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einzigesmal für ihren Kommandanten, der ihnen kaum so viel von ihrer Löhnung abgäbe, als nötig sei, es zu fristen." – "Warum," antwortete ich gleichgültig darauf, "liessen sich die Narren unter solche Truppen anwerben?" – "Warum?" wiederholte Bastian. "O, das sollten Sie Sich wundershalber von den beiden unglücklichen Brüdern erzählen lassen. Es ist der Mühe wert, und kann Ihnen, mein Herr, ein grosses Licht über den hiesigen Gerichtsgang aufstecken." – "Nun das," antwortete ich, "sollte mir nicht unangenehm sein, Bastian!" – "Also darf ich sie herein schicken, mein Herr?" – "Meinetwegen! Habe ich doch ohnehin nichts zu versäumen."

Sie traten herein, und brachten diessmal ein viel gescheidteres Ansehn mit, als da sie mir das Essen aufsetzten. Die Schminke des Wohlbehagens färbte ihre Wangen, und der Stillstand ihres gewohnten Elends, den sie so unerwartet einmal in ihrem Dienstgeschäfte fanden, flimmerte so deutlich in ihren freundlichen Augen, dass ich mir nur um desswillen kein Gewissen machen konnte, die Lauterkeit ihrer süssen Empfindungen zu trüben, weil ich zu gut aus eigener Erfahrung weiss, dass nichts so sehr den Genuss eines frohen Augenblicks erhöht, als die Uebersicht unsers überstandenen Unglücks. Denn, wie der Mensch ist! anstatt finsterer Beweise für die Zukunft, zieht er viel eher angenehme Fehlschlüsse auf bessere zeiten daraus, und das Gefühl eines wirklich erlebten glücklichen tages macht ihm die Möglichkeit vieler künftigen nur gar zu wahrscheinlich. glückliche Blindheit, die in der weit ausgespannten, Finsterniss nur die hellen Punkte entdeckt und vereinigt, die einzeln, ach! sehr einzeln, aus ihr hervorstrahlen! – "Es ist euch auch, wie ich höre, nicht sonderlich in der Welt gegangen," redete ich sie zutraulich an. "Setzt euch nieder, ihr guten Leute, und erzählt mir eure geschichte! Vielleicht trägt sie etwas zu meiner eigenen Beruhigung bei, die ihr mir gewiss gern gönnen werdet." – "O, ganz gewiss, bester Herr," nahm der eine das Wort. "Wir sind so gerührt von Ihrer Güte! Seit sechzehn Monaten war es heute das erstemal, dass wir uns satt assen, und einige Tropfen Wein über die Zunge brachten und was für ein Weingrosser Gott! Ehemals fehlte es uns an nichts, wir waren dick und fett; aber die Geistlichkeit, Gott vergelte es ihr, hat uns mager gemacht." – "Das sieht ihr gleich," konnte ich mich aus Bitterkeit gegen den Propst nicht entalten mit spöttelndem Tone hinzu zu setzen. "Von allen Verwandlungen, die jene Diener des Altars täglich und stündlich vor unsern Augen vornehmen, gelingt ihnen diese immer am besten. Doch wie versaht ihr es denn, ihr guten Leute, dass ihr in ihre hände gerietet?" – "Wenn Sie Zeit und Lust haben meiner Erzählung zu folgen," antwortete der Grenadier, "so hoffe ich Ihnen den Zusammenhang unseres Unglücks auf das anschaulichste darzustellen. Wir sind zwei Brüder, aus der Vorstadt. Unsere älteren und Vorältern waren Weber. Sie hinterliessen uns, ich gestehe es, ein Handwerk, das auch uns würde ernährt haben; und so hätten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die Welt schleichen können, wie sie. – Aber wir fühlten einen unwiderstehlichen Drang nach höhern Dingensetzten unsere Erbschaft ins Geldwarben junge flinke Bursche und Dirnen, die so dachten wie wir, und stellten uns an die Spitze einer BandeSchauspieler."

Ich kann Dir nicht sagen, lieber Eduard, wie diese unbedeutende Nachricht mir doch ganz sonderbar auf das Herz fiel. War es nicht eine der drolligsten Gaukeleien des Schicksals, dass es mir in derselben Stunde, wo mir eine so heisse sehnsucht nach der Komödie ankam, wie ich Dir an Ort und Stelle gesagt habe, auf einmal einen abgedankten Teater-Direktor unter die Augen stellte? "Du darfst ja nur," spasste ich mit mir selbst, "ihn auf diesen Abend engagiren, so kannst du dein Lüstchen vielleicht so gut stillen, als wenn du in Berlin wärest." Beinahe ist Ernst aus meinem Spasse geworden. Mir ist wenigstens alleweile nicht schlimmer zu Mute, als wenn ich eben von einem Privatteater zurück käme.

"Stolze, glückliche zeiten!" fuhr der Akteur jetzt in einer edlen Deklamation fort. "Wenn wir," hier kehrte er sich mit einer anständigen Bewegung der Hand gegen seinen Bruder, "den Tag über Könige und Feldherrn gespielt hatten, waren wir jeden Abend im stand unsere Zeche zu bezahlenblieben unserm hofunserm Militär und unserm Zettelträger nichts schuldig, und gingen als ehrliche Leute zu Bette. Das dauerte ein volles Jahr. Aber hören Sie weiter, mein Herr! Einst führten wir an der Gränze des Landeszu C a v a i l l o n , wo wir den Tag vorher mit unserer truppe angelangt waren, ein ausländisches Drama aufFaustden Doktor, wie er vom Teufel geholt wird. Und aus der Oekonomie dieses Stücks, sollten Sie es glauben, mein Herr? hat sich nachher alles unser Unglück entsponnen. – Wir hatten unsere Bühne in dem wirtshaus zum P r o p h e t e n , auf einem sehr grossen saal des Hintergebäudes aufgeschlagen, der aber dennoch gedrängt voll war, als wir den Vorhang aufzogen. Mein guter Bruder stellte den bösen Feind vor,