1791_Thmmel_094_145.txt

Verteidigungsanstalten mit mir selbst einig sein werde. Möchte doch der folgende Tagdenn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazuhinreichen, alle meine heutigen Morgentorheiten, wo nicht wieder gut, doch unschädlich zu machen! – Wahrlich, Eduard, heute vor acht Tagen konnte ich mir nicht träumen lassen, dass ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche endigen würde.

Vom 7ten bis 8ten Januar

aus meinem Gefängnisse.

Meine arme freundschaftliche Feder! Heute zum ersternmale von ekeler Schreiberei abgestumpft, die mir meine missliche Lage abdrang, nehme ich sie jetzt, wie Mendelssohn die seinige, erst in der Ruhe der Nacht mit Vergnügen wieder in die Hand, – nicht, wie er, sondern Dir in kläglichen Tönen das Missbehagen meines armen Körpers zu schildern, der gern in die weite Welt möchte, und sich schon zu lange in seinen Bewegungen unnatürlich gehemmt sieht. Es gibt einen hübschen Text eine traurige Stunde zu verschwatzen, und ein Gefangener bedarf der Zerstreuung. – Ein Gefangenerwelch ein hässliches Wort! Von Jugend auf ist es mir ein Misslaut gewesen, und Du glaubst nicht, wie widrig der Begriff davon immer auf meine Nerven gewirkt hat. Ich gehe bei keinem Kerker vorbei, ohne dass der Gedanke an Fesseln mir in die Beine fährt. Nie habe ich es über das Herz bringen können, selbst den gemeinsten Vogel in einen Käfich zu sperren; denn der Verlust der Freiheit wirkt gewiss mit gleichem Kummer auf alle, es mögen die Federn einem Dompfaffen angehören oder einem Zaunkönig. So mache ich mechanisch schon, und wenn es mich in der tiefsten Betrachtung der Glorie Gottes unterbrechen sollte, dem Hunde die tür auf, sobald er daran kratzt; und nichts ist mir auch um desswillen von jeher lächerlicher und törichter vorgekommen, als die treuherzige Zumutung, bei gewissen Gelegenheiten mein eigener Scherge zu werden, und den besten teil von mirmeine Vernunft, gefangen zu nehmen. Auch bin ich, Gott sei Dank! nie in dem Falle gewesen, worin ich jetzt bin. Denke Dir, Eduard, wie empfindlich ich ihn fühlen muss! Schon meine heutige kleine Erfahrung lässt mich ahnden, was aus mir werden würde, wenn sie so viele Jahre fortdauern sollte, als sie Stunden gedauert hat. Alle guten Kräfte meiner Seele und meines Leibes würden in eine Lähmung verfallen. Ich könnte in einem Kerker Freunde um mich habenich würde sie hassen lernen; ja es könnten, glaube ich, die drei Grazien mit mir eingesperrt werden, es würde mir nicht besser gehen als den gefangenen Elephanten, und keine Nachkommenschaft würde wider meine Entaltsamkeit zeugen.

Unbegreiflich, dass es Gemüter gibt, die mit diesem natürlichen Gefühle scherzen, ruhig ihre Zeit verschwelgen, verjagen und in Schauspielen vertändeln könnenbei dein Bewusstsein, dass inzwischen ihre rechtliche Strenge, oder ihr Uebermut gleich organisirte Maschinen wie sie sind, in Ketten und Banden hält! – Wehe dem Regenten, der diese Gewalt, die nur eine noch höhere Pflicht, als das Mitleid ist, rechtfertigen kann, leichtsinnigen, unmündigen oder boshaften Händen überlässt! – der nicht den Zaum locker hält, den er der Freiheit anlegt, und nicht immer fürchtet, das arme geschöpf, das unter ihm seufzet, hartmäulig, stättisch, kollerig und unbrauchbar für diese und jene Welt zu entlassen! – der, statt Lustschlösser zu bauen, die seine Nachfolger dem Verfalle Preis geben, nicht lieber seine Baulustzur Verschönerung der Gefängnisse, zur Erweiterung ihrer Höfe, und zur Bepflanzung derselben mit Blumen und Bäumen benutzt, und der den Uebertreter, selbst aller gesetz von der Wohltat der Sonne auszuschliessen wagt, die doch der oberste Richter ausspendet, um zu scheinen über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte! – Und was soll ich über euch ausrufen, o ihr, die ihr die Kunst eures Gleichen zu martern, bis zu dem Grade verfeinert habt, dass ihr nicht allein ihre Körper, nein, auch ihre Seelen einzukerkern versteht, – ihren Phantasien alle Nahrung abschneidet, dem Redelustigen keine Antwort, der Neugier keine Zeitungen gönnt, Feder und Tinte verbietet, und dem Abgematteten, nach einem mühseligen Tagewerke, die noch grössere Strafe der Untätigkeit aufbürdet, und ihm zu aller Erholung von seinem Elende mir die nagende Betrachtung desselben übrig lasst?

Der trostreiche Ersatz, den mir jetzt mein Schreibtisch für den Verlust der vorher gegangenen einfältigen Stunden gewährt, belehrt mich, welche Pein es sein mag, den Strom seiner Gedanken in sich selbst verrauschen zu hören, ohne ihm einen Ausfluss verschaffen zu können, der an das Herz eines Mitmenschen anschlage. Wie fühle ich nicht jetzt, bester Eduard, selbst in Deiner Entfernung, den Wert Deiner Gegenwart! und zu was für einem Kleinod ist mir nicht meine Feder geworden!

Um mir meine lange Tirade zu gute zu halten, darfst Du nur hören, wie es mir heute ergangen ist. Als ich mich, ernsterer Geschäfte wegen, von Dir losgerissen, und mein Tagebuch weggelegt hatte, setzte ich mich nachdenkend in meinen Lehnstuhl. Das erste, wonach sich wohl jeder mehr oder weniger Bedrängte umsieht, sind Freunde: aber leider! fand ich diese schöne Aussicht hier noch um vieles eingeschränkter, als an jedem andern Orte der Welt. Du weisst, wie klein der Zirkel meiner hiesigen Bekanntschaften ist. Ausser meinen Anklägerinnen zieht er sich nur noch um drei Geschöpfe herum; soll ich sie Männer nennenso sei's! davon immer einer zu Unternehmungen ungeschickter ausfällt als der andere. –