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ein zehnfach verwandtes Blut in dem kleinen Zirkel herum treiben, auf den sie der genealogische Kalender einschränkt, und wodurch ihre Körper und ihre Seelen einander am Ende alle so ähnlich werden, dass es ein Elend ist? grosser Gott! was soll da Kluges heraus kommen, wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnungaus einem Schäferspiele eine Haupt- und Staatsaktion machen? Der gute Mann blickte dabei mit seinen gesunden Augen in die offene Flur, sah, wie der Baum kränkelt, der nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wirdsah, dass der Acker nur kümmerliche Ernten treibt, der mit dem Korne, das er jährlich einbringt, immer wieder besäet wird, – sah in der Wirtschaft des Tierreiches, wie tief am Ende die vollkommensten Racen herabsinken, wenn man sie zwingt sich unter einander zu vervielfältigen. Verwies ich nicht schonfragte er in seinen Ingrimmmanchen Gaul dieser Art in den Bauhof, dessen Ahnherr, nach dem Stallregister, den Kaiser bei seiner Krönung trugmanchen in die Post, der in gerader Linie von der Haquenée, oder gar von dem Bucephalus abstammte?

Da entschloss sich der biedere Fürstin väterlicher Rücksicht auf die gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloss er sich, keinen Schwächling in seiner Familie aufkommen zu lassen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte er es am besten zu treffen, wenn er eine Macht, deren grossen Einfluss er nur zu oft an sich wahrnahmwenn er die wohltätige Macht der Phantasie in den, für das Land gefährlichsten Augenblicken, gegen den kraftlosen Hofton zu hülfe rief, und seine Lieblingedie Erbprinzen, wenigstens in der media nocte ihres Beilagers, durch einen natürlichen Einfall aus der Contenance brächte. Muss ich auch zugeben, da ich es nicht ändern kannwendete er eindass die guten Leutchen, die ich im Auge habe, noch vorher auf dem Burgplatze alle die raren Künste entwickelten, für die ihres Gleichen bezahlt werden, wie sie es verdienen, – kann ich auch der tyrannischen Etiquette nicht so scharf in die Leine greifen, dass sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Ceremonien müde treibt, ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringet; so wäre es mir doch ausser Spass, wenn ich im geist diese Staatspuppen, sammt ihrer Kälte, ihrer Erschlaffung und ihrem fürstlichen Anstande, das Paradebett besteigen sähe. Nein! sagt er, das lasse ich nicht zu. Ich will der wohl erzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenkeihrem niedlichen Gesichtchen erst Ausdruckihrem in etwas zurückgebliebenen Busen mehr Schnellkraft, und will dem uralten Geblüte, das in ihren Adern schleicht, Leben und Wärme geben. Sie mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen wo sie nur willaber in dem wichtigen Augenblicke, wo sie nicht nötig hat vornehm zu tun, behalte ich mir, als Stammherr, ihre Zurechtweisung allein vor, und hoffe, so Gott will, sie vor ihrem Uebergange zu einem zweckmässigen, feurigen, natürlichen Mädchen umzugestalten, das, wie Freund Lavater von einer sagt29denn sein prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt vorausKraft hat zu geben und zu empfangen.

Mein Prinzfährt er fort und streicht sich den Knebelbartsoll vor seiner Umarmung erst in einen munterngefälligenverliebten Jungen verwandelt werden, wie sie in der Welt herum laufen, oderich will nicht Hans heissen! Das Fünkchen Liebe, das er aus der Hofkapelle mitbringt, soll in einer ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern, – seine Pflichten sollen ihm, wie trägen Kindern, durch Bilder verständlich gemacht, – und seine natürliche Rolle, ehe er sie spielen darf, soll ihm erst so lieb werden, dass er seine angelernte darüber vergisst. Er habe das Opfer, das er zu den Füssen seiner Verlobten für sich und sein Land erbettelt, nur den Verlockungen der Sinne, dem Tumulte des Blutshabe alles was er wünscht und erhältnur dem Zauberstabe der gereizten Einbildungskraftnichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu danken!

Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges Kanzelei-Schreiben an alle die Glücklichen aus, die durch ihn und seinen Erbprinzen, für dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte, in der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen würden ihr Vaterland zu beherrschen. Wenn sie auch, murmelte er vor sich, alle meine andern löblichen Anstalten im land mustern, meistern und umstossen, so, denke ich, sollen sie doch nichts wider meine Einrichtung ihrer ersten Nächte haben, da ihnen ja, wenn sie nur das geringste Nachdenken besitzen, ihr eigenes Dasein verbürgen muss, dass ich den Rummel verstand. Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sophaihrem Stammbuche und ihrem Ornate.

Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe vorlieb. Könnte ich nur mit eben so leichter Feder Jettchens Geständnisse aus den Bruchstücken zusammen setzen, die ich von ihrer Vertrauten erhielt. Jene ihres weges so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzählung ihrer empfindsamen Reise einem Schiffer, der auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen, sich endlich glücklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht. Er überlässt sich zuerst dem entzückenden Gefühle seiner Rettung, er gedenkt nicht mehr der Wellen, die ihn dahin schaukelten, und möchte sich lieber schämen, wenn er auf die überstandenen Minuten seines Zagens zurückblickt. Eben so wenig kann ich, ohne unbillig zu sein, einem träumenden Kindsköpfchen zumuten, dass es die grausen Phantasien, die ihm bis zum Erwachen