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in dem Gewebe Deines geistigen Daseinseinen schwarzenhervor tretenden Zug aus der Seele Schach Nadirs." – Meine zitternden Lippen suchten zu sprechen; aber das Schreckliche dieser Ankündigung erstickte den laut meiner Frage. – Er beantwortete sie dennoch: "Fluche deinem Unmute! Du hast in der Abendstunde des Ruhetags dieser Woche ein armes verirrtes Mädchen, den Wölfen Preis gegebenHast du es nicht? – Nur die Seele eines Tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen Gedanken fassen! Nur die Zunge eines Impotenten konnte ihn aussprechen."

Dieser harte Vorwurf kränkte meinen Stolz über die massen. – "Heiliger Prophet!" rief ich mit männlicher stimme – "Ist das arme geschöpf ein Raub der Wölfe geworden, so war es doch nicht meine Absicht. Das Schicksal hat unschuldige Worte missverstanden." – Indem aber regte sich mein GewissenSind das unschuldige Worte, die Unmut und Harterzigkeit eingiebt? Versagte ich nicht der Bedrängten den Schutz, den sie bei mir suchte, ohne mich um die Folgen meiner Verweigerung zu bekümmern? Ach, es ahndete mir nicht, dass sie von so trauriger Art sein würden.

Während dieses trüben Gedankens, in welchen ich mich stillschweigend verlor, verliefen die wichtigen Minuten, die mir noch vergönnt waren, in Rapport mit dem grossen Seher zu sein, und die ich, ach! zu meinem ewigen Kummer, so ungenutzt vorbei streichen liess. Ich hörte nur noch Ein Wort aus seinem mund – "Ich will aufwachen!" sagte er: und zugleich öffnete der Bediente die Tür und entliess mich, nicht auch ohne ein kleines Wunder auf seiner Seite zu tun; denn er schlug einen Dukaten aus, den ich ihm als eine Erkenntlichkeit in die Hand drücken wollte.

O mein geliebter Eduard! Was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich mich länger in der heiligen Atmosphäre dieses Mannes aufhalten dürfen? Ich fühlte schon jetzt eine Veränderung, einen Widerspruch in meiner bisherigen denkart, die mir, ich bin es überzeugt, das einfältigste Ansehen von der Welt geben musste. Ich stolperte vor mir hin, ohne auf etwas zu achten, was ausser mir war. Bald hob ich meine Augen, bald meine hände gegen Himmel, lehnte mich zuletzt vor überströmender Empfindung an einen Laternenpfahl, und sprach so laut mit mir selber, dass der Prinz von Rohan, der indessen, und wenn ich nicht irre, den Arzt im Husarenpelze an seiner Seite, bei mir vorbei fuhr, halten liess, und mich mit Verwunderung betrachtete. – Aber so eine Erfahrung, als ich eben gemacht hatte, erhebt auch unsern Geist zu hoch, als dass die kleinen armseligen Verhältnisse des Wohlstandes noch einen Eindruck aus ihn machen könnten. – Mit glühendem gesicht trat ich in meinen Gastof, konnte dem Wirt, der mir neugierig entgegen kam, nur stillschweigend die Hand drücken, winkte meinen Johann, der meiner an der Treppe wartete, auf mein Zimmer, winkte ihn wieder hinaus, und warf mich, wie vom Schlage gerührt, in meinen Armstuhl. – Unvermögend Dir zu sagen, was indess in meinem inneren vorging, erinnere ich mich nur, dass mein Herz in schweren Träumen, und mein Verstand in hohen Phantasien lag, als mich die Glocke der Mittagsstunde wie zu einem Urteilsspruche weckte. Ich sprang von meinem Sitze auf, ergriff Stock und Hut, und eilte dem Wunder zu, das meiner auf dem Münster wartete.

Schon hatte ich seine ersten zehn Stufen hastig erstiegen, als mir einfiel, dass ich sie nicht zählte. Erforderlich wie dieses war, um die mir angewiesene mystische Zahl der zwo Neunen zu erfüllen, ging ich wieder zurück, und trat nun meine sonderbare Pilgerschaft mit aller der Bedachtsamkeit an, deren ich bei meinem hoch pochenden Herzen fähig war.

Was für mancherlei unbekannte Dinge beherbergen wir nicht in uns, liebster Eduard, die uns, bei aller unsrer belobten Selbsterkenntnis in Erstaunen setzen, wenn sie ein Zufall aus ihrem Winkel hervor zieht! Kannst Du wohl glauben, was ich Dir sagen werde? und doch ist es gewiss: So lange meine gespannten Kräfte anhielten, verlor das Wort des Propheten nicht das geringste von seinem Werte in meiner Vorstellung; je schwerer mir aber im Fortgange der Atem ward, je langsamer ich stieg, desto vernehmlicher schien sich ein Gedanke in mir zu entwickeln, der das Gefühl meines Glaubens immer mehr und mehr schwächte. "Was," sagte ich zu mir selbst, "würden Deine Freunde in Berlin von Dir denken, wenn sie Dich in dieser mühseligen Wanderung erblicktenund zu welcher wichtigen Absicht? Um auf der Spitze eines Turms, der täglich von Hunderten bestiegen wird, einen Schatz zu suchen!" – Zum erstenmale ward es mir höchst verdriesslich, an Euch zu denken; und doch wollte es mir nicht gelingen, der Vorstellung, die mich so sehr demütigte, wieder los zu werden. Ich fing an mich vor mir selbst zu schämen. – Das heilige Zutrauen zu den Worten des Propheten nahm merklich ab, je näher ich den Beweisen kamdennoch stieg ich fort, und mit der letzten Neune, die ich zu zählen hatte, sah ich mich, bis zum Umfallen ermüdet, und so schwach am Glauben als möglich, auf der berühmten Platteforme des Turms. Ich warf mich auf den ersten steinernen Ruhesitz, den ich erreichen konnte, doch so entkräftet, dass ich Mühe hatte, mich sogleich der Ursache meines Hierseins zu erinnern. Mein zurück kommendes Bewusstsein war nichts weniger als angenehm; kaum wusste ich