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Der ihrige, sagte sie, den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten, sei Amanda. – Der ist doch, erwiderte ich, um das Gespräch in gang zu bringen, teils sonorischer, teils passender, als so viele, die jetzt Väter die Mode haben, ihren Töchtern beizulegen, wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand gibt, als z.B. Fredegunde, Hildegarte, oder Aloisia Sigea und dergleichen. –

Mittlerweile wurde ein Esstischchen mit zwei Couverts hereingetragen. Ich sah sie fragend an, – sie schien nichts dawider zu habenund ich noch weniger. Wir hatten einander schon abgemerkt, dass jedem eine andere Gesellschaft lieber wäre, als seine eigene. Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten, erfuhr ich schon so viel, dass sie in Geschäften hier sei, die ihr wohl nicht so leicht jemand ansehen würde.

Aber jetzt, bevor ich zu den grünen Erbsen übergehe, die ich ihr vorlegte, und mit Zucker bestreute, bitte ich Dich und Euch alle, Ihr politischen Schleichhändler, die Ihr wohl öfter als ich krumme Wege einschlagen und Schreiber, Minister und Generale bestechen müsst, um hinter Dokumente zu kommen, die in Euern Kram taugen, für das Folgende um eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. Es wäre doch möglich, dass sich etwas, einem grano salis ähnliches darin fände, mit dem Ihr die Suppen würzen könntet, die Ihr für Euern Herrentisch zu kochen habt.

Eben da ich für die schöne Unbekannte, am Schlusse unsers gemeinschaftlichen Mahls die Flügel eines Rebhuhns abgelöst hatte, und nur die beiden Beine für mich behielt, schien sich alles fremdartige unter uns zu verlieren. Sie trat mir auf einmalvermutlich um mich nicht länger in Ungewissheit zu lassen, ob sie, mit der ich so ungleich teilte, der Leckerbissen auch wert sei, die mir schon genügten, wenn sie ihr schmecktenja, ehe ich's nur von ferne ahnden konnte, trat sie mirerstaune Eduard! – in dem Nimbus einer so blendenden Würde unter die Augen, dass ich nicht sogleich wusste, was ich mit der Ehrerbietung und Hoffnung anfangen sollte, die sie mir einflösste; denn dieses reizende Mädchendenke nurwar nichts geringeres als eine bevollmächtigte Gesandtin der ersten Klasse, wie ehemals die Prinzessin Ursini. – Ich traf so auffallende Berührungspunkte unter beiden an, dass ich meiner schönen Tischgenossin auf keine Weise zu viel Ehre antue, wenn ich sie der verschmitztesten Unterhändlerin des vorigen Jahrhunderts an die Seite stellemit Ausnahme der allzugrossen Verschwiegenheit, welche die Neugierigen im Wiener Kabinet jener hochmütigen Frau vorwarfen. Ich würde an meiner Gesellschafterin das offenbarste Unrecht begehen, wenn ich sie dieses Fehlers der Unterhaltung beschuldigen wollte: dafür bewahre mich die Erinnerung ihrer allerliebsten Offenherzigkeit. – Genannte Prinzessin, – wirst Du Dich wohl noch aus ihrer geschichte erinnernwar heimlich beauftragt, Staatsgeheimnisse eines fremden Hofs auszuforschen und sie dem ihrigen zu verraten. Amandchen mit ihrer Instruktion war in demselben Falle. –

Ich hätte, wäre es darauf angekommen, – meine Parallele zwischen diesen beiden wichtigen Personen, sehr weit, ja bis zum spanischen Successionskrieg ausdehnen können, der nicht, zu seiner ewigen Schande, das Brandmal seiner Veranlassung, das Blutzeichen seines Ursprungs so offen an der Stirn tragen würde, hätte man auch die kluge Vorsicht des mehrmals schon gedachten und gepriesenen Ahnherrn angewandt, die teterrima belli causa, vorher, ehe es zu spät war, von verständigen Matronen beleuchten zu lassen. Die Vergleichung liesse sich noch weiter bis zum Baadner und Utrechter Frieden fortsetzendenn in allen diesen wichtigen Weltändeln hatte die schlaue Französin ihre hände im Spiel, so gut wie jetzt Amandchen die schönen ihrigen in dem Krieg und Frieden des künftigen Sonntags. – Ich wünschte Dir diess alles nicht nur deutlicher, sondern auch so anschaulich zu machen, als es mir in dem süssen Augenblicke wohl werden musste, wo meine Ohren dem Tenor ihrer stimme, meine Augen der Geschicklichkeit ihres Atemzugs nachspürten, der manchmal, wie der Zephir auf einem Schmerlenbach, an dem Oberteile ihres Muselins mit ein paar Wellenlinien spielte, die meiner Aufmerksamkeit beinahe eine andere Richtung gegeben hätten. Mir kam es zugleich vordoch kann ich mich irren, – als ob die kleine Gesandtin sich nicht ohne Grund, mehr auf die Wunder ihrer achtzehn Jahre, als auf die Würde ihrer Mission zu Gute täte, und ich versprach ihr heimlich, mich darnach zu richtendenn wenn sie mich die reichhaltige Tiefe jener nur erraten liess, so entüllte sie mir hingegen diese, wie sie sich selbst ausdrückte, bis auf die Gräten.

"Damit Sie doch," fing sie mit einer eben so artigen als rührenden Wendung an, "– auch erfahren, wer eigentlich die junge person ist, der Sie als ein schützender Engel in dem schrecklichsten Moment ihres Lebens zuflogenach, es durfte nur noch einer vergehen, und es lag ein gutes Mädchen vom gesundesten Gliederbau und erträglichem Aeussern zerschmettert zu Ihren Füssenso darf ich kein Bedenken tragen, meinem so grossen Wohltäter im Vertrauen zu eröffnen, dass ich bei der lieben Prinzessin, die morgen Nachmittags zu ihrer Vermählung hier erwartet wird, mehr die Stelle ihrer Freundin, in der weitläuftigsten Bedeutung des Worts, als dem Titel nach, die, ihrer Kammerjungfer vertreten habe." –

Diese unerwartete Nachricht brachte mich so ganz aus meiner Fassung, dass ich in diesem Augenblicke höchst verlegen war, welcher von ihren beiden schönen Eigenschaften ich vorzüglich huldigen