ich ging eine Weile alle Wundergeschichten durch, so viel mir deren bekannt waren; keine aber wollte auf meine Kräfte und meinen Zustand passen. Wenn du, sagte ich launig zu mir, zum Fenster hinaus sprängest, so wäre es zwar ein W u n d e r , wenn du nicht den Hals brächest: aber selbst dannzu was würde dir es helfen? Der Pöbelda du doch nicht über die Stadt springen kannstwürde dich zeitig genug einfangen, dich der alten Aufseherin auf's schimpflichste ausliefern, und der Propst und der Prokurator würden in dem Versuche deiner Flucht nur einen Beweis mehr wider dich aufstellen. Nein! das ist nichts, fertigte ich mich ab, ohne jedoch müde zu werden, mir immer neue und eben so unsinnige Vorschläge zu tun. Ein Klügerer als ich, hätte gewiss keine Minute länger mit diesen Albernheiten verloren, und hätte unrecht getan. Ich habe aber das Gute an mir, dass, ungeachtet ich in meinem alltäglichen Leben, und in dem gemeinen Umgange mit andern, nur wenig auf den Zusammenhang der Dinge achte, die in Gesellschaften verarbeitet werdenich mich selbst so wenig als meinen Nachbar auffordere, die dunkeln Begriffe des Gesprächs, um das sich oft die andern bis zum Schwindel drehen in's Klare zu setzen, und mit Einem Worte die Kraft meines Nachdenkens schone; so kann ich dagegen, wenn es sein muss, auch meinem kopf eher etwas zumuten als viele andere; und das kam mir auch diessmal gar sehr zu Statten.

Sollte Dir dieses einer Prahlerei ähnlich sehen, so entschuldige sie mit meinen grossen Erwartungen, und bedenke nur was ich vorhabe! Dagegen will ich auch in so weit wieder einlenken und Dir eingestehen, dass, so gut ich auch meine Massregeln genommen, und so fest ich hoffe, dass mir mein Wunder um vieles, besser gelingen soll, als dem Kapellan der Gräfin Bentink das seinige31es doch bei allem demselbst in dem albernen land, dem ich es zuwenden will, immer ein Wagestück bleibt. Mehr darf ich Dir vor der Hand nicht darüber sagen, um Dir weder zu viel Hoffnung, noch zu viel Angst zu machen. – Von einer person, die dabei mit in's Spiel kommen wird, muss ich jedoch noch ein Wort fallen lassen, damit Du nicht zu sehr erschrickst, wenn sie auftrittich meine den Domherrn, den ich auf morgen früh neun Uhr, als der Stunde meines Verhörs, durch ein Handbriefchen eingeladen habe, dieser übernatürlichen Ereignung beizuwohnen. Ausser dem dass ich nichts weniger tun kann, ihm die Höflichkeit seines Hochamts zu erwiedern, bin ich seiner Gegenwart bei meinem Vorhaben so benötigt, dass ich alles zurück nehme, was ich in den vorigen Blättern von seiner Unbrauchbarkeit zu allen Geschäften viel zu voreilig geurteilt habe. Er steht jetzt sogar in meiner Rechnung unter den drei elenden Menschen, die ich Dir, mit Deiner erlaubnis, als meine hiesigen Freunde vorstellte, obenan. Die nähere Bekanntschaft seiner