Wohin Du willst!" sagte ich, und schwankte wie ein Trunkener hinter ihm her. Immer nur ihn anlächelnd, waren alle andre Menschengesichter, die uns auf der Strasse begegneten, für mich verloren, und ich hielt so gleichen Schritt mit ihm, als wenn ich auch ihn zu verlieren gefürchtet hätte.
Mit dem Bewusstsein, einen redlichen Freund an seiner Seite zu haben, fühlt man sich in der Fremde so einheimisch, als man sich, ohne diesen Umstand, in seiner Vaterstadt fremd fühlen kann. Wie schüchtern und jetzt kam es mir vor, als wäre ich, wo ich nur hinsah, zu haus. Ich stieg die Treppe zu der wohnung meines Freundes so bekannt hinauf, als ob ich sie schon mehrmal erstiegen hätte, und machte den guten Jerom laut auflachen, als ich ihm treuherzig erzählte, wie mir zu Mute war. Wie ungleich ward ich mir aber vollends bei dem freundschaftlichen Mahl, zu dem wir uns jetzt niedersetzten! Ich ass und trank, scherzte und lachte, wie ein Gesunder; – die lebhafteste Erinnerung, das lieblichste Geschwätz packte alle die farbigen Gewänder aus, und staubte die bunten Federbüsche ab, in denen einst unsere unbefangene Jugend, so zufrieden mit sich selbst, einhertrat. Nichts durfte sich in unser herzliches Gespräch mischen, was nicht Bezug auf jene bilderreiche Zeit hatte. Jeder andern idee, die sich zudrängen wollte, waren wir so verschlossen, wie das Zimmer, das keinem von den Anklopfenden geöffnet wurde.
So beschlich uns der Abend; und da wir in unserm gespräche nach und nach immer weiter vorwärts gerückt waren, so stand ich jetzt auf einmal an dem Zeitpunkte meiner geschwächten – meiner verlornen Gesundheit, den ich in der ersten Hitze unserer freundschaftlichen Ergiessungen ganz aus dem Gesichtskreise verloren hatte. Einige milzsüchtige Klagen auf meiner Seite, Hoffnung und Trost auf der seinigen, bahnten uns endlich den Weg zu folgendem ernstaften gespräche, das mir die deutlichsten Begriffe über die Würde unsers Zeitalters gab, und das ich Dir, so wörtlich als ich kann, auch zu Deiner Erbauung hersetzen will.
"Hätten wir," hub ich mit einem Seufzer an, "hätten wir es denken sollen, lieber Jerom, als wir in Leiden zu den Füssen unserer Lehrer Wahrheit von Vorurteilen scheiden lernten, dass wir Körner mit unter die Spreu würfen, die mehr wert waren, als unsre so rein gesäuberte Frucht? – Hätten wir es argwohnen können, dass Kräfte in dem animalischen Leben lägen, metaphysische Rätsel aufzulösen, woran die Bayle, die Leibnitze, die Rochester umsonst die Arbeit ihres Geistes verschwendeten? Und welchen Köpfen, grosser Gott! wurden endlich diese Geheimnisse anvertraut! – Wie viele Jahrtausende haben dazu gehört, ehe der Mistaufen der Welt so durchgearbeitet werden konnte, um das ächte unbenutzte Samenkorn an's Licht zu bringen; und welche Mechanik des Zufalls, dass es zuletzt von einer blinden Henne gefunden werden musste! – Ist ein hell sehender Schläfer der leidenden und irrenden Menschheit nicht mehr wert, als die ganze Summe von Verstand, der den leiblich- und geistigen Aerzten aller zeiten einzeln zugeteilt war; und wirft so eine einzige Tatsache, als ich seit heute erlebt habe, nicht alle ihre herrlichen Systeme über den Haufen? Du bist nicht allein selbst ein berühmter Arzt, lieber Jerom, Du bist auch ein tiefdenkender gelehrter Mann – Weisst Du mir denn nicht eine befriedigende Erklärung von dieser unbegreiflichen Demütigung der menschlichen Vernunft zu geben? Ich will es als ein Almosen in meiner Armut annehmen, ich will es ..."
"Guter Wilhelm," unterbrach Jerom meinen rednerischen Ausfall, "ich teile Dir gern die Hälfte meines Reichtums mit, so viel Du ungefähr nötig haben wirst, Dir weiter fort zu helfen, – Aber warte! Erst will ich zusehen, ob mein Vorsaal fest genug verschlossen ist – und – nun setze Dich und höre mir aufmerksam zu."
"Ich bin ein Arzt, Freund, und habe bisher die Pflichten meines Standes in dem vaterland des unsterblichen Boerhave mit gleicher Treue, wenn auch nicht mit gleicher Geschicklichkeit, ausgeübt. Glück in meinen Kuren schaffte mir indess das Zutrauen meiner Landsleute. Meine Erfahrung nahm täglich zu, und ich lebte mit einer anhänglichkeit an meine Kranken, die mir meine missliche Kunst ehrwürdig, angenehm und schätzbar machte. Da störte mich nun auf einmal der vielzüngige Ruf der neuen Erfindungen der Messmer, der Puysegür, und wie die grossen Männer alle heissen, in meinem tätigen Leben – Haufenweis drängten sich die Wunder, die geschahen, in meine einsame Studierstube, löschten alle Aphorismen meiner Lehrer aus, als verlorene Worte und machten mich in der Behandlung meiner Kranken furchtsam und kleinmütig."
"Aber schnell und als ein ehrlicher Mann entriss ich
mich diesem peinlichen Zustande. Ich verliess Bücher und Kranke. – Keine Reise schien mir zu gross und beschwerlich, um die Ehre der Wahrheit zu retten, und meinen Glauben wie meine Kenntnisse zu berichtigen. Ich kam in Strassburg an, und schon den Morgen darauf stand ich vor dem stuhl der damals berühmtesten S o m n a m b ü l e und C l a i r v o y a n t e , von der Du – erinnere mich daran – nachher noch mehr erfahren sollst. In einem Zirkel von gelehrten Männern, die indess die tiefsinnigsten Bemerkungen über diesen übernatürlichen Zustand der Verzückten anstellten, erteilte sie einem jungen Officier, dessen sonore stimme besonderen Eindruck auf ihre schlafenden Sinne zu machen schien, die richtigsten Antworten auf die