ihnen zufällt, zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten. Mit einem Schritt über die Schwelle treten sie in das Innere, der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften Abglanz ihren ersten Aufblick an sich, ein heiliges Grauen umringt sie – Eins sucht in dem feierlichen Halbdunkel – und drückt stillschweigend die Hand des andern. Stille Seufzer, die alles, ja mehr entalten, als was Worte zur Verherrlichung Gottes auszusprechen vermögen, steigen als ein gemeinschaftliches Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie; aber nach wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf, dass sie einander sehen – an die Brust schliessen und die hohen, selbst durch ihre Grösse drückenden Gefühle mitteilen möchten. Keine andere leidenschaft beherrscht sie, als zu danken und anzubeten, und mit dieser Seelenruhe, bei welcher die Welt, ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden – war dem Prinzen der gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgültig geworden, und Sie – indem beide sich anschickten, die Kapelle zu verlassen, ergab sich schon weniger scheu dem Willen der Vorsehung. Aber in diesem Augenblicke treten an allen Ecken kristallene und in Rosenöl brennende Lampen hervor, und verbreiten ihr Licht auf jene Meisterstücke der Kunst, die so lebhaft, als wären sie erst diesen Abend fertig geworden, und in solcher Harmonie von der Wand strahlen, dass sie alle zugleich nur auf Einen Punkt wirken. Stelle Dir nun die grossen, beleidigten, unschuldigen Augen vor, die so etwas nie gesehen – nie geahndet hatten! Sie prallen ab, wie sie hinfallen. Die auf das höchste Erschrockene staunt ihren Führer an, der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner Ueberraschung nicht nachkommen kann, und so verlegen vor seiner Braut da steht, als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hätte. Aber wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte! – So hatte er sie nicht gekannt, so hätte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt. Ihre gepresste Brust hebt sich, und fängt ein paar köstliche Tränen auf, die dem Unmut der verwundeten Unschuld entwischen. Sie wagt es nicht noch einmal zwischen die Lichter hinzublicken, und weiss doch auch nicht wo sie mit ihren grossen blauen Augen bleiben soll. Sie ringt nach einer Erklärung, die sie nicht zu fordern das Herz hat, und, tausendmal schöner in der Angst ihrer Jugend, als sie es je in dem Zirkel des Hofs war, entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum einer Minute mehr Physiognomie der Seele, als selten ein Fürst zu sehen bekommt, mit jenen feinen Uebergängen und sanften Schattirungen, die uns ein Mädchen erst lieb machen, und die, glaube ich, in allen Paradebetten verloren gehen. Das Gedränge nie gefühlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu – die Füsse wanken ihr wie einem gemeinen Mädchen, sie sieht nichts, woran sie sich halten kann, als den einzigen Sopha – der immer der beste Zufluchtsort auch für eine müde Prinzessin ist. Hier – dem Altare gegen über, auf dem die Annalen des fürstlichen Hauses ausgebreitet da lagen – hier war es, wo der weise Stifter dieses Heiligtums sie erwartete, und hier kniete nun auch der entzückteste seiner Nachkommen, wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird, vor seine Auserkorne nieder – wagt es erst kaum, ihre widerstrebenden hände in die seinigen zu fassen – nennt ihren Unwillen gerecht – sucht ihren empörten Stolz zu besänftigen, und schiebt alles, wie er es mit Recht tun kann, auf seinen Stammvater. – Er würde ausser sich sein, sagt er mit bebender stimme, wenn das alte sonderbare Herkommen ihn um die achtung seiner geliebtesten Prinzessin, und in demselben Augenblicke bringen sollte, wo er sie erst ganz zu verdienen gehofft hätte. – Kein Mensch, weder aus dieser noch jener Welt, würde ihn haben bewegen können, den zärtlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu tun, wenn ihm nur im geringsten geahndet hätte, welch ein Kabinet die Haupturkunde seines Hauses verwahre. – Er müsse sich, fährt er fort, in Erstaunen verlieren, wenn er, die lange Reihe seiner Ahnen herunter – an alle die, bekannter massen so reizenden – unschuldigen – erhabenen und höchst vortrefflichen Fürstinnen dächte, die doch eine nach der andern sich dieser probe der Angst hätten unterwerfen, und ihren Namen als Landsmutter in dieser Kapelle verdienen müssen. – Nichts hätte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trösten können, als der Gedanke an das allgemeine Beste, dessen Erhaltung allein dieser Tempel geweiht sei. – Freilich, setzt er hinzu, wäre es auch wohl das erste Gesetz jedes gutdenkenden Fürstenkindes, ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen müsste, wo man es nicht denken sollte.– –
Indem er alles dieses mit einer zärtlich stammelnden stimme vorbringt, kann er sich zugleich an ihren scheuen Augen – an ihrer holden Errötung – an der immer höher steigenden Empörung ihres blendenden Busens, und an der schönen Unordnung nicht satt sehen, die durch so manche heftige Bewegung der beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bändern entstanden ist. Er leidet treulich mit ihr, und forscht, nach jedem Kusse, den er ihren zitternden Händen aufdrückt, in ihren Blicken, um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken, und um wie viel sie schon gefasster sei einen neuen zu ertragen. Aber noch vergehen einige bange Minuten, ehe sich das Gute dieser Anstalt und der grosse Sinn zeigt, den der Stifter darein gelegt hat. Kaum aber haben die eben so wahren als zärtlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die