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gelernt hätte, die jedes menschliche Ereigniss, wenn man es nur recht zu drehen versteht, darbeut. Sogar die E m p f i n d u n g eines gewaltsamen, schmerzhaften Todes kann uns durch die Gewissheit zum lachen bewegen, dass der Tyrann, der uns damis belegt, sie doch nicht über eine, kurze Spanne der Zeit, auszudehnen vermag. Ich würde mir vornehmen, sie mit Grossmut und mit Verspottung der Ohnmacht meines Feindes zu ertragen, wie man es von den gefangenen Wilden erzählt, und mich durch die Vorstellung erheitern, dass mein unsterblicher Geist in der unendlichen Zeit, die ihm nachfolgt, über den Einsturz seines Kerkers eben so herzlich lachen werde, als wir jetzt über den heftigsten Schmerz einer Viertelsekundespotten. Ich kann nimmermehr glauben, dass ich nachher noch geneigt sein würde, die Narren, die hier an meiner ohnehin morschen Hütte noch zupften, zur Verantwortung zu ziehen, oder ihnen zur Bestrafung nur ein kaltes Fieber an den Hals zu wünschen. Mag es ihnen doch gehen wie Gott Will! Die Empfindung der Nache ist mir so unangenehm, dass ich ihrer bald satt habe, und meinen Widersachern den Vorteil nicht einmal gönnen möchte, ihre Bosheit gegen mich durch Erregung dieses widrigen Gefühls noch zu verstärken.

Dieser grosse Gedanke begleitete mich freundlich zu Tische, und hielt an, bis ich gesättigt aufstand, und ein anderer ihn feindselig verdrängte. – "Welchen frohen Abend," seufzte ich, indem ich meine Weste aufknöpfte, "würde ich jetzt geniessen, wenn ich in Berlin wäre! Ich würde meinen Eduard zu einem Gange in die Komödie oder zu sonst einer gesunden Bewegung abholen. Wer soll mir aber hier eine Komödie spielen? Was soll ich hier, in einem Viereck von zwanzig Quadratellen, mit einem vollen Magen und einer erschwerten Verdauung anfangen." – Meine vorige philosophische und stolze Betrachtung wäre gewiss in den Wind gewesen, wenn sie nicht die Hoffnung noch ein wenig hingehalten hätte, die ich auf die Macht meiner gefüllten Geldbörse setzte. Ich öffnete behutsam die Tür, sah meine Wache fröhlich an ihrem Tische sitzen, und winkte Bastianen, der eben seinem Nachbar ein Glas zubringen wollte. – "Suche dir einen Eingang in die Nebenstube zu verschaffen," sagte ich ihm, "und überbringe der Vesammlung daselbst, nebst meinem Empfehl, folgende VergleichsVorschläge, die ich dir der Neihe nach zuzählen will! Nimm deinen ganzen Verstand zusammen, und gieb Acht! Sage ihnen erst insgemein, dass mir der Vorfall, der mir Arrest zugezogen, von Herzen Leid täte; dass ich aber erbötig wäre; ihn auf alle Artvergiss diesen Ausdruck nicht, denn er ist hier von Bedeutungwieder gut zu machen. Ueberreiche sodann dem Herrn Propste die Liste der verbrannten Bücher! Erkläre ihm, dass ich sie nach der Taxe bezahlen, und auch noch etwas für die beschädigten Bände zulegen wollte. – Dem Prokurator mache verständlich, dass ich ihm willig die Versäumniss vergüten würde, an der ich schuld sei. – Die alte Tante bitte in meinem Namen auf das demütigste um Verzeihung wegen meines übereilten Betragens gegen sieund der frommen Klara versichere, dass ich, für das Aergerniss, das ich ihr gegeben, auf dem Altare der heiligen Cäcilia zwei Wachskerzen zu stiften gedächte, und es ihr überliesse, die Grösse und Schwere davon selbst zu bestimmendass ich bereit sei, diese Anerbietungen noch diesen Abend, in Erfüllung zu bringen, und dagegen erwarte, dass die hohe Versammlung meine Abreise morgen mit dem frühestenoder auch diese Nacht, nicht weiter erschweren würde." – Nicht wahr, Eduard, das war ein übertriebenes Gebot? – Ich fühlte es selbst recht gut als ich es tat; aber, bei Gott! ich fühlte auch, dass ich mich zu noch grösseren Aufopferungen verstehen könnte, um nur aus einer Gefangenschaft zu kommen, die ich für die dümmste hielt, in die wohl noch je ein ehrlicher Mann geriet. Ich will gern, dachte ich, diese unberechnete Ausgabe auf einer andern Seite wieder ersparen, und liess Bastian gehen, ohne dass ich es über mich gewinnen konnte nur einen heller davon zurück zu handeln. Du wirst sehen, dass ich nichts bei meiner Freigebigkeit verlor.

Nach einer guten Viertelstunde trat Bastian vor meinen Lehnstuhl, auf dem mich ein leichter Schlaf gefesselt hatte. – Er räusperte sich, und ich erwachte. – "Nun," fragte ich, "sind die Pferde schon angespannt?" – "Noch nicht," antwortete der arme Schelm, und die Tränen traten ihm in die Augen. – "Was ist dir, Bastian?" fuhr ich hastig auf. – "Ach, mein Herr," stockte er, "die Versammlung hat Ihre Friedensvorschlägenicht angenommen." – "Nicht angenommen, sagst du?" erwiderte ich, und blickte ihm halb wütend in das Gesicht. "So erzähle mir denn!" – "Sie werden sehen, lieber Herr," fuhr Bastian fort, "dass ich alles in der Welt getan habe, was in so einer verwickelten Sache möglich war; aber wir haben mit Felsenherzen zu tun. Ich pochte andie Tante, die mir aufmachte, ward rot, wie ein Ziegelstein, als sie meiner ansichtig ward. Ich machte ihnen allen meine tiefste Verbeugungwendete mich mit meinem Auftrage zuerst an den Propst, der, einem grossen Spiegel gegen über, auf einem Sopha sass von hellgelbem Atlas,