Gefühl des Grossen und Erhabenen gestimmt sei. Unsere Zettel kündigten es von einer Ecke der Stadt bis zur andern unter dem prächtigen Titel an: D a s a l l g e meine Trauerspiel der Menschheit, oder d a s v e r l o r n e P a r a d i e s . Hatten wir gleich auf eine grosse Menge Zuschauer gerechnet, so übertraf der Zulauf doch unsere grösste Erwartung. Als alle Himmelslichter angezündet waren, und der Vorhang nun aufflog, geriet die Versammlung in einen so lärmenden Beifall, dass durch die Erschütterung, die es verursachte, ein Stern der ersten Grösse vom Horizonte herab fiel. Indem trat ich als Prologus auf – winkte mit der Hand, und es war rührend anzusehen, wie augenblicklich dieser unbändige Tumult in die tiefste Stille überging. Meine Anrede an das Publikum entielt, wie bei den Schauspielen der Griechen und Römer, den ganzen Plan des Stücks, und war so gut gearbeitet und darstellend, dass es Ihnen sein würde, mein Herr, als hätten Sie mit, in dem Parterr gesessen, wenn es Ihnen gefällig wäre sie anzuhören. Ich weiss sie noch so auswendig als damals; denn, ob sie mich gleich und die Meinigen in Kummer und Elend gestürzt, und ihren poetischen Verfasser genötigt hat landflüchtig zu werden, so kann ich doch einmal das schnakische Ding nicht vergessen, und recitire es oft mir selbst vor, und gemeiniglich um so viel patetischer, je weniger ich vor Hunger weiss was ich anfangen soll. Heute, hoffe ich, wird es noch besser gehen, da ich ein gutes Souper in der Aussicht habe. Darf ich, mein Herr?" – "Ganz gern, lieber Grenadier," antwortete ich, und setzte mich in meinem Lehnstuhle zurechte. –
Ich versichere Dich, Eduard, der Mann beschämte in diesem Augenblicke unsere berühmtesten Akteurs; denn kaum hatte er seine Mütze abgenommen und sein rostiges Gewehr, das ihm während seiner Erzählung noch immer im arme lag, in die Ecke gelehnt, so befeuerten sich seine Augen, und der Drang des Genies zitterte auf seinen Lippen. Er trat in einer edlen Stellung mir gegenüber, und es herrschte eine Würde auf seinem gesicht, die mit der Arbeit seines Dichters sonderbar abstach. "Ich bin," deklamirte er, mit langsamer, ernster, und besonders mit der sonorischsten stimme, ohne die selbst das schönste Gedicht keinen Eindruck auf unser Herz macht,
"Ich bin der Prologus. Hört an,
Wie Gott der Herr die Welt begann.
Denkt ihr, dass er mit E i n e m Ruf
Dem C h a o s Ordnung anerschuf,
So denn ihr falsch – so macht ihr euch,
Wohlweise Herrn, dem Pöbel gleich.
Noch immer brausst e s . Gift und Schaum
Durchströmt die Zeit, verschlammt den Raum;
So viel es dessen sich entlud,
Steht es noch immerfort in Sud;
Unförmlich, wie es Anfangs war,
Schäumt es nicht aus und wird nicht klar.
Denn, wie auf einem Feuerherd
Ein Topf voll Spülicht kocht und gährt,
Dass alles wild und unbestimmt
Bald abwärts fährt, bald oben schwimmt,
So treibt das heute'ge Sekulum
Das morgende mit sich herum;
Die Wasserblase, die gebläht
Sich jetzt am Rand des Topfes dreht,
Und Farben strahlt, zerplatzt und sinkt
Von ihrer Höh' herab und – stinkt.
Nachdem sich hier ein Element
Der Fäulniss von dem Ganzen trennt,
Und sich, wie es dem Zufall g'nügt,
An einen andern Unrat fügt,
Entstehn Systeme und entstehn
Beweise, die in Rauch vergehn;
Der alte Irrtum sinkt und schnellt
Bald einen neuen in die Welt,
Dass alles durch einander irrt,
Der Maulwurf ein Gesalbter wird,
Und oft der Wirbel einer Nacht
Den Narren zum Propheten macht.
Mischt Faulheit sich und Heuchelei
Mit Unvernunft in Einen Brei,
So stösst die Gährung mit Gebraus
Konvente von Geweihten aus,
Wie die Chymisten Tinte ziehen
Aus Salz, Galläpfeln und Urin;
Aus ähnlicher Mixtur entstand
Papst Bonifaz und Hildebrand.
Da Gott der Herr in Gloria
Von fern schon diesen Gräuel sah,
Warum zermalmt' er nicht den Topf
Auf ewig, sammt dem ersten Tropf,
Der an dem Boden lag, noch eh'
Er seinen zweiten spaltete?
Doch da's dem Schöpfer nicht gefiel,
So stell' euch unser Puppenspiel
Die erste Menschentorheit dar,
Die in's Unendliche gebar:
Im e r s t e n Aufzug sollt ihr sehen
Sich Sonn' und Mond im Kreise drehn,
Und fünkeln ohne Mass und Zahl
Die lieben Sternlein allzumal:
Zwar bleibt noch, bis zur Wiederkehr
Des andern Tag's, die Erde leer;
Doch währt's ein Vaterunser kaum,
So schwindet auch der leere Raum.
Ein z w e i t e r Vorhang öffnet euch
Das Tierreich und das Pflanzenreich,
Wo mit dem schnellsten Uebergang,
Bei Wolfsgeheul und Vogelsang,
Sich Berg und Tal mit Grün umzieht,
Der Giftstrauch bei der Rose blüht,
Der Tiger ohne Trug und List
Des ersten Schafes Freund noch ist,
Und über alles ausgeziert
Die Schlang' aus Hörn sich distinguirt.
Und seid ihr dieses Anblicks satt,
Tritt Adam ohne Feigenblatt
Im d r i t t e n Aufzug auf, gelehnt,
Am nächsten Apfelbaum, und gähnt;
Und weil er weder wie noch wann –
Woher – wohin – begreifen kann,
Weiss er auch weiter nichts zu tun
Von der Erschaffung auszuruhn,
Als er geht hin und strecket