ehe sie dich verhört hat? Das sieht ihr nicht gleich. Selbst in dem dickköpfigen Deutschland befördert die Gerechtigkeit, die überall konsequent handelt, keinen in die andere Welt, dem sie nicht eine Henkersmahlzeit mit auf den Weg gibt. Es muss, nach der Regel, dem Verurteilten erst wieder wohl sein, ehe sie ihn weiter über die Gränze des Lebens schickt; die Migräne muss dich erst verlassen haben, ehe man dir den Kopf abschlägt, und die Strafe des Stranges wird aufgeschoben, so lange der kranke Dieb noch nicht von seiner Bräune kurirt ist.
Diese Gedanken, die mir der Hunger eingab, wurden durch einen Auftritt unterbrochen, der ihnen eine ganz andere, aber um nichts bessere Richtung anwies. Meine Nachbarinnen – auch mein Bastian kamen zurück – Haus und stube wurden geöffnet, und meine verspätete Mahlzeit wurde aufgetragen. Wenn dieses eine Veränderung in meiner Lage gab, so war sie jedoch mit Umständen begleitet, auf die ich ganz gern Verzicht getan hätte. Tante und Nichte brachten eine Verstärkung mit, die mir nicht anstand. Die Alte wurde von einem schwarzbraunen Kerle von Prokurator geführt, und Klärchen, was mich am meisten verdross, zipperte mit dem Propst über die Gasse, ihre Händchen so traulich um seinen vielfaltigen Aermel geschlagen, als ob es darin ausruhen sollte, und zu meiner tür, als sie geöffnet wurde, sah ich meine Schüsseln, statt, wie es sich gehörte, durch meinen Bastian, den ich so sehnlich erwartete, von zwei päpstlichen Soldaten auftragen, die man nicht zerlumpter und ausgemergelter hätte aussuchen können, um mir meine jetzige Ohnmacht fühlbar zu machen. Diese schmutzigen Truchsesse benahmen mir alle Esslust. Ich fühlte keinen Hunger mehr, und begaffte sie nur mit grossen Augen. Wer Preussen in der Nähe gesehen hat, noch besser aber von fern, kann schon keinen blick auf diese geistliche Miliz tun, ohne zu lachen; aber der Reiz dazu wurde bei mir gar sehr durch den Aerger gemässiget, der mir über meine so elende Bewachung aufstieg. Die beiden verhungerten Kerle schienen über ihren Dienst noch verlegener zu sein als ich. Sie zogen sich langsam, ernstaft, und mit gebogenem Knie an die tür zurück, und pflanzten sich, jeder an einen Pfeiler, davor, als ob es ihre Schuldigkeit wäre. Ihre Blicke, die dabei so unverrückt auf meine Schüsseln geheftet blieben, als ob sie in ihrem Leben noch kein altes Huhn in der Suppe gesehen hätten, würden schon jeden Historiker überzeugt haben, dass sie unter keinem Heinrich dem Vierten das Land bewachten. Ich hätte diesen armseligen Gesellen wohl keinen grösseren Possen spielen können, als recht bequem meine duftenden Gerichte vor ihren Augen zu verzehren.. Aber, die Ursachen ungerechnet, die mich schon physisch davon abhielten, würde es mir auch noch eine gewisse Empfindlichkeit der Seele verwehrt haben, die sich immer mit mir zu Tische setzt, und jeden Anblick von Elend, jeden Gedanken an Unterdrückung aus seinem Umkreis entfernt wünscht. Der unreinste Nahrungssaft, dächte ich, müsste meine Adern durchströmen, wenn ich mich im Beisein eines, zum Hunger Verdammten sättigen könnte, ohne meine Bissen mit ihm zu teilen. Ich würde weniger die wollüstige Befriedigung meines Bedürfnisses, als die gewaltsame Erstickung des seinigen fühlen, und fürchten, dass sich die gallige Empfindung mit meinen Brüdern vermische, die der Anblick meiner Mahlzeit, in der Angst zu leben, worin er dastände, notwendig bei ihm erregen müsste; denn in solchen animalischen Augenblicken ist wohl kein Herz so gut, dass es sich nicht gegen die widersprechende Grausamkeit des Schicksals auflehnen sollte, das bei der ungleichen Verteilung menschlicher Güter und ihres Erwerbs alle Erdenbewohner nur durch den Ungestüm des Hungers gleich gesetzt hat.
Ich gab diesen Bettlern, mit denen mich, wenn ich es genau überlege, doch nur meine Torheit in der Nebenstube in Bekanntschaft brachte, meine Gerichte Preis; und es tat mir nur leid, dass mir meine Freigebigkeit so wenig kostete; denn das dankbare Gefühl, das nun ihre entkräfteten Augen überglänzte, würde mich für die höchste Verläugnung meines Gaumens hinlänglich belohnt haben. – "Geht nur, ihr guten Leute," unterbrach ich ihr gratias, "tragt die Schüsseln auf den Vorsaal, und lasst es euch wohl schmekken. Wenn ihr mir meinen Bedienten herbeischafft, soll er euch auch noch ein paar Flaschen Wein auftragen, und es soll euch frei stehen, ob ihr auf des Papstes Gesundheit, oder auf die meine trinken wollt."
Es gibt wohl kein geschwinderes Mittel, eine Gegenrevolution zu bewirken, als das ich eben gebrauchte. Meine Wache war durch meine Herablassung und durch meine Fürsorge für ihren Magen so gut zu meinem Vorteile bestochen, dass es mir nur einen Wink würde gekostet haben, um die arme, die man gegen mich bewaffnet hatte, wider meine Verfolger zu lenken, und den Prokurator und die Alte, den Propst und die Nichte, in meine Gewalt zu bekommen. Da ich aber auch, um mir Pferde zu schaffen, die Post hätte stürmen – da ich Stadt und Vorstadt hätte betrinken müssen, um es dahin zu bringen, einen Mann im Stiche zu lassen, der, kraft des Amtes der Schlüssel, von lange her über sie herrschte; so gab ich den Einfall auf, und begnügte mich vor der Hand mit dem Vorteile, den ich schon dadurch gewann, dass jetzt die Besatzung des Vorsaals meinen Bastian frei und ungehindert passiren liess, ohne sich um unsere geheime Unterredung zu bekümmern. – "Weise jetzt deine Neugier