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sie immerfort einander in den Armen liegen, kreuzigten und segneten sich, als sie die Augen aufschlugen, und wurden auch ihrer fünf Sinne nicht eher mächtig, als bis Doktor Faust und der Teufel mit jedem ein Vaterunser gebetet hatten. Sobald mein Bruder sein Schlangenhaar an den Nagel gehängt, seine Pferdefüsse abgeschnallt, die Hörner, die seinen Kopf fürchterlich zierten, neben dem Bette des Domherrn niedergelegt, und vor den Augen des blinzelnden Mädchens seinen langen Schweif zusammen gerollt und in die tasche gesteckt hatte, und nun der Angstschweiss dem Prälaten zu trocknen begann, so kehrte auch schon die natürliche Würde seines Charakters zurück. Er hätte uns gern unser sündliches Leben in einer langweiligen Predigt an das Herz gelegt, wäre ihm nicht selbst mehr damit gedient gewesen, uns von unserm Bette zu verjagen als uns einzuschläfern. Sonach hielt er es für das sicherste, uns durch sein Ansehen in Furcht zu setzen, nannte uns seinen Namen und Stand, bedrohte uns mit der Inquisition, die wir als Masken der Hölle verdienten, und war in kurzem sogar, hätten Sie das erwartet, mein Herr? gefasst genug, mich zu fragen, ob das Kind, das sich in sein Bette versteckt hätte, mit zu unserer Bande gehöre? So sehr wir auch Komödianten waren, so erschraken wir doch alle über die Miene der Wahrheit, mit der er seine Frage vorbrachte. Wir sahen einander an, wussten nicht was wir antworten sollten, und beriefen uns voller Verwirrung auf die Aussage der kleinen Schönen, die indess aber unter seinem Bette vor in das ihrige wieder zurück gekrochen war, und keine Lust bezeigte, sich in unsere Rechtfertigung zu mengen. Wir brachen sie auch selbst bald genug ab, hielten es für das klügste, den beiden Pilgern unsere Schlafstellen in gutem zu überlassen, und suchten uns zu behelfen wie es anging. –

Mit Tages Anbruch waren sie aus unserer kammer geschlichen, und in einer Chaise auf und davon gefahren, ohne sich zu bekümmern, was wir davon denken würden. Der Wirt, den wir zur Rede setzten, entschuldigte seine doppelte Einnahme für unsere kammer, mit unserer doppelten Einnahme auf seinem saal; der ganze schnakische Handel wurde eine Weile belacht, und bald hernach vergessen. Wir spielten in der dortigen Gegend, so lange sich noch Zuschauer einfanden, und gingen einige Wochen nachher, in der schönsten Erwartung auf Einnahme und Ruhm, nach unserm Avignon zurück. Aber, wie der tragische Dichter sehr geistreich sagt:

Du schlenderst an der Hand der Hoffnung, dem

Gesang

Des Glücks unwissend nach, dass dich sein

Blumengang

In Labyrinte führt, wo hungrig Minotauren,

Im Dienst der Grausamkeit, auf deine Ankunft lauren."

– "Deine Verse in Ehren," unterbrach ich hier den Akteur; "sie mögen so wohlklingend sein als sie wollen, so ist mir doch jetzt mehr um deine geschichte zu Kopf daraus kochen kann. Lass sie lieber in deiner Erzählung weg, und sage mir in einfältiger Prosa, in welche Labyrinte und unter was für Minotauren du geraten bist." – "So wissen Sie denn, mein Herr," fuhr der Grenadier fort, "dass wir kaum den andern Morgen unsere Garderobe ausgepackt hatten, als ich und mein Bruder von dem geistlichen Gerichte freundlich beschickt und eingeladen wurden, vor ihm zu erscheinen. Was haben wir doch, dachte ich flüchtig, mit diesen Herren zu teilen? und wir erschienen mit dem ruhigsten Herzen vor ihren Schranken. Aber ach, unser Mut dauerte nicht lange. Was will die Unschuld eines Komödianten vor einem Tribunale bedeuten, das aus Leuten zusammen gesetzt ist, die nie an gute Absicht glauben, aus achtung für die Unwissenheit alle freie Künste verfolgen, und immer und ewig vom Brodneide gegen unser Handwerk gedrängt werden! Der Vorsitzende legte uns eine Anklage des furchtsamen Domherrn vor, die uns als Landstreicher schilderte, und das Schrecken, das wir ihm nächtlicher Weile eingejagt hatten, für nichts geringeres als einen öffentlichen Friedensbruch und als den boshaftesten Eingriff in die Geheimnisse unserer geheiligten Religion erklärte. Alle unsere gegründeten Einwendungen dagegen wurden verworfen, man glaubte dem Domherrn mehr als den Komödianten, und unsere Mutmassung über Klärchens Nachbarschaft an seinem Bette brachte vollends seine Herren Kollegen so wider uns auf, dass sie alle, keinen ausgenommen, auf die Verabschiedung und Trennung unserer truppe zusammen stimmten, und uns mit dem kurzen Bescheid entliessen, nie wieder mit lebendigen Personen zu spielen. – Wir schlichen belastet von unserm Unglückke nach haus, dem Sturme entgegen, der jetzt unter unserer Gesellschaft entstand, als wir wie Gespenster unter sie traten, und ihr den Ausspruch ihrer Vernichtung bekannt machten. Das schreckliche Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag auf alle. Mein alter zitternder Dekorateur malte eben an einer Morgenröte. Der Pinsel entschlüpfte seiner gelähmten Hand, und fiel gerade auf die Schürze der Anatme, die neben ihm sass, und ihrem Teseus die Halbstiefeln putzte. Zwei von meinen Grazien, die diesen Abend zum erstenmale in dem Nachspiele auftreten sollten, liessen den Schleier fallen, um den sie sich zankten, und die dritte sprang wie eine Furie hinter dem Verschlage vor, wo sie sich anzog, und überfiel meinen armen Bruder, dessen gottlose Maske sie als die einzige Ursache unsers allgemeinen Unfalls ansah, und worin sie auch nicht ganz Unrecht hatte. Ich trat dazwischen, gebot Ruhe, und ersetzte meine verlorne Gewalt über die Gesellschaft, durch eine derbe Beredsamkeit. Den Damen legte ich ihren zweideutigen Ruf nahe an das Herz, und ermahnte sie brüderlich, die