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so weit mit mir gediehen, dass ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe, mit keinem Menschen, als vor der Hand noch mit Dir, sprechen kann, und dem Hospitale so zweckwidrig versetzt bin, wie der heilige Engel unter dem Spiegel. Für heute ist weiter an keine Abreise zu denken, und manchmal will mir gar angst werden, dass man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cäcilia, Gott weiss zu was für einer Ceremonie! inne behalten könne.

Das abscheuliche Weib! Sie trat höflich genug zu mir herein, und auch ihre Miene kam mir nicht widriger vor als gewöhnlich. Ich setzte ihr, mir gegenüber, einen Stuhl, und unser Gespräch begann: –

"Sie wollen uns schon verlassen, mein Herr, wie ich aus den Anstalten schliesse?" – "Briefe aus Marseille, liebe Madam, nötigen mich dermalen zu einer geschwindern Abreise; doch denke ich, so Gott will, gegen den achtzehnten künftigen Monats wieder zurück zu sein. Wollten Sie mir wohl das Quartier auf diese Zeit aufheben?" – "Je, mein Herrso wissen Sie denn auch schon von der merkwürdigen Feier dieses Festtages? Wissen Sie denn aber auch, wie unbegreiflich hoch die Mieten in der Stadt alsdann stehen?" – "Ich weiss esaber der Preis tut nichtswas ein anderer geben kann, gebe ich auch." – "Das wäre schon gut, mein Herr; aber ohne Rückfrage bei dem Herrn Propste kann und darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen. Kann ich doch nicht wissen, was er mit dem Quartiere vorhat. Er kann es ja einem Freunde zugesagt, oder gar die Absicht haben, um Unruhe zu vermeiden, es leer stehen zu lassen. Sie wissen, er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung; und da ist es wohl natürlich.." – "O sehr natürlich!" fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. "Wenn ich nur begreifen könnte, wo meine Pferde so ewig lange blieben!" – Sie wollte mich aber nicht verstehen. – "Es tut mir nur leid," fuhr sie fort, "mein Herr, dass Sie gegenwärtig kaum das Vierteil Ihres Mietzinses abgesessen haben.." – "O, ich bitte Sie, liebe Madam, einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwähnenEs kommt ja der Armut zu Gute ..." und ich sah mit einem finstern Blicke nach meiner Uhr. – "über diesen Punkt," fing sieund ich fing an: "Sagen Sie mir nur, ob die Post weit von hier ist? Ich tue wohl am klügsten, ich laufe selbst hin" – und ich stand zugleich auf. – "unterbrechen Sie mich nur nicht immer, mein Herr," antwortete das dumme Weib, und erhob sich nun auch. "über diesen Punkt," sagte sie, "wären wir also einverstanden, mein Herr. Und um Sie nicht aufzuhalten, will ich nur noch flüchtig das kleine Inventarium durchgehen, das Sie im Gebrauch hattennur der Formalität wegen, da ich überzeugt bin, alles in Ordnung zu finden."

Jetzt schoss mir das BlattIch Unbesonnener! Wie war es möglich, dass mir nicht eher die Bücherschalen auffielen, die hinter dem stuhl der Alten wie auf meine peinliche Anklage zu lauern schienen? Da ich das Weib, wie ich von Herzen gern getan hätte, nicht auf der Stelle blind machen konnte, so sah ich keine menschliche Möglichkeit diese Beweise meiner Schuld bei Seite zu schaffen. Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen, gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus der Welt wären. – Sie setzte bedächtlich ihre Brille zurechtebesah den Spiegel, trotz dem Wiederscheine ihrer scheusslichen Figur, auf das genauestedrehte den schlafenden Engel nach dem Lichtebreitete die taffenten Fenstervorhänge aus einanderund da ich eben im Begriffe war, die Schweinshaut von meinem Koffer über das Corpus delicti zu werfen, drehte sie nun endlich ihre Drachenaugen auch dem Kamine zu.

Könnte man doch malen, wie man wollte! Aber ein altes Weib im Zorne gehört ja, glaube ich, zu den Dingen, die uns Horaz verbeut auf die Bühne zu bringen. Du sollst also nur ihre stimme hören, Eduard! und Du wirst, denke ich, schon daran genug haben. Länger nicht als eine furchtbare Minute sah sie, noch sprachlos, bald auf mich, bald auf die ausgeschälten Bände, als ob sie an ihrer Besinnungskraft, oder ihrer Brille zweifelte. Sie trat näher, rollte einen blick der Verzweiflung über den teuern Aschenhaufen, hob einen Hornband des Sanchez in die Höheliess ihn vor Entsetzen fallen, und stürzte nun selbst, wie wahnsinnig, und mit gefaltenen Händen daneben. Eine Furie, die den Höllengott anruft, kann keinen grässlichem Anblick geben, als sie mir darstellte. Das Haar sträubte sich mir, und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zurück, als ihre Lefzen in Bewegung gerieten. Ich habe in meinem Leben nicht allein viele einfältige und zweckwidrigenein, ich habe auch verdammliche und fluchende Gebete ausstossen gehört; doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch keines zu Ohren gekommen. Im Anfange waren ihre Ausdrücke nur albern, wie etwa der Eingang mancher Controverspredigt. "Sancta trinitas!" schrie sie, "ora pro nobis! Rechnet mir, o ihr Heiligen und Märtyrer, die Missetat nicht