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drehte ich mein Gesicht verächtlich von diesem albernen Fremden, ohne mich weiter mit ihm einzulassen; denn ich sah nun zu deutlich, dass er nicht umsonst hier war, und wahrscheinlich ein Emissair des falschen Propheten sein mochte.

Diese neue Entdeckung machte mich nur noch mutiger. Ich konnte nicht von der Stelle kommen, bis ich meine ganze Galle erschöpft hatte. – Ich rückte noch einmal meinen Hut in die Augen, hüllte mich noch einmal in meinen philosophischen Mantel, und trat, so wie ich nur erst die Messmers, Lavaters und Puysegürs, auf deren Autorität sich der Fremde bei dem dritten Worte bezog, hinter mir hatte, eben so geschwind wieder zu den Helden des hartnäckigsten Unglaubens, zu meinen alten Freunden und Lehrernden BolingbrokesVoltairen und den Reimarus über.

Schneller als nach schweren Krämpfen

Der Erschlaffung Uebergang,

Rief mich nun zu neuen Kämpfen

Ein Phantom, das aus den Dämpfen

Jenes Blendwerks übersprang.

Meinen Freiheitssinn zu retten,

Wagt' ich einen Todtensprung:

Aus des Aberglaubens Ketten

Stürzt' ich auf die Schwanenbetten

Täuschender Beruhigung.

Zu dem schönsten Ritterzuge

Weihte mich der Traumgott ein,

Von dem Trone big zum Pfluge

Alle Heerden vom Betrüge

Ihrer Hirten zu befreien.

Träumender als Alexander,

Drang ich bis zu Lunens Bahn;

Pech und Schwefel in einander

Steckt' ich wütend, wie ein Brander,

Unsers Glaubens Hafen an;

Sah im Ringeltanz der Flammen

Sich die leichten Rätsel drehn,

Die, wie sie vom Quell der Ammen

Kraftlos zu uns überschwammen,

Zu der Nachwelt übergehn;

Förderte im Heldengrimme

Meines Ungestümes Lauf: –

Doch, indem ich weiter klimme,

Hielt mich eine Menschenstimme

Von der Weltzerstörung auf.

Ja, teuerster Eduard, eine Menschenstimme, die aber in diesem für meinen Unglauben entscheidenden Augenblick ein Wunder vor meinen Augen war, schlug mit unbeschreiblicher Sympatie an meine Ohren und an mein Herz. – "So ist denn," hörte ich in dem Getümmel des Streites, in dem ich mich befand, "so ist denn alle Freude der vorigen Zeit aus Deinem Gedächtnisse verloren, Will'm, Will'm?" – Staunend sah ich mich nach dem Fremden um, der mir seine hände entgegen streckte, – "alle die mit Freundschaft und Weisheit erfüllten Stunden zu Leiden?" fuhr er noch zärtlicher fort – "auch nicht die kleinste Erinnerung mehr an die jugendliche Wallfahrt zu der Bildsäule des Erasmus?" – Himmel, wie zitterte ich! "O Wilhelm! Wer ist wohl falscherDu? oder unser Prophet? Ach Du kennst Deinen redlichen J e r o m nicht mehr?" –

Dieser Name, der einst meiner Jugend so teuer war, brachte mich zu mir selbst. – "Gott! ist es möglich?" rief ich aus: "Mein Jerom?" Und sprachlos vor unnennbarer Empfindung lag ich in seinen Armen. Eine Pause, die ganz dem hohen Gefühle der Freundschaft gewidmet war, liess einige Augenblicke keinen von uns zur Sprache kommen. – Ich schmiegte mich an die pochende Brust meines Jugendfreundes, der mit liebenden Augen sich an dem zärtlichen Erzittern weidete, das mich übermannt hatte.

Aufs höchste bewegt, fing er endlich mit freudiger stimme an: "So hat doch wohl der Prophet nicht so ganz Unrecht? denn Du liebst mich noch, Wilhelm?"

"Nein, Gott segne ihn!" stimmte ich entusiastisch ein. – "Er hat wahr geredt, der grosse Mann! Kein Schatz auf Gottes Erdboden würde solche Empfindung von Glück und Freude aus meiner Seele hervor rufen, als es Deine unerwartete Erscheinung getan hat. – Alle die süssen Phantasien meiner Jugend, die ich auf ewig verschwunden glaubtewie scheinen sie mit dem Wohllaut Deiner stimme von Deiner Zunge zu strömen! Dein Lächeln, Dein flatterndes Haar, Deine stralenden Augenalles, alles ruft mir ihr süsses Bild wieder zurück. – O mein Jerom! Wie war es möglich, dass ich Dich nur Einen Augenblick verkennen konnte? Nicht die siebenzehn, achtzehn Jahre, die dazwischen liegen, taten es: aber alle die schmacklosen Stunden, die mir freundschaftleere Menschen tropfenweis zuzählten! Böse Säfte, die mir Unmut und Krankheit einflössten, haben meine Augen getrübt, und das empfänglichste Menschenherz stumpf gemacht. Ist mir doch, als wenn ich all mein verlornes Glück in dieser Umarmung wieder fände. – Siehe Dich nur um, mein JeromNie haben wohl Bilder der Freundschaft auf einem höhern Fussgestelle gestanden. – Aber wir werden hier und überall den Maulwurfsaugen der Menschen zu hoch stehen. – Unter Tausenden, die unter uns weben, ist gewiss kaum Einer, der den ausgedehnten Begriff so eines Händedrucks zu umfassen vermag."

"Auf dieses Tempels Höh, den deutscher Männer

Mut

Des süssesten Gefühls durchdrungen;

natur, in deiner Mittagsglut

Von eines Lieblings Arm umschlungen – –

Ein Tropfen Zeit – o Gott! – gewährt mir den Ersatz

So vieler freudenleerer Stunden! –

Gelobt sei der Prophet, durch den ich einen Schatz,

Durch den ich einen Freund gefunden!"

Je schwächer unsere Nerven sind, liebster Eduard, desto geschickter fühlen wir uns zur Schwärmerei. Damals schien mir das Hochtönende meines Entusiasmus die natürliche Sprache des Herzens zu sein, und Gott weiss! wie lange ich noch, auf der Zinne dieses altdeutschen Turmes in einer, seit seiner Erbauung so erhöhten Sprache, würde fortdeklamirt haben, hätte nicht der gesündere Jerom den Strom meiner Rede gehemmt, und mir lächelnd vorgeschlagen, ihn nach seiner wohnung zu begleiten. "