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an meine Brust und liess mich nun, um es kurz zu machen, so frei als in ihre eigene, in die Herzenstiefe einer Prinzessin blicken, als wohl noch keine so traulich, beredt und rührend die Scene ihrer Weihe der Mutter entwickelt hat.

Mein Puls kam nicht eher zur Ruhe, bis kein Wörtchen, kein Komma, kein Pünktchen mehr an dem kindlichen Bericht fehlte. Die kleine Malerin bildete ihr Original so sprechend nach, dass sie mich sogar mit mehr als einer Kopie des warmen Kusses beschenkte, den ihr die entschiedene Erbprinzessin zum Abschied auf die Lippen gedrückt hatte. Er zitterte so herzlich auf den meinigen wieder, als ob es der lieben Geberin ahndete, dass es trotz unsers gegenseitigen Versprechens, der letzte Tauschhandel unserer freundschaftlichen Gefühle sein würde. Nunmehr leiste ich auch völlig Verzicht darauf, denn daum es im Vorbeigehen zu erwähnen, seit jener Epoche die damals so anspruchslose, schüchterne Prinzessin schon zehnmal Mutter geworden ist, und auf ihren Lorbeern ausruhen könnte, läge ihr nicht eine häusliche sorge auf dem Herzen, die täglich grösser wird; sie sieht ihren Liebling, den ersten Sprössling jener mystischen Nacht traurig sein schönes Haupt hängen, ohne dass es ihr gelungen ist, es aufzurichtendie Kapelle wird seit verschiedenen Jahren nicht mehr besuchtwie gern würden die liebenden älteren dem Sohn den goldnen Schlüssel überlassen, bände ihnen der Stiftungsbrief nicht die hände; denn bis jetzt haben sie sich noch immer vergebens an den Höfen nach einer Fürstentochter umgesehen, die eben so unbefangen, so wenig erfahren und unterrichtet wäre, als es die Mutter vor ihrem Eintritt in die Kapelle warso hat, sage ich, die Zeit in ihrem Umschwung, nebst so manchem andern meiner Wünsche, auch die sehnsucht nach jener liebenswürdigen Gesandtin verzetteltund ich würde tüchtig erschrecken, wenn sie mir auf meiner Retourreise von Klärchen irgend in einem Gastof begegnete. Als ich neben ihr in dem Wagen sass, der durch ihren Fehltritt mir so lieb geworden war, die Fenster aufgezogen und die Stores herabgelassen hatte, konnte ich freilich nicht glauben, dass ich zwanzig Jahre nachher mich ihrer in Avignon so gleichgültig erinnern würde. Vom Anfang bis zum Ende ihrer Erzählung waren alle meine Sinne zugleich auf ihre mitspielenden inneren Empfindungen gerichtet, die sich mir bald durch ihre funkelnden Augen, bald durch einen nachbarlichen Händedruck, bald durch das Verstecken ihres verschämten Gesichtchens hinter den Schlagschatten des meinigen verrieten, und das Kolorit ihrer geschichtlichen Darstellung um vieles erhöhten.

"Ich werde," begann sie, "in meinem Leben nicht vergessen, wie verändert seit gestern die junge Dame mir vorkam, als ich in ihrem Boudoir meine Abfertigung holte. Leuchtend wie ein Cherubin, in ihrer Morgentracht, sprang sie vom Sopha auf, als ich eintrat und Nantchen! liebes Nantchen!! – schlang sie ihre beiden Händchen um meinen Halsseit Du mir gestern mit allen den Närrinnen, die mir den Kopf warm machten, aus den Augen kamst, was für unerhörte Dinge habe ich nicht erlebt. Du kannst sie nicht eher, als bis Du selber einmal Braut sein wirstaber auch meine Mutter wird sie kaum glauben," und nun warf die gute Kleine in der Freude ihres Herzenswie sie es immer mit ihren Kleidungsstücken zu machen pflegte, – alles, was sie mir vertraute, so bunt unter einander, dass es Not tät, sie in ihrem eigenen Roman zurecht zu weisen, und alles das, was sie bald aus Uebereilung zur Hälfte vorausgeschickt hatte und wieder zurückholen, bald das wieder hervorstören musste, was sie beinahe vergessen hattein Ordnung zu bringen.

"Das will ich übernehmen, mein gutes Nantchen," erwiderte ich; "ich will hinterher schon aufräumenfahren Sie nur fort."

"Doch Dir zu Gefallen, Eduard, muss ich hier den Strom ihrer Rede durch Einschaltung eines Prologs unterbrechen, der zur Verständniss unsers Dramas nötiger ist, als es nur einer vor den Schauspielen der Alten sein kann. –

Der graubärtige Ahnherr trete in seiner Maske auf und entwickele die guten Absichten seines Plans noch näher, als sie hier und da aus einigen Stellen seiner Vorrede durchgeschimmert haben, damit Du aus dem eigenen mund seiner erlauchten Urenkelin desto gründlicher zu beurteilen vermagst, in wie weit er sie erreicht hat.

Vertausche ich auch manchmal unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe ein allzuderbes Wort, das ihm in seiner verjährten Sprache über die Zunge sprudelt, mit einem glimpflichern Ausdruck, so will ich doch sorgen, dass es dem Sinne keinen Abbruch tue, und die heroischen Hülfsmittel nicht vertusche, durch die er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt, die, wie er glaubt, seiner Nachkommenschaft droht.

Sie kann nicht ausbleiben, dachte er, wenn die Herren Erbverbrüderten so fortfahren wie sie anfangenwenn sie als einen Damm ihrer ziemlich ausgeschöpften Hoheit, Prunk und Statuen um sich herum stellen, die ihnen jede freie Aussicht in die natur versperren, und wenn sie immer so hoch auf den Stelzen ihres Standes einher treten, dass kein blick der Freundschaftkein Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann, sie flössen ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu; und da weiss man schon wie wahr und rührend sie ausfallen. Sie müssenes ist nicht andersin ihrer Welt fremd werden, und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen. Was soll, dachte er ferner, anders als Zwecklosigkeit und lange Weile aus ihren ehelichen Verbindungen entstehen, da sie immer nur