Kopfputz des schönen Geschlechts so sinnreich geformt war, dass jeder, der sich einer Dame näherte, ihr gleich an der Haube ansehen – und sich darnach richten konnte – ob sie werehelicht – witwe oder Jungfrau sei. Ihr freundlichen sittsamen Augen, wo habt Ihr Euch doch damals hinflüchten können, ohne vor Schrecken zurückkzuprallen! Wie mochte ein ehrbares fräulein, ohne Empörung ihres inneren, vor dem Spiegel ihre Locken so legen, wenden und kräuseln, als es die Mode verlangte!
Was für Empfindungen müssen nicht das Herz einer witwe in den ersten Trauertagen gefoltert haben, wo sie das Wahrzeichen ihres vorigen glücklichen Standes umkehren, und es dem falsch freundschaftlichen Bedauern anderer Preis geben musste, die es noch prahlend umhertrugen. In Betracht solcher Geistesverirrungen und Anstösse gegen das zarte weibliche Gefühl, ist die Massregel, die der Graubart nahm, um dem Brautschauer seiner Urenkelinnen vorzubeugen, eine wahre Kleinigkeit, und dennoch, stände mir nicht Amandchens zeugnis für die Wahrheit, würde ich nimmermehr geglaubt haben, dass es auf deutschem Boden eine Fürstenburg gäbe, wo ein so veraltetes Possenspiel noch gesetzliche Kraft habe. Welcher himmelweite Abstand jener trüben Tage von den aufgeklärten unsern.
Die jetztlebenden liebenswürdigen Prinzessinnen, so viel ihrer der Staatskalender aufzählt – ich nehme die kleine aus, die in der laufenden Stunde den Fehler ihrer Jugend und Erziehung büssen muss, wie wenig haben sie, so bald sie über das erste Dutzend Jahre hinaus sind, von einem zu kalten Luftzug der folgenden zu fürchten. Das müsste ein Mikroskop aus der andern Welt sein, das an ihren entblössten Schwanenhälsen die geringste Spur eines Gänsehäutchens entdeckte. Nach ihrer ersten Andacht treten sie, zu allem abgehärtet, mit dem nil admirari des Rousseau in die ihnen geöffnete grosse Welt. Jede gibt sich, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen der erfahrensten ihres Geschlechts. Sie kennen den Rubicon aus den vielen Beschreibungen, die sie vor Schlafengehen gelesen haben, zu gut, um sich nicht – wenn man sie zum Ueberschwimmen einladet, scherzend dem Spiel seiner Wellen zu überlassen, und sollte ja eine und die andere bei ihrer Landung ein Frösteln überfallen, so erregt es gewiss ein anderes Schreckbild als das, einer zu ritterlichen Ueberraschung an dem jenseitigen Ufer. Diese mutvolle Ergebung in ihr Geschick haben sie den aufgeklärten Begriffen zu danken, die sie aus der Schulstube mitbringen, und die einen so vorbereitenden Unterricht überflüssig machen, als die Marquise de Prie der Tochter des Roi bienfaisant und Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings zu geben genötiget war,28 und haben sie nicht ganz ohne Aufmerksamkeit dem Ballonspiele der Hofdamen mit den aufgeblasenen windigen Herzen ihrer Anbeter zugesehen und nur ein wenig besonnener als ein Schaf, von dem Salze geleckt, das ihnen zur Schärfung ihres Züngelchens, dergleichen philosophische Schriften, als etwa die meinigen sind, vorstreute, so wird ihre fein geschliffene kleine Taschen-Lorgnette das Eiland, auf das sie hinsteuern, hinter dem vorliegenden Nebel so gut entdecken, als Columbus mit seinem Fernrohr die neue Welt.
dafür setzen sich aber auch unsere gebildeten Fürstensöhne mit leichtem Anstand über die grillenhaften Vorurteile ihrer ritterlichen Vorfahren hinweg, und weit entfernt, gleich jenen ernstaft und gerüstet, wie zu einem Zweikampf auf Leben und Tod, zum Puppenspiel der Liebe überzugehen, schreiten sie nach einem angenehmen Herumschweifen in den Irrgärten der Jugend zur Ehe, wie zu einer Ruhebank, die ihnen unter den vielen, aus dem Gesträuche zuwinkenden, die bequemste dünkt, gleichgültig, ob ein anderer hier etwa kurz zuvor ausgeruhet oder gefrühstückt hat. Genug für die ermüdeten Herren, dass sie sitzen. In dieser glücklichen Lage nehmen sie den Blumenstrauss, den ihnen ihre Gefährtin als ein Weihgeschenk darbringt, unbesehens und unbekümmert, ob nicht das Knöspchen der Centifolie ein Blättchen, – die Aurikel ihren feinen Staub verloren – doch als ein unbezweifeltes Unterpfand ihrer ersten Liebe, mit eben so herzlichem Dank in Empfang als die edlen Herren der Vorzeit, nur dass sie ihn manierlicher ausdrücken. Diese zudringlichen Gedanken – umsonst schob ich meine Nachtmütze hin und her, um sie zu verscheuchen – kamen mir sehr zur Unzeit. – Die beiden Bundesgenossen mochten sich schon lange über ihr eigenes Glück verständigt, undwie guten Fürstenkindern geziemt, die daraus entspringende Wohlfahrt ihres Landes treulich besorgt haben, ehe ich einschlief. Ich tat die besten Wünsche für ihre Zufriedenheit, die mir noch auf den Lippen schwebten, als ich mit Aufgang der Sonne erwachte. Desto eilfertiger war ich nunmehr mit meinem Anzug und meinen kleinen Geschäften. Ich berechnete mich mit dem Wirt und berichtigte freigebig nebst meiner auch Amandchens Zeche. Es war das wenigste, was ich aus dankbarer Rücksicht unserer verträglichen Nachbarschaft für sie tun konnte – dann nahm ich Abrede mit unserm Kutscher, musste aber noch zwei ungeduldige Stunden das Fenster hüten, ehe das schwatzhafte Vögelchen ihrem Bauer zuflatterte.
Nun, meine teure Freundin! trat ich ihrem heitern Gesichtchen entgegen – Sie legte aber ihre Finger auf den Mund, winkte mich in mein Stübchen zurück und verriegelte das ihre. So bald sie ihre Hofmaske abgelegt hatte, standen auch unsere angespannten Wagen vor der Haustür, unter dem Schatten des Lorbeerbaums.
Ohne uns um die Ferngläser der Fremden zu bekümmern, die uns einsteigen sahen, fuhren wir so eilig davon, als fürchteten wir ein Hinderniss von Seiten der Polizei, und drückten einander stillschweigend die hände, bis wir die Stadt, ihre Ehrenpforten von gestern und die fürstliche Burg mit dem roten Turm im rücken hatten. Jetzt rief Amandchen dem Kutscher zu, langsam zu fahren, schmiegte ihr Köpfchen