ihrem Strahlenkreis nähert. An den beiden Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliotek hinter vergitterten Schränkchen hervor, über die Genien und Amoretten von kararischem Marmor Wache – statt des Gewehrs aber ein blau seidnes Schnürchen in der Hand halten, das die matterzigste nur mit einem Finger anziehen darf, um diese reichen Schätze geistiger Erholungen zu entriegeln. In der Mitte der Rotunde bläht sich ein einzelner elastischer Sopha, dem Hochaltare gegenüber, auf welchem in einem ziemlich abgenutzten Einbande, gleich dem buch des Schicksals die Annalen des Fürstlichen Hauses, bis auf die leeren Blätter aufgeschlagen da liegen, die zur Fortsetzung bestimmt sind. Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eignen Hand des Stifters. Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen, die ich Ihnen gelegentlich zum Versuch mitteilen will, ob es Ihnen besser gelingen wird als mir das Kauderwälsch zu enträtseln." Hier schien es dem guten mann einzufallen, dass ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer grösseren Schwatzhaftigkeit möchte verführt haben, als einem pensionirten Kammerherrn anstünde – er legte auf einmal das Blatt verdriesslich auf den Tisch, griff nach Hut und Stock und eilte nach der Tür. "Warten Sie nur einen Augenblick," hielt ich ihn auf, "bis ich meinem Bedienten geklingelt habe, um Ihnen nach haus zu leuchten. Unmassgeblich könnten Sie ihm auf seinem Rückwege die versprochene Vorrede mitgeben, wenn Sie solche bei der Hand haben." "Wohl!" sagte er, und verliess mich. Bald darauf händigte mir mein Laternenträger die Handschrift ein. Ich hatte mich inzwischen in mein Studierstübchen zurückgezogen, und ohne dass ich prahlen will, war mir nach drei Stunden, mit hülfe meines Glossariums, eine verständliche Übertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen gelungen, dass ich vor Freude den Kammerherrn hätte küssen mögen; denn erst jetzt sah ich um wie ungleich mehr mir seine Unkenntniss in den Schriften der Vorzeit wert war, als sein im grund verworrenes Geschwätz. Der Stiftungsbrief des edlen Erbauers jener Kapelle entält neben manchen andern Vorschriften einen ungemein treuherzigen Zuruf an seine männlichen Nachkommen. Man sieht in jeder Zeile wie gut er es mit ihnen meint, und wie viel ihm an der ächt ritterlichen Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei – und obschon die Sicherheitsmassregeln, die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehälften empfiehlt, von unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen, als das Heldenbuch von Gessners Idyllen, so kann man doch bei den grundsätzen von denen er ausgeht, höchstens die Achseln zucken und lächeln, ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen – So bestimmt er z.B. eine jährliche Extra-Steuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis ins Grab verschwiegenen Matrone, die er, vor der standesmässigen Uebergabe seiner Verlobten, zur Beglaubigung ihrer jungfräulichen – und nachher zur Bewachung ihrer Würde als Landesmutter ohne Einfluss ihrer Oberhofmeisterin angestellt wissen will. Diese Stelle seiner Vorrede, mit allen den einzelnen Anweisungen, die ich jedoch vor der Hand noch übergehe, gab mir einen ganz andern Begriff von den Pflichten der ehrwürdigen Bewohnerin des roten Turms, die mir kurz vorher der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte.
Während dem Entziffern der gotischen Buchstaben der veralteten Urkunde, war der Wunsch bei mir rege geworden, die beiden Pilger vor dem Eintritt in die Kapelle persönlich kennen zu lernen.
Meinst Du nicht auch, dass es in unsern moralischen sowohl als physischen Studien einen eignen Spass macht, wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters, die scheinbar tot vor uns liegt, die Farbe seiner Flügel und die Lebhaftigkeit vorher zu erraten gesucht haben, mit der wir ihn, nach seiner Ausbildung, dem ängstlichen Naturzwange entschlüpfen, und erstaunt über seine schöne Verwandlung mit funkelnden Augen dem blühenden Jelänger jelieber zuflattern sehen. Jung wie ich damals und sehr geneigt zu so einem Gedankenspielwar, kam es mir auf eine Reise von ein paar Meilen nicht an, um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu machen.
Ich entschloss mich kurz, liess meinen Staatsrock einpacken und richtete es so ein, dass ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf. –
Aber hier, wo ich vor dem grünen Lorbeerbaum still hielt, schien es, als ob mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hätte, um mir das Vergnügen einer wohltätigen Handlung zu verschaffen, die, zehn Schritte weiter, nicht mehr möglich war. Denn in dem Augenblicke, da ich den Schlag meines Wagens hinter mir zuwarf, war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff aus dem ihrigen zu steigen, verfehlte aber den Tritt, und hätte, ohne mein schnelles Zuspringen, Gott weiss, welchen hässlichen Fall, auf das Steinpflaster getan.
Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln. Sie zitterte noch an meinem arme, den ich ihr, ohne noch zu wissen, wie jung und schön sie war, aus blossem Antrieb gemeiner Höflichkeit darbot, um sie durch das Gedränge des Gastofs hindurch in das Zimmer zu führen, das man ihr anwies. Ein noch günstigerer Zufall machte mich hier – so verschieden sind bei aller Familienähnlichkeit, die verschwisterten Horen unsers Lebens – näher noch zu ihrem Nachbar, als ich es bei Klärchen geworden bin. Das Haus war so von Fremden besetzt, dass mir der Wirt nur ein Hinterstübchen ohne Ausgang einräumen konnte, das von ihrem Zimmer bloss durch eine Tür getrennt war, die man jedoch von der einen wie von der andern Seite verriegeln konnte. Der Fehltritt des, wie ich nun sah, höchst lieblichen Mädchens, erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft. – Wir wechselten zuerst unsere Namen gegen einander aus.