Krame bescheiden zurück zogen, werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre, nicht minder wirksamen Dienste dem fürstlichen haus anbieten, wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht sein – und die ekle Seele sich nach hülfe umsehen wird, um der grössten Gefahr der Liebe – dem drohenden Ueberdrusse, zuvorzukommen.
Vielleicht dass ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner Dunkelheit hervorzieht, und ihm – Gott geb' es! – die Ehre verschafft, das Vehikulum einer Prinzessin, die meiner Margot gleich sieht, oder eines Prinzen zu werden, der meinen Hass gegen alle andere Rittertaten mit auf die Welt bringt, die nicht in das Gebiet der Menschheit gehören.
Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlüssel denken was Du willst, Eduard! ich wenigstens habe keine an irgend einem hof gesehen, die philosophischer ausgedacht, und niedlicher angelegt wäre. Die Gemälde, die dieses Kunst- und NaturalienKabinet zieren, sind wohl nicht weniger zweckmässig und selbstsprechend, als das Gastgebot des Storchs in dem Audienz-Gemache zu C-, das einem Gesandten, der nicht blind ist, gerade in die Augen fällt, wie er hinein tritt, und wohl eher als jene verursachen könnte, dass ein ehrlicher Mann in seinem Vortrage stecken bliebe.
Sollte Dich einmal der Zufall in diese Dir etwas abgelegene Gegend bringen, so bitte ich Dich, Eduard, scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen, um diesen Hof mit seiner alten Burg und seinem roten Turm – wäre es auch nur auf einen Mittag, zu besuchen. Ich würde Dir keines andern wegen so etwas zumuten; aber bei diesem hier wäre es mir lieb. Du würdest nicht allein Dich mit eigenen Augen überzeugen, wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist, und könntest ihn bei gelegenheit weiter empfehlen – sondern auch Ich dürfte hoffentlich so viel dabei gewinnen, dass Du nicht länger mit mir über meine malerischen Vorstellungen zanktest. Denn, wie wäre es wohl möglich, dass Du nicht den tiefsten Respekt für die Kapelle, und nebenbei auch für mein BilderKabinet, bekämest, da es ganz nach demselben Risse gebaut ist, wenn Du einer der wunderschönen Prinzessinnen in der Nähe, oder zwischen einem Paar jungen, kraftvollen, freundlichen Herren zu sitzen kämest, die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken, und für deren Erhaltung sie, als künftige Nutritoren derselben, schon durch ihr leichtes, ungezwungenes Betragen gut sagen. Diese, der natur gleichsam abgestohlnen Kinder gewähren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick. Sie schreiten in einer reinen Erbfolge, ehrlich, fest, und zufrieden mit sich und andern, durch die Zeit fort, ohne den Namen des entfernten edlen zu beschimpfen, von welchem sie so weit herkommen: während in andern erlauchten Geschlechtern die animalischen Feuerteile ihrer Stammältern so sehr unter dem Mantel der Etiquette verraucht sind, dass die meisten Länder vor unserer Nase nur noch von Menschengestalten regiert werden, denen ein Frost über den Leib geht, wenn sie in ihrer Rüstkammer den offenen Helm betrachten, der das Haupt ihres Ahnherrn umgab – die nicht den Panzer zu bewegen vermögen, den sie ihren Vorfahren sehr bequem in dem angebornen Wappen nachtragen. Wie können so ausgeartete Ritter dem land ein Ansehn geben, dem sie vorstehen? Wie können sie dem Geschlechte, das die Preise austeilt, und dem, zu ihrem Unglücke, die Folge der Zeit nichts von seinen hohen Erwartungen geraubt hat, nachkommen, ohne zu den unmännlichen Hülfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die, wie das Historienbuch sagt, schon viele in der Verzweiflung ihrer Matterzigkeit ergriffen, ihren Schweiss auf Haasen- Schwein- oder Hirsch-Jagden verloren und wohl gar, um Friede im haus zu haben, den goldnen Schlüssel ihrer Frau Gemahlin in fürstlicher Rücksicht anvertrauten, dass wenigstens sie dafür sorgen würde, dem land, das sie nun einmal ihren Lehnsvettern missgönnen, einen Beherrscher zu verschaffen, gesetzt auch, dass es ihm die Untertanen schon an den feurigen Augen, männlichen Gesichtszügen und festem Anstand ansehen, wie wenig es ihm nach allen göttlichen und menschlichen Rechten gebührt.
Sage mir, Eduard ... Doch – Himmel und Hölle was erblick' ich! Gott! wie wird mir mein politisches Geschwätz eingetränkt werden! Das einzige Gespenst, vor dem ich mich fürchten kann – erscheint – hinkt über die Gasse, und kommt immer näher. Mit grossen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen – und nun – ach! steigt es schauerlich die Treppe herauf. Mit Einem Worte, die alte Bertilia ist zurück! Aber, um aller Barmherzigkeit willen! wo bleiben die Pferde? Wahrlich, ich glaube, sie müssen erst, sammt ihrem Knechte die Messe hören, ehe ihnen ihre Religion erlaubt, einen Ketzer weiter zu schaffen. Eduard! lieber Eduard! was sollte wohl aus mir werden, wenn die gelbsüchtige Tante nur die geringste Spur von meinem Besuche bei Klärchen – nur die Zerknitterung entdeckte, die während ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte erlitt, und mich nun die kleine betrogene Heilige, als eine zweite Delila, meinen Feinden verriete? – O wenn doch nur diessmal die Postpferde kämen! Aber selbst Bastian, den ich nun zum drittenmale darnach geschickt habe, bleibt aussen. Ich komme mir wie verraten und verkauft vor – – –
Es ist aus mit mir, Eduard! Die Tante – sie pocht an – die Feder entfällt mir.
Ich habe Dir, bester Freund! von einer bitterbösen Stunde Rechenschaft zu geben, und ich kann es mit aller Bequemlichkeit tun; denn leider! ist es