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Gedanken verdünnt, auch den feinsten Gaum nicht beleidigen kann, – heraus stocherte, und, auf ein Quartblatt zusammen gedrängt, dem Gerichte übergäbe? – – Ihr Heiligen! Ihr Märtyrer der Wahrheit! wendet gütig dieses Unglück von mir! – Ich tat mir einen albernen Vorschlag nach dem andernsah immer keinen Ausweg, und geriet am Ende so in Furcht, dass, hätte ich nur eine so gute Gurgel gehabt als Johannes, ich seine Kolik gewagt und mein bitteres Buch würde verschluckt haben. Sollte ich es meiner eigenen Wache anvertrauen? Sollte ich mich, oder meinen Bedienten damit ausstopfen? Diese Mittel, flüsterte ich mir zu und schlug die arme in einander, sind schon zu oft da gewesen, um nicht gefährlich zu sein. – Aber welche unerschöpfliche Quelle listiger Einfälle ist nicht das Herz eines Beängstigten! Lass ihm Zeit, und es ergrübelt sich Schlupfwinkel und Ausgänge, die dem erfahrensten Schergen unbekannt blieben. Nach einem, nur kurzen Nachdenken, schwand meine Verlegenheit. Ich sah den sichern Ort, den ich suchte, und sah ihn in meiner Nähe. In der weiten natur hätte ich keinen geschicktern ausfinden können, mein verfolgtes Werk zu verbergen. Dem listigsten Jesuiten, dem eifrigsten Inquisitor würde ein Grausen befallen, wenn er sich diesem Schutzorte nähern, oder seine geweihte Hand darnach ausstrecken sollte. Dir zwar, der meine ganze Wirtschaft kennt, der, frei von Vorurteilen, keine Nachforschung anstössiger findet als die andere, wird es nicht schwer fallen, schon in voraus meinen Schlupfwinkel zu erratenaber zu meinem Glücke ist hier keine Seele so genau bekannt mit mir, und so verschmitzt wie du; selbst der Propst, selbst der Wächter der Laura nicht.

Ich ging nun ganz ruhig wieder in mein Sprachzimmer, warf mich nachlässig auf meinen Lehnstuhl, rief meiner Leibwache, und forderte nur desto begieriger den Erzähler auf, in seiner tragischen geschichte fortzufahren, je mehr ich mich in meinem Selbstgespräche überzeugt hatte, wie nützlich es sei, aus dem Beispiele eines schon Bestraften den gang der Justiz zu erfahren, in deren hände man fällt. –

"Sollte es nicht besser sein," fing jetzt der Epilog mit einer Frage an, die von seinem guten Herzen zeugte, "ich liess den Vorhang über die Folge unsers erbarmungswürdigen Schicksals fallen, da schon der Anfang, wie ich gesehen habe, Ihre mitleidige Seele so heftig erschüttert hat? Ach, mein Herr, der gute Wein, von dem ich eben herkomme, scheint auch mich zur Wehmut noch mehr gestimmt zu haben, und ich stehe nicht dafür, dass die Sympatie des Unglücks nicht unter uns.." – "Suche dich zu fassen," sprach ich ihm gutmütig zu, "ich will es auch tun. Mässige aber nur, wenn ich bitten darf, deine affektvolle Sprache, und lass lieber, wo er nicht hingehört, deinen tragischen Accent weg; denn ich bin kein Liebhaber von Tränen und Ohnmächten." – "Ich will mein möglichstes tun," antwortete er, und hielt, meinen Ohren zur grossen Beruhigung, so ziemlich auch Wort. – "Unser Teater," fasste er sich jetzt in's kurze, "wurde geschlossen. Ich und mein armer Bruder wanderten zum Leidwesen der ganzen Stadt in's gefängnis, und unser unseliger Prozess nahm seinen Anfang. Neunmal wurden wir zum Verhör geführt, ohne dass die Herren unsere Unschuld begreifen wollten. Es wurden lange Reden für und wider gehalten, und dicke staubige Bücher nachgeschlagen, ehe sich das Gericht über unser Verbrechen vereinigen konnte. So haben wir, bei wasser und Brod, sieben schreckliche Wochen hinter eisernen Gittern gesessen, ehe unser Endurteil gefällt ward. In Rücksicht unsers Unverstandeserklärte der höfliche Präsident endlich in der letzten Sitzunghabe das geistliche Tribunal dahin gestimmt, Güte für Recht ergehen zu lassen. Statt der Leibes- und Lebensstrafe, habe es uns nur mit einer Geldbusse von dreihundert Livres belegt, die wir an die Armenkasse des Domstifts zahlen sollten; und wegen der aufgelaufenen Sitz- und Gerichtskosten habe es seinen Untereinnehmer angewiesen, sich an unsere Effekten zu halten. Wir verstummten beide bei Anhörung dieses gnädigen Bescheids, der uns mit glatten Worten zu dem schmählichsten Hungertode verdammte. Man liess uns nicht zum Worte kommender Präsident wies uns aus dem saal, und wir wurden nun in unsere wohnung geführt, um die Vollstreckung der hülfe, wie sie es nennen, mit anzusehen. Ach, mein Herr! könnte man vor Gram sterben, ich würde den Tag nicht überlebt haben, an dem ich den vieljährigen Erwerb unseres sauern Schweisses, die teuere Sammlung unserer mechanischen Kunstwerke, teils in einer öffentlichen Versteigerung an Ignoranten verschleudertdie Hauptfiguren aber der Rache unsers Klägers geopfert sah! Brutus und Cato, Cäsar und Pomponius Mela, kamen in die hände der Juden. Der eine Trödler kaufte den Baum der erkenntnisder andere den Mond und die Sterne. – Die Vögel unter dem Himmel und die Tiere auf dem feld wurden jetzt Spielwerke der Kinder; und unsere ersten älteren verdammte man, auf Verlangen des Domherrn, ihrer Blösse wegen, wie seine Worte waren, zum Feuer. O des einfältigen boshaften Richters! Verträgt sich denn mit dem stand der Unschuld ein anderes Costum? und waren denn diese herrlichen Puppen nicht ganz getreue Nachbilder der natur? Eben das, antwortete er, wäre das Strafwürdigste bei der Sache. Es half kein Bitten und Flehen. Sie wurden beide von den Schergen ergriffen und