können wohl denken, mein Herr, wie der allgemeine unerträgliche Lärmen beiderlei Geschlechts, den die Gauklerin so gewiss wieder als die vorigen beiden Male, wo es meine eigenen Ohren empfanden, in der Residenz veranlassen wird, manchen ehrlichen Mann, den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter erhält, in dem Schlafe stören muss. Unbegreiflich ist es daher gar nicht, warum sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung geniesst, als der erste Minister. Auch trägt sie die Nase höher als er, und damit sie ja in ihrem Amtsgeschäfte keinen Schein von Beweisen übersehe, auf die sich ihr Richterspruch gründet, trägt sie noch obendarauf eine Brille. "Qu'après demain – Dieu le grand Dieu confonde." Hier stampfte er mit dem fuss und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Ist der Mann toll, dachte ich. Was in aller Welt geht dich doch die alte Runkunkel sammt ihren Deutereien, ihrer Brille, ihren prophetischen Spinneweben, und was geht dich vollends der alte Groll an, den er, Gott weiss aus welcher Ursache, gegen sie gefasst hat. –
"Aber, lieber Kammerherr," wendete ich mich lächelnd an seine verstörte Miene, "was hat es denn nun eigentlich für eine Bewandtniss mit der Kapelle, die Ihnen über dem alten weib ganz aus den Augen gekommen ist?" – "Diese steht," kam er endlich wieder. ins Gleis, "ausser jener Blindschleiche, die einen Tag um den andern dort herum kriechen und kehren muss, unter dem alleinigen Verschluss des jedesmaligen Regenten, zu der er, nach dem Testamente seines Ahnherrn, sogar seinem Sohn und Erben den goldnen Schlüssel nicht eher, als in der Stunde seines Beilagers anvertrauen darf. Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehändiget; die er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt wieder zurückliefern muss – und die, was glauben Sie wohl? den Neuvermählten unter den drohendsten Beschwörungsformeln verbietet, das hochzeitliche Bett zu besteigen, bevor sie nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet hätten. – Trotz des heftigen Gegenstosses von widereinanderlaufenden Empfindungen, den ein so unerwarteter Befehl bei Jedem hervorbringen muss, dem er in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt, ist nun schon seit undenklichen zeiten dieses sonderbare Herkommen, wie ein elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben übergegangen, dass an dessen gewissenhafter Befolgung das Glück des Fürsten und die Wohlfahrt des Landes gebunden sei, so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder verkündiget worden sei, die den begeisterten Augen der unzähligen Sibillen im roten Turme vorüberzogen. Lange wähnte man, der mysteriöse Turm verwahre unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten. Da sich aber ein Finanzminister nach dem andern erbot, den Ungrund dieses Gerüchts aus den Kammerakten darzutun, so würde sich noch keine Seele rühmen können, das geheimnis erforscht zu haben, hätte sich nicht das liebe Ungefähr ins Mittel geschlagen. Der jetzige Herr, der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin zur religiösen Einsamkeit kannte, liess ihr, da er eben auf die Hirschbrunst verreiste, den goldnen Schlüssel zu der abgelegenen Kapelle zurück, um sich durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glücklichen Stunden über seine Abwesenheit zu trösten. Was er aber nicht erwartete geschah. Die Hochselige verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle. Ein Kamerad und Blutsfreund von mir fand und hielt ihn für den seinigen, und versuchte ihn an dem zugehörigen schloss, das er ohne Mühe öffnete; der Zufall, dachte er, soll mir nicht umsonst diesen Fund in die hände gespielt haben, und so bemächtigte er sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit innigster Freude, und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit aller Bequemlichkeit. Einst, in einer traulichen Abendstunde, entdeckte er mir sein Abenteuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Auch sind Sie der erste, dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde. Nach der Beschreibung meines lieben Vetters, sollte man die fensterlose Rotunde eher für das Museum eines Liebhabers der Kunst, als für ein Betzimmer halten, denn mit diesem hat sie nur eine entfernte Aehnlichkeit. Sie ist mit einem gläsernen Kuppelgewölbe überspannt, durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern. Doch scheint es, der verständige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig geschlossen, dass die beiden hieher verlockten Andächtigen sich und das Irdische nicht so weit aus den Augen verlieren würden, um nach dieser eine Weile angestaunten äterischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen behaglicheren entgegen zu sehen – und in diesem wohlberechneten Augenblicke bricht, wie aus einem Krater, eine Lichtmasse aus der Tiefe des roten Turms herauf, die ihre dunkeln Ahndungen aufklärt, und zugleich, indem alles was sie umgiebt, Farbe und Beleuchtung erhält, eine Sammlung trefflicher Malereien bestralt, die ihre bänglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt, was Gott, natur und Fürstenpflicht in dieser feierlichen Stunde von ihrem Dasein verlangen. Nun frag' ich Sie selbst, mein Herr! ob einem mit diesen ernsten Anforderungen unbekannten kind nicht grün und gelb vor den Augen werden muss, wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel gerät, gegen den die glänzendste Oper nur eine Armseligkeit ist? Die übrigen Verzierungen dieses Heiligtums bestehen in zwei grossen Wandspiegeln, die von dem fuss des sammetnen Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen, und alles auffassen und treu abgebildet zurückgeben, was sich