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da euch eure nichtswürdigen Landsleute verlassen, so will ich von meinem Kerker aus euer Freund werden, und, wenn mich Gott diese Nacht überleben lässt, sollt ihr schon selbst zu euerm morgenden Frühstücke von den Pasteten essen, die euer schändlicher Teseus so oft eurer Nase vorbei trug. Wie viel bin ich euch nicht für die so lebhafte Darstellung euers erbärmlichen Schicksals schuldig, das mich mehr gerührt hat als das regelmässigste Stück auf dem besten Teater! Es hat mich ganz wieder mit dem kleinen Unfalle versöhnt, der mich unter eure glimpfliche Bewachung gebracht hat. Vorzüglich aber habt ihr euch, ohne es zu ahnden, um mich, um meinen Eduard, und vielleicht um die Nachwelt, auf das beste verdient gemacht, indem ihr mein Tagebuch, das durch die Aufbewahrung eurer geschichte allein schon lehrreich sein würde, von seinem schmählichen Untergange rettet. – Wahrlich das soll euch nicht unbelohnt bleiben!

Ich schlug mit diesen Worten in grosser Bewegung meine Augen gegen Himmel, fühlte, dass ich auf dem Wege war eine edelmütige Handlung zu begehen, und kann Dir nicht sagen, Eduard, was es mir für Freude machte, noch etwas Gutes aus meiner verworrenen Historie mit Klärchen entstehen zu sehen. Denn das ist gewiss, ohne meinen neugierigen Ausfall auf ihre Tugend und Schönheit, ohne meine Zudringlichkeit in den Kirchensprengel des Propstes, ohne meinen Feuereifer gegen das kasuistische Gesindel, wäre ich wohl schwerlich in die Bekanntschaft der beiden trübseligen Puppenspieler geraten. Wie hätte ich ihnen helfen, wie hätte sich der edle Gedanke bei mir entwickeln sollen, der jetzt meine ganze Seele erwärmt, und mich zur Lebenserhaltung zweier ehrlicher und gut organisirter Menschen anspornt, die, so Gott will, der natur und der Welt den Zuschuss meiner Descendenz doppelt ersetzen werden, um die wahrscheinlich mein schreckhafter Traum auf dem Sopha die hiesige Gemeinde gebracht hat?

Diese lachende Aussicht, die ich im Hintergrunde entdeckte, reizte mich noch mehr, die Wildniss durchzuhauen, die mich vor der Hand noch umgab. Aber, grosser Gott! wie sollte ich es anfangen? Das Notwendigste schien nur indess immer zu sein, meine Papiere in Sicherheit zu bringen. Ich ergriff nun, ohne mich länger zu besinnen, die sämmtlichen Kriminalakten meines Tagebuchs, rollte sie und schnürte sie mit Klärchens blauem Strumpfbande bis auf den Bogen zusammen, woran ich schreibe, und so mussten diese meine offenherzigen Bekenntnisse sich so lange biegen und schmiegen, bis sie glücklichobgleich ein wenig gezwängtan den Zufluchtsort, den ich ihnen anwies, und den Du längst erraten hast, glücklich in den hohlen Gypskopf des guten Rousseau gelangten. Ich konnte mich unmöglich des Lachens erwehren, als ich die Büste wieder an ihren Ort gestellt hatte, nun vor ihr stand, und die ernstafte Miene, die sie mir zuwarf, mit den Possen verglich, die dahinter versteckt waren. Ach! sagte ich, hätten sie ihren Platz in dem kopf dieses Mannes gefunden als er noch lebte! hätte der flüchtige Geist meines leichtsinnigen Werkchens die verstopften Röhren seines trockenen Gehirns bespült und geöffnet, der Durchgang durch die Welt wäre ihm gewiss nicht halb so sauernicht schwerer geworden als mir. Seine traurigen B e k e n n t n i s s e würden nicht so in's Schwarze gemalt, und sein Bild nicht mit so tiefen Furchen entstellt auf die neugierige Nachwelt kommen. Aber alsdann, begreife ich wohl, wär' er auch nicht Rousseau gewesenhätte zwar, wie ein Eichhörnchen an einer seidenen Schnur, den Kindern zum Spielwerk dienenZuckerbrod aus den Händen eines tändelnden Mädchens erlauschen, und manche trauliche Stunde in dem Schauer ihres Halstuches verschlummern könnennur wäre er nicht als Elephant mit zermalmenden Schritten über unsere verdorbene Erde getrabt, und hätte nicht das Erstaunen seiner Zeitgenossen erweckt, denen die Erscheinung eines solchen Denkers eben so unerwartet als ungelegen war.

Ich musste mich mit Gewalt von seiner Büste entfernen, um den Gedanken an ihn los zu werden, und nicht in seinen Ernst zu verfallen, den ich für mein morgendes Verhör für viel zu gut hielt. Die Stimmung, in die mich der Prologus und sein Bruder versetzt hatten, mochte wohl Schuld sein, dass ich mich lange nicht überwinden konnte, an meinen Vorstand vor Gericht anders zu denken als an ein Puppenspiel. So setzen wir hinterher noch alles auf Noten, beten unter einem Triller, und schlafen nach dem Takt einwenn wir eben aus einem Koncerte gekommen sind. Hätte ich mich gehen gelassen, ich möchte wohl wissen was morgen aus mir geworden wäre! Zu meinem grossen Glücke hatte ich, während meiner äussern und inneren Tätigkeit, mein abgebranntes Licht übersehen. – Es senkte sichsprudelte und verlosch, ehe ich nach einem andern rufen konnte. unterdessen Bastian es zurecht machte, nötigte mich die Dunkelheitdenn ich konnte weder den Amor noch seinen Präceptor erkennenmeinen Armstuhl zu suchen. Diese kleine Ruhe, so vorübergehend sie auch war, gab doch den Ausschlag. In den drei oder vier zerstreuungslosen Minuten, die mir Bastian gönnte, verdunstete meine Verwegenheit ganz, die auch hier wie anderwärts nur Sache des Bluts war.

Das Verhör, das mir bevorstand, kam mir lange nicht mehr so lustig vor. Die Herren, gegen die ich mich verantworten sollte, so sehr ich sie auch für Komödianten hielt, schienen mir doch ungleich mehr Freude an tragischen Ausgängen zu haben als an Farcen. Selbst nach dem langsamen Gange der hiesigen Rechtspflege, wie mir ihn meine Wache vorgezeichnet hatte,