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vorschwebten, im Zusammenhange entwickele. Ich hingegen, der ich ein Nachtstück zu malen habe, das nicht sowohl zur Zierde meiner Bildergallerie, als vorzüglich zur Beantwortung jener in diesen Blättern schon mehrmal angedeuteten Streitfrage der Gelehrten und Naturphilosophen diene, ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens zweckmässiger sei, ihm auf der Reisecharte der Liebe die Stationen seiner Bestimmung mit roter Dinte zu unterstreichen, oder es ohne Vorbereitung allen Schrecken des Hinscheidens jungfräulicher Unschuld in der Hoffnung Preis zu geben, den süssen Lohn, der dahinter liegt, durch Ueberraschung noch zu erhöhen. Ich darf, wenn ich unparteiisch handeln und nicht ein Gemälde ohne Perspektive und clair obskur, gleich einem Chinesischen aufstellen will, unsere kleine Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst überhüpfen lassen, um mit ihr, eher als es Zeit ist, in die Region des Trostes überzuschweben. Beides muss gegen einander genau erwogen werden, um mit Grund entscheiden zu können, ob der altmodische Ahnherr, der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin Recht behalten wird, die erst abwarten wollte, bis der Hofmaler den Kopf des Amors unter ihrer Bleifeder nicht mehr für ein Fratzengesicht erklärte und desshalb Anstand nähme, ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Götterknaben vorzulegen, bis sie erst mit ihrem Klaviermeister eine vierhändige Sonate ohne Anstoss abspielen, und der junge Kapellan ihr an den Augen ansehen könnte, dass sie seiner Auslegung des sechsten Gebots, die er bis jetzt weislich überschlug, die gehörige Aufmerksamkeit schenken werde; – denn so lange die Fähigkeiten der jungen Dame nicht bis zu diesem Grade ausgebildet wären, fanden es die Frau Oberhofmeisterin zu bedenklich, sie dem Zügel der Erziehung zu entlassen" Das Unglückwenn es eins sein sollteist geschehen. Es wird sich bald zeigen, gnädige Frau, ob es so gross war, als Sie Sich einbildeten.

Meine Pinsel sind reinund an meinem Farbenkasten, der wie der Seidelmannische von der Gallenblase des Zitteraals, bis zu der brennenden Purpurmuschel fortsteigt, liegt es nicht, wenn meine pittoreske Darstellung nicht so meisterhaft ausfallen sollte, als die seinige.

Wir haben gestern, lieber Eduard, die durch Urteil und Recht losgesprochene und zu den grossen Pflichten einer Landesmutter für tüchtig erklärte Dame zwischen Tür und Angel stehen gelassen. Noch zittert, noch weilt sie und kann es nicht über sich gewinnen, den letzten Schritt in die Dämmerung zu tun, die das geheimnis ihres Berufs verbirgtaber da stürmt die Klingelschnur der Zauberin aufs neue und verbreitet seinen Metallklang durch die Hallen der Burg bis zum roten Turm hin. –

Die Kleine fährt wie bei einem Erdbeben zusammen, und eilt nun vom Schrecke getrieben, wie ein verscheuchtes Mäuschen, in das spärlich erleuchtete Brautgemach. Stelle Dir nur vor, wie einem so zärtlich gebauten Körper nach solchen Anstrengungenwie einer wohlorganisirten Seele, die alle Martern des Ceremoniels bis auf den letzten Grad erhaltenmit einem Worte, wie der kleinen Prinzessin zu Mute sein muss, wenn sie nun statt der tröstlichen Aussicht der Ruhe, ein mit Franzen und Federn überladenes Staatsbett schimmern sieht, von dem sie schon dem äussern Ansehen nach eben so wenig etwas Kluges erwarten kann, als sie heute erlebt hat.

Wie eine Dratpuppe, die von der Rolle nichts weiss, die sie spieltdie es von obenher erwartet, welches Gelenk sich zuerst hebenwelches Glied sich bewegen soll, steht das gute Kind da, und blickt mit unbelebten Augenund nur mit dem hölzernen Gefühl der Abhängigkeit nach ihrem Gebieter. Dieser tritt nun zwar strahlend wie Phöbusdoch ernst und langsam wie ein Bote herein, der von weitem her eine üble Nachricht zu bringen hat. – "Beklagen Sie mich, meine Auserwählte," redet er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an: "In dem Augenblicke, nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe, erhalte ich noch ein Kanzlei-Schreiben von meinem Ur-Ur-Urältervater, das ich, grosser Gott! vorher noch beantworten soll, ehe ich die erlaubnis habe Sie die meinige zu nennen. Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stossen, zu der der Höchstselige mir den Schlüssel schicktDort sollen wir, beste Prinzessin, auf dem Altare unsere Namen in ein Buch schreibendort sollen wir eine heilige Handlung verrichten, auf der, wie sein Brief sagt, das Glück des ganzen Landes ruhe. Was muss der gute alte Mann gedacht haben? Ich bitte Sie, liebe Prinzessin, wo soll ich an Ihrer Seiteach! würde er mir es zugemutet haben, wenn er Sie gekannt hätte? – nur einen Funken von Andacht hernehmen? Zu einer ungelegneren Zeit, dächt' ich, wäre wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle geschickt worden." – Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe. Sie macht keine kleinen Augen, da sie wieder von Ceremonien hört, vor denen sie wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte sicher zu seinAber sie nimmt sich zusammen. – "Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht," sagt sie so manierlich als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stände, "so bin ich in Wahrheit noch nicht so schläfrig, dass ich nicht meinen Namen noch schreiben und ein Vater Unser beten könnte."

Sie suchen nun beide die verborgene Tür der Kapelle, und finden sie glücklich dem Brautbett gegenüber, hinter den Tapeten. Der goldne Schlüssel wird versuchter schliesst, und sie stehen, als die Tür hinter