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Hand, und von dieser Minute an nahm meine Seele einen so innigen Anteil an ihrer reizenden Unschuld, dass, wäre es mir nachgegangen, ich die heillose Kapelle gern dem gewöhnlichen Schicksal milder Stiftungen Preis gegeben hätte.

So lange das Uhrwerk der Etiquette fortrasselte, verloren sich alle meine Blicke in den offenen Himmel der ihrigen. – Ich trippelte an dem Schweif des Hofstaats hinter ihr her, als nach einer kurzen Pause der Erholung ihr Verlobter diese blassblühende Rose aus dem Halbzirkel der hochfarbigen Mohn- und Klatsch-Blumen, die ihr ohne Aufhören um die Ohren säuselten, rettete, und mit dieser herrlichen Blume an der Hand, sich in dem anstossenden Zimmer dem heiligen Mann näherte, der sie an seine pochende Brust befestigen solltemit einem Worte, als der Prinz seine schöne Braut zum Traualtar führte. Unaufmerksam auf dievermutlich stattliche Rede des Kapellans, erbaute ich mich nur an der wirkung, die sie hervorbrachte, an den kleinen köstlichen Perlen, die den andächtig gesenkten Augen der hingegebenen Jungfrau entfielen. Ich bemerkte mit innerm Schauder, wie bei dem göttlichen Befehl: Seid fruchtbar und mehret euchdie Juwelen ihres Brautkranzes zitterten, und als der Priester nach Auswechselung der Ringe die Verbundenen für das weitere eingesegnet hatte und ein allgemeines Amen die heilige Handlung beschloss, welche Ausdehnung musste dieses fromme Losungswort nicht bei mirbei dem einzigen von der mittönenden Gemeinde erhalten, der die Verlegenheiten so genau kannte, die es ihnen nach Verlauf weniger Stunden zuziehen würde.

Unter dem Nachsummen der Orgel leitete uns der Stab des Obermarschalls in das Panteon der fürstlichen Hausgötterin den prächtigen antiken Speisesaal. Aus der Mitte der Hauptwand strotzte das Bildniss des bärtigen Stammvaters hervor. über seinem Harnisch blinkte an einer goldenen Halskette der Binde- und Löseschlüssel zu dem Himmelreich seiner Kapelle, den in den langen Nebenreihen seiner beseligten Nachkommen eine nachbarliche Hand der andern zugereicht hatte. Ihre immer freundlicher werdenden Trachten spiegelten das allmählige Fortsteigen zum bessern Geschmack aufs deutlichste ab, und alle überstrahlte sie diesen Abend ihr letzter Abkömmling mit glattem Kinn und gepudertem Haare in einem goldstoffenen, mit königlichen Adlern und andern Raubtieren verzierten Gewandeine Huldin an seiner Rechten, die durch Glanz der Jugend, die Anmut des Putzes, die ganze weibliche Linie der heimgegangenen Fürstinnen verdunkelte, die sich zwischen den festen Körpern ihrer Eheherrn, gleich der freundlichen Milchstrasse am nächtlichen Horizontzwischen den Stieren, Löwen, Steinböcken und Skorpionen durchschlängelte.

Wie Schatten aus dem Elysium schienen jene alten Ritter ernstaft auf das heutige Prunkmahl herabzuschielen, das statt der gewaltigen Schüsseln der Heldenzeitstatt der Humpen und goldenen Becher nur mit Reizmitteln des Gaumensnur mit aromatischen Leckereienausländischen in krystallnen Gefässen blinkenden Weinen und Spielwerken des ästetischen Konditors besetzt warfür Gäste und Zuschauer ein sprechendes Symbol unsers verfeinerten Zeitalters, das mit den Faustkämpfen und Turnieren unserer gediegenen Vorfahren, zugleich ihre männliche Ess- und Trinklust an ihren Gelagen verdrängt hat. Wie geschwind würde sie auch, wenn sie sich der Schmetterlinge, die die hochzeitliche Tafel umkränzten, durch ein Wunder bemächtigte, ihnen die bunten Flügelchendie zarten Fühlhörner zerknicken, und das feine Nervensystem zerreissen, das ihre lustigen Körperchen zusammenhält. Aber meine betrachtenden Blicke hefteten sich vorzüglich auf siedie in der Würde der Unschuldunter einem Tronhimmelzur Seite eines liebefunkelnden Fürsten dennoch mein Mitleiden erregte. Ich schlich forschend den Bewegungen der reinen Seele nach, die sich aufs herrlichste in ihrem verschämten Gesichtchen abdrückte. Bei jedem Ermunterungsworte, das sein Tenor ihrem Diskant zuflüsterte, brachte das Bewusstseinheute Nachts ein Bette mit diesem mann zu teilen, aus der Tiefe des Herzens bis über die bescheidenen Grübchen ihrer Wangen, alle Blutkügelchen in sichtbaren Aufruhr. Unter ihren niedergesenkten Wimpern zitterte hinterher noch die Angst, dass die vielen Zeugen ihrer Errötung auch den gehässigen Gedanken unartig errieten, den sie sich so gern selbst verschwiegen hätte. Armes Kind, dachte ich, welche Unruhe würde dich vollends ergreifen, könntest du nur von weiten die Vertraulichkeiten ahnden, in die ich gestern mit deiner Busenfreundin geraten bin.

Nach drei lästigen Stunden, die siedie Königin des Festes, trotz der Künste des Kochs, ohne Genuss, und in der mit jeder Minute höher steigenden bangen Erwartung, welche Marter-Krone ihr das Ende ihres Ehrentags aufsetzen würde, verseufzt hatte, lockte die Göttin der Tanzkunst mit ihren harmonischen Gehülfen die bunte Tischgesellschaft in die Erleuchtung eines blendenden Marmorsaals. Ein Chor reizender geputzter Nymphen, an den Händedruck mutiger Jünglinge gefesselt, erwartetesie alle, denen noch der Strom der Jugend durch die Adern brausteerwarteten nur noch den Eintritt des gefeierten Paars, um ihre Annehmlichkeiten zu entwickeln und aus den Flügeln des hinschwindenden Lebens Freude, Beifall und Verherrlichung des Festes ihres zukünftigen Gebieters zu erjagen. Nur sie, die schönste und edelste in dem strahlenden Kreis, dem Bilde einer nächtlichen Hore gleich, die der verschwisterten Aurora zueilteröffnete den Ball mit ihrem Lebensgefährten ohne Einklang mit seinem Frohsinn, und schwebte, walzte und taumelte unter dem Nebel ihres Schicksals ohne Teilnahme an unserer lärmenden Bewunderung.

Welch einen sklavischen Zwang mussten nicht während dieses sinnlichen Sturms die Schlangen- und Wellenlinien ihres zarten Körpers unter dem Panzer eines reichen Schleppkleides erduldenbis nach Vergang einer Stunde das traurige Adagio zwischen einer langen Reihe brennender fackeln, wie bei einem Leichen-Begängniss, die Ermattete zur Ruhestätte ihres Toilette-Zimmers begleitete.

Wiewohl sie nun an dieser letzten Station ihrer jungfräulichen Reise meinen stillen Betrachtungen entschwand, so leistete mir doch der Schimmer der Wachskerzen