, ob ich dem Propheten noch die Ehre erweisen sollte, mich umzusehen. Ich zwang mich indessen, und sah, ausser einem jungen mann, der der schönen Aussicht genoss, auf diesem weiten offenen platz – was Dir gewiss auch schon geahndet hat – mit Einem Worte, Freund, ich sah – N i c h t s .
Ein bitteres Lächeln überzog nun mein Gesicht. Es machte mir – ich will es nicht läugnen – eine boshafte Freude, einen Propheten auf der Lüge zu ertappen, und nun, ohne aufgehalten zu werden, zu meinen gewohnten grundsätzen zurück gehen zu können. Ich rückte meinen Hut tiefer in die Augen, schlug hastig meinen Mantel um mich, und setzte mich mit dem Entschlüsse in die Ecke, mich erst recht auszuschämen und auszuzanken, ehe ich meinen lächerlichen Rückzug anträte. Doch wie gewöhnlich, ging ich lange um mich herum, ehe ich Mut genug fasste, mein Vorhaben auszuführen; und auch dann noch spielte ich mit meinem Herzen die Rolle einer schwachen Mutter gegen ihr strafbares Kind, die mitten in ihren ernsten Vorwürfen ihm die Tränen abtrocknet, und indem sie es zu verstossen droht, das erste Zukkerbrod reichet, das sie bei der Hand hat. Wirklich gingen in mir die sonderbarsten Bewegungen vor, sobald ich auf der Spur zu sein glaubte – angeführt zu sein. – Zu Deinem Zeitvertreibe wünschte ich wohl Dir sie recht anschaulich zu machen.
War einem Herzen je, dus, ohne Ueberhang
Sich seine Blössen zu verzeihen,
Nicht rein genug sich fühlt, vor der Entschlei'rung
bang,
So war es meins. Die Schnur non seinen Gaukeleien
Schien mir schon viel zu voll und lang,
Um ihr mit diesem Pilgergang
Noch eine Schelle beizureihen.
Doch, Freund, die Kunst, in solchem Seelendrang
Sein Selbstgefühl zu überschreien.
Half jetzt mir auch des Spottes Uebelklang,
Der mein Gefühl durchlief, zerstreuen.
Dem Menschen, hub ich an, (als ritt
Belastet ich von tröstenden Sentenzen
Dem magern Junker nach, der so viel Schläge litt,
Um Mambrins Rüstung zu erkämpfen,)
Dem Menschen fiel das los, mit ungewissem Schritt
Durch eine Nacht zu gehen, wo wenig Sterne glänzen;
Vielleicht dass einst der Tag auch ihr entgegen tritt.
Er nehme diess V i e l l e i c h t bis an die äussern
grenzen
Des Lebens zum gefährten mit.
Diess Trostwort wandelte die Dünste
Des träumenden Gehirns in mutiges Vertraun,
Gerüstet wie ein zweiter D a u n ,
Mit nun geweihtem Schwert das magische Gespinnste
Des neuern Sehers durchzuhaun.
Ich kam nun bald in volles Gefecht mit dem Betrü
ger, der sich unterstehen konnte, einen Berliner – einen Freund und Zeitgenossen M e n d e l s s o h n s , zum Besten zu halten; und mein innerer Streit ward endlich auch äusserlich so sichtbar, dass der junge Mann, auf den ich die ganze Zeit meines Selbstgesprächs über nicht geachtet hatte, sein Fernglas einsteckte, und sich voller Verwunderung und Neugier mir näherte.
"Sie scheinen Sich übergängen zu haben, mein Herr," redete er mich an – "Hintergangen" fiel ich ihm in's Wort – "hintergangen habe ich mich, indem ich, jedoch zu meiner Ehre nur einige Stunden, einem Betrüger geglaubt habe – Doch ist es mir immer lieb, dass ich hier bin. Ich kann wenigstens meiner Galle Luft machen, kann über die Stadt rufen, die unter mir liegt, dass sie mit Blindheit geschlagen sei – dass ihre Einwohner betrogen, und wert sind, von Toren gelenkt zu werden ..."
"Sie sind" nahm der Fremde das Wort, "in einer gewaltsamen Bewegung, mein Herr. Was für ein Unglück ist Ihnen begegnetund auf wen beziehen sich Ihre beschimpfenden Ausfälle?"
"Auf wen?" erwiderte ich mit Hitze – "Aus wen anders, als auf den Marktschreier, der Ihre Stadt in Verwirrung setzt, auf Ihren grossen Magnetiseur, Schlafredner, Propheten, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen."
"So erlauben Sie mir," antwortete der Fremde zu meinem grossen Erstaunen, "dass ich Ihnen geradezu widersprechen muss. So lange wir diesen Mann besitzen, ist keine Unwahrheit über seine Lippen gegangen."
"Wohl!" rief ich aus, "so kann ich Ihnen wenigstens seine erste ankündigen, die er mir, mir, wie Sie mich hier sehen, vor ungefähr zwo Stunden gesagt hat, – Wissen Sie wohl, mein Herr, was er mir hier zu finden verhiess? Nichts geringeres, als einen Schatz, und den lautesten Ausbruch der Freude. Und ich einfältiger Tropf! liess mich so anführen, und erstieg auf sein törichtes Wort diesen mühseligen Turm! – Lassen Sie Sich nicht abhalten, mein Herr, lachen Sie so laut als Sie Lust haben! Ich verdiene den Spott aller Vernünftigen."
Aber – anstatt zu lachen, weisst Du wohl, was der Mann vorbrachte? Eine so schöne Tirade, wie sie nur in einem Kommentar über den Habakuk stehen kann: dass man Weissagungen nicht buchstäblich verstehen müsse. –
"Mein Herr," antwortete ich ihm auf das bitterste: "Ihr Prophet hat mir einen Schatz – was man einen Schatz nennt, hat er mir versprochen. – Wo ist nun hier etwas, das in naher oder entfernter Bedeutung diesen Namen verdient? Soll ich etwa den Zugwind dafür annehmen, der mir schon viel zu lange unter die Nase streicht?" – Mit diesen Worten